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Versorgen Facebook und Co. einen privaten Überwachungsdienst mit Nutzerdaten?

Benedikt Plass-Fleßenkämper 12.10.2016

US-Bürgerrechtler erheben schwere Vorwürfe gegen Facebook, Instagram und Twitter: Die sozialen Netzwerke sollen dem Überwachungsdienst Geofeedia Nutzerdaten zugänglich gemacht haben. Dieser wird unter anderem von der Polizei zur Verfolgung von Demonstranten eingesetzt.

Dass die Nutzung sozialer Netzwerke immer auch mit der teilweisen Aufgabe von Privatsphäre einhergeht, wissen wir. In welchem Ausmaß Dienste wie Facebook und Twitter ihre Nutzer zu gläsernen Menschen machen, wird immer wieder hitzig debattiert. Eine Untersuchung der US-Bürgerrechtsgruppe ACLU wirft diese Frage nun erneut auf – und kommt zu alarmierenden Ergebnissen.

Der Organisation liegen nach eigenen Angaben E-Mails vor, in denen der Überwachungsdienst Geofeedia seinen Service gegenüber Polizeibehörden mit dem exklusiven Zugang zu Nutzerdaten von Facebook, Twitter und Instagram bewirbt. Eine vorangegangene Erhebung der ACLU hatte ergeben, dass 20 Polizeistationen in Kalifornien Dienste wie Geofeedia einsetzen, um soziale Netzwerke zu überwachen.

Eine noch recht neue, aber sich schnell verbreitende Praktik. Sie soll insbesondere bei den teilweise von massiven Ausschreitungen begleiteten Demonstrationen gegen Polizeigewalt in den USA zum Einsatz gekommen sein, um eventuelle Unruhestifter im Vorfeld zu identifizieren und ihren Aufenthaltsort zu ermitteln.

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Die ACLU-Enthüllungen zeigen schon Wirkung, sowohl Facebook und seine Tochterfirma Instagram als auch Twitter reagierten umgehend auf die Anschuldigungen. Instagram soll gegenüber der ACLU bestätigt haben, dass es Geofeedia den Zugang zu öffentlichen Nutzerbeiträgen mit sofortiger Wirkung entzogen hat. Auch Facebook hat dem Überwachungsdienst demzufolge den Zugriff auf einen nach Themen sortierten Feed mit öffentlichen Nutzerbeiträgen gesperrt. Gegenüber TechCrunch relativierte das Unternehmen die Anschuldigungen allerdings und erklärte, dass Geofeedia lediglich Zugriff auf Daten gehabt habe, die Nutzer ohnehin der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hätten. Die nun enthüllte Nutzung der Daten durch Geofeedia entspreche jedoch nicht Facebooks Richtlinien für Entwickler, weshalb man den Zugang nun geblockt habe.

Twitter gab kurz nach Veröffentlichung des ACLU-Berichts bekannt, dass man auf Basis der neuen Erkenntnisse die kommerzielle Zusammenarbeit mit Geofeedia beendet habe. Aus den zuvor enthüllten E-Mails war hervorgegangen, dass Geofeedia Twitter für den Zugriff auf Nutzerdaten bezahlt hatte.

Die ACLU begrüßt die Reaktionen der Social-Media-Unternehmen, gibt allerdings zu bedenken, dass weder Facebook noch Instagram explizite Richtlinien hätten, die den Handel mit Nutzerdaten zu Überwachungszwecken ausschließen. Die Organisation fordert deswegen von den Betreibern klare und eindeutige Nutzungsbedingungen und ein generelles Verbot der Herausgabe von Nutzerdaten gegenüber Entwicklern von Überwachungssoftware.

Die Forderung nach mehr Transparenz im Umgang mit den Nutzerdaten ist nicht neu für sie Social-Media-Unternehmen. Seit Jahren warnen Experten vor der Datensammelwut sozialer Netzwerke. Zuletzt sorgte Facebook mit der Übernahme von WhatsApp-Daten zu Werbezwecken für Wirbel. Deutsche Datenschützer laufen Sturm gegen das Vorhaben, Telefonnummern aus der Messenger-App in das soziale Netzwerk zu importieren, ohne dass Nutzer diesem Schritt ausdrücklich zustimmen.

Unabhängig von Überwachungssoftware werden soziale Netzwerke vor allem in Ländern mit strikter Zensur zunehmend dazu eingesetzt, Menschen zu kontrollieren. Erst im Mai wurden im Iran mehrere Frauen verhaftet, nachdem sie angeblich zu freizügige Fotos von sich auf Instagram veröffentlicht hatten.

Für Geheimdienste sind soziale Netzwerke derweil schon seit geraumer Zeit ein Mittel zur Überwachung der Bevölkerung. Wie aus den Enthüllungen Edward Snowdens unter anderem hervorging, zapfen die NSA und andere seit Jahren Dienste wie Facebook an, um Zielpersonen auszuspähen. Das soziale Netzwerk geht seitdem aktiv gegen Überwachungsversuche der Regierung vor und warnt betroffene Nutzer sogar vor entsprechenden Zugriffen.

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