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Warum ihr selbst auf die Snowden-Dokumente zugreifen solltet

Max Biederbeck 05.02.2016

Die beste Quelle ist das Original. Erschreckend schwierig war es bisher, sich einen Überblick über die Leaks von Edward Snowden zu verschaffen. Daran üben jetzt gleich mehrere Projekte Kritik. Sie arbeiten an der für sie wichtigsten Datenbank der digitalen Geschichte: den Snowden Archives.

Deborah Natsios ist nach Berlin gekommen, um sich über Edward Snowden zu ärgern. Zu Hause in New York betreibt sie mit ihrem Partner John Young seit Jahren eine Website für Leaks und Whistleblower. Auf Cryptome finden User eine wilde Sammlung an Informationen zur Meinungsfreiheit, Kryptographie und Überwachung. Natsios ist eine energische Kämpferin gegen die Machenschaften der Geheimdienste. Auf ihrer Plattform veröffentlichte sie etwa die Identität des CIA-Analysten, der den Aufenthaltsort Osama Bin Ladens herausgefunden hatte. Zu Hause sorgte das für Streit. Aber das kann sie gut, streiten, denn wie gesagt: Auch heute Abend, am zweiten Tag der transmediale-Konferenz in Berlin, ärgert sie sich ordentlich.

„Wir bräuchten mal einen Whistleblower aus den Reihen der Whistleblower-Gehilfen“, faucht sie. „Edward Snowden taucht nur noch als Kopf auf Leinwänden auf. Seine Leaks werden ausschließlich durch seine Agenten unter die Leute gebracht.“ Mit den Agenten meint Natsios vor allem den Journalisten Glenn Greenwald und seine Plattform The Intercept. Aktivisten werfen ihm vor, die restlichen Dokumente von Snowden absichtlich zurückzuhalten, um damit Gewinn zu machen. Greenwald antwortet, unter anderem gegenüber WIRED, immer wieder gleich: Es ginge darum, die Aufmerksamkeit für das Thema hoch zu halten, und nicht um Profit. Doch egal, welche Motive dahinter stehen, die Zerstückelung führt zu einem Problem.

Die wichtigsten Leaks unserer Zeit liegen nur teilweise und nur als Schnipsel vor. „Sie sind verteilt auf einzelne Medien, Wikis und Blogs“, sagt M.C. McGrath, der Gründer von Transparency Tool Kit.

Seine Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Journalisten, Forscher und Aktivisten mit Software zu versorgen, um Open Source Intelligence auszuwerten. Das sind Informationen, die offen im Internet vorliegen und nicht extra von Geheimdiensten erhoben werden müssen. Genau wie die Snowden-Dokumente. McGrath hat zusammen mit der Courage Foundation damit begonnen, die existierenden Dokumente überall aus dem Netz zusammenzutragen und in eine Datenbank zusammenzufassen. Auf der Snowden Doc Search lassen sich die existierenden Dokumente nach Stichwörtern durchsuchen, nach Ländern und nach beteiligten Agencies. „Es gibt zwei Möglichkeiten, gegen Geheimdienste zu arbeiten“, sagt McGrath. „Entweder man erhöht den Preis der Überwachung, bei der NSA ein fast unmögliches Unterfangen, oder verringert die Kosten für Transparenz. Das versuchen wir hier.“ Und sein Ansatz funktioniert. Anwälte benutzen sie für ihre Rechtsgutachten, Aktivisten, um die Methoden der NSA zu studieren und ITler, um die Technik zu verstehen.

Ein Google für die Snowden-Dokumente

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Evan Light von der Concordia University. Mit seinem Archiv will er vor allem die Sicherheit der User vor Überwachung beim Browsen garantieren. Deswegen, so erklärt er, zeige er in seinem Projekt, wie sich jeder ein eigenes Offline-Archiv der Snowden-Dokumente anlegen könne. „Seiten wie WikiLeaks werden gehackt oder gesperrt, User überwacht. Mein erster Gedanke war: Get the fuck of the internet“, erklärt er. Es brauche nur 60 Dollar, einen Raspberry Pi, eine SD-Karte und das Dokumenten-Zip, um seine Idee des Snowden-Archive-in-a-Box zu bauen.

„Es ist wichtig zu zeigen: Wer steckt hinter Prism, wie ist dieser digitale Staat aufgebaut?“, erklärt Andrew Clement, Sicherheitsforscher an der University of Toronto. „Das ist von historischer Bedeutung.“ Auch er ist an einem Projekt beteiligt, dass die Snowden-Leaks, Zusammenhänge und Hintergründe dokumentieren will: Das Snowden Digital Surveillance Archive. „Wir versuchen auch zu zeigen, wie die privaten Unternehmen involviert sind, denn sie stecken hinter den zentralen Datenpunkten der Welt unter anderem in Frankfurt“, so Clement. Dazu brauchen Forscher wie er aber eine gute Datenlage, sie brauchen die restlichen ungefilterten Dokumente.

Es geht dabei nicht nur um die NSA. „Die NSA hat einmal den Bürgern gedient und sie mit Anti-Spyware wie Verschlüsselung ausgestattet. Dann kam 9/11“, sagt Aktivist John Young. Diese Technik zu verstehen, helfe auch gegen den Missbrauch unserer Daten durch Unternehmen und anderen Staaten wie Russland und China. „Deswegen muss Snowden endlich den Rest freigeben und nicht nur über seine Agenten mit der Öffentlichkeit kommunizieren“, ärgert sich Natsios weiter. Die Macht über die Leaks sollte nicht bei einigen Medienschaffenden liegen, sondern bei den Menschen selbst. 

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