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Tech-Darwinismus: Vom Menschen, der zum Gott werden will

Max Biederbeck 21.02.2017

Stephen Hawking und Elon Musk haben die falsche Frage gestellt. Wir werden weder gegen die Maschinen kämpfen, noch Frieden mit ihnen schließen: Wir verschmelzen miteinander. Doch das führt zu ganz neuen Konfliktlinien in der Gesellschaft – vielleicht sogar zur Entzweiung der Menschheit. (Teil 2 unseres Schwerpunkts zum Thema „Mega-Mensch“)

Die Evolution begegnet mir morgens in der U-Bahn. Zwischen Heinrich-Heine-Straße und Berliner Alexanderplatz nimmt sie die Form einer Frau an, die fieberhaft auf ihr Kind einredet.

Mutter: „Du musst die Sache mit den Robotern in deinem Aufsatz an der richtigen Stelle bringen!“
Sohn (11): „Mach ich doch! Hier, ich schreibe: Die Maschinen machen bald unsere Arbeit.“
Mutter: „Du erklärst aber nicht, was das bedeutet.“
Sohn: „Mache ich wohl! Wir müssen einfach schlauer werden, hier steht's.“
Mutter: „Das reicht nicht, das ist doch kein richtiges Argument!“
Sohn: „… Ich finde, das reicht.“
Mutter: „Dann schreib deinen Aufsatz halt alleine, wenn du jetzt patzig wirst. Ich muss aussteigen.“

Der Familienzwist verblüfft mich. Nicht nur, weil der Dreikäsehoch einen Aufsatz über Roboter auf dem Arbeitsmarkt schreibt (Kompliment an die Schule!). Er verteidigt auch wacker seine Argumentation. Der Kleine hat verstanden: Die Maschinen übernehmen jeden Winkel unseres Lebens, in diesem Fall unseres Arbeitslebens. Und er gibt eine scheinbar einfache Antwort auf diese Entwicklung. Während sich seine Mutter fürchtet und fragt: „Was wird aus mir?“, steht für ihn fest: „Ich werde selbst besser“.

Die  Szene zeigt auch einen Unterschied zwischen den Generationen. Die alte erlebt gerade eine Renaissance der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und eben auch technologischen Unsicherheit. Sie schaut zu, wie das Internet vom einstigen bunten Wunderkind zum ernsten Erwachsenen wird. Datenüberwachung, Hacks, Profiling, Trolle und Manipulation beherrschen die Schlagzeilen. Die junge Generation hingegen wird das alles schon kennen, wenn sie erwachsen wird. Sie geht mit den Problemen von heute wie selbstverständlich um, und springt deshalb bereits jetzt jugendgerecht nach vorn.

Hunger, Krankheit und Krieg sind nicht länger unvermeidliche Tragödien sondern Herausforderungen, die sich bewältigen lassen

Yuval Noah Harari in „Homo Deus“

In meiner Arbeit bei WIRED begegnet sie mir häufig, diese Spannung zwischen denen, die dem Fortschritt noch folgen können und denen, die nicht mehr klarkommen. Früher sprach man gerne von den Digital Natives und den Angelernten. Was passiert aber, wenn die technologische Entwicklung sich so stark beschleunigt, dass aus dieser Spannung eine Spaltung wird. Wenn es nicht mehr um online oder offline geht, sondern um zwei unterschiedliche Realitäten – wenn Mutter und Sohn in komplett getrennten Welten leben statt sich nur misszuverstehen?

Dieser Frage geht Yuval Noah Harari in seinem neuen Buch Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen nach. Bekannt wurde der 41-jährige Historiker aus Jerusalem durch seine Kurze Geschichte der Menschheit. Jetzt widmet er sich der Zukunft, zur Eroberung des Arbeitsmarktes durch Roboter etwa stellt er fest: „Menschen müssen etwas tun, sonst werden sie verrückt. Was werden sie den ganzen Tag machen?“ Die Antwort deutet auf Spaltung hin: Die einen schaffen es, sich anzupassen, die anderen bleiben auf der Strecke. Aus dem Homo Sapiens entwickelt sich laut Harari der Homo Deus – der Mensch, der danach strebt, ein Gott zu sein.

C.H.Beck

Seine Theorie: Die drei großen Plagen der Menschheit verlieren zunehmend ihren Schrecken. Hunger, Krankheit und Krieg seien nicht länger „unvermeidliche Tragödien“ sondern Herausforderungen, die sich bewältigen lassen. Die Probleme von heute, etwa Kriege, ließen sich auf menschliches Versagen zurückzuführen und beruhten nicht auf einem göttlichen oder naturellen Imperativ. Und das hat Folgen.

Zunehmend wollen die Menschen mehr als nur gesund sein, sie wollen ewig leben. Sie wollen mehr als nur satt sein, sondern dauerhaft glücklich. Ihr Wunsch nach Frieden wird ersetzt vom Streben sich weiterzuentwickeln. In diesem Dreiklang – Unsterblichkeit, Glück, Gott-Streben – vermutet Harari nicht weniger als die großen Konfliktfelder des 21. und vielleicht auch 22. Jahrhunderts. An ihnen würden sich Debatten auftun, schreibt er, die wir im Moment höchstens erahnen können.

Wenn die heute 11-Jährigen den Tod in Zukunft als biologisches Problem begreifen, das sie überwinden können, welchen Stellenwert bekommen dann Christentum, Islam oder Hinduismus dieser Welt? Religionen und große Teile der Philosophie definieren sich über das Jenseits und weniger über das Diesseits – und sie beeinflussen nur ein kleinen Teil unseres Zusammenlebens.

Einige Experten glauben, dass die Menschheit bis zum Jahr 2200 unsterblich sein könnte. Wir werden dann kranke Körperteile austauschen, Organe nachzüchten und Krankheiten per Genmanipulation ausradieren. Auch weniger Optimistische gehen davon aus, dass unsere Lebensspanne bald auf 150 Jahre steigt. Man muss sich die sozialen Auswirkungen vorstellen: Immerhin definieren sich nicht nur Religionen über den Tod, sondern auch unser Leben als solches. Wer gerne arbeitet, dessen Job wird von Maschinen erledigt – auch der Rest des Lebens wird sich schwerer mit Sinn füllen lassen. Bisher wollen Künstler sich verewigen, Unternehmer Imperien schaffen, Wissenschaftler forschen und entwickeln – alles für ein „Nach ihrer Zeit“. 

Wie also den Homo Sapiens so umbauen, dass er noch Glück und Freude empfinden kann, wenn er sich plötzlich in einer vollautomatisierten Beinahe-Unendlichkeit wiederfindet?  Die Sinnsuche gestaltet sich ja jetzt schon schwierig: Trotz allen Fortschritts ist der selbstgewählte Tod ein echtes Problem in modernen Gesellschaften, genauso der übermäßige Missbrauch biochemischer Stoffe vom Alkohol bis zum Heroin, nur um dem kurzfristigen Glück hinterherzujagen.

Dem stellt Harari die letzte, die ultimative Reise gegenüber. Der Mensch wird zum Gott, nicht im Tod, sondern im Leben. Die Upgrade-Möglichkeiten scheinen grenzenlos: Biotechnik erlaubt es, unser eigenes Wesen zu verändern. Das Gehirn umprogrammieren oder sich einen dritten Arm wachsen lassen? Kein Problem. Unsere Gedanken direkt als Daten hochladen, an vielen Orten gleichzeitig sein, vielleicht sogar zu fremden Planeten zu reisen. Geschenkt.

Es gibt viele Fans solcher Ideen, die meisten sitzen im Silicon Valley. Erst im Februar forderte der Tesla-Gründer und Visionär Elon Musk: Um in Zukunft weiter mit unseren Geräten und Maschinen zurechtzukommen, müssten wir alle zu Cyborgs werden. „Mit der Zeit werden wir ein Zusammenwachsen von biologischer und digitaler Intelligenz erleben“, sagte Musk auf dem World Government Summit in Dubai.

Diese Konflikte entfalten einen technologischen Darwinismus – das Überleben des technologisch Bestangepassten

Das klingt alles abenteuerlich – möglich ist es. Wir haben uns schon kurz nach dem Start von WIRED Germany vor drei Jahren verboten, den Satz zu schreiben: „Was aus einem Science-Fiction-Roman stammen könnte, ist jetzt Wirklichkeit.“ Zu oft verkam er zur Phrase, zu schnell überholten ihn noch radikalere Entwicklungen. Aber genau weil das eben so ist, dürfen wir auch über die Folgen des scheinbar noch so verrückten Fortschritts nachdenken. Harari versucht das in seinem Buch, bleibt dabei mitunter aber selbst stecken. „Was passiert wenn wir Geist und Körper völlig verändern können, lässt sich im Grunde nicht sagen“, räumt er ein.


Ich möchte mit mit einem eigenen Versuch zur Debatte beitragen und komme deshalb zurück zum 11-Jährigen und seiner Mutter. Denn ihr Streit offenbart grundlegend unterschiedliche Definition darüber, was die  Konfliktlinien einer Gesellschaft sind, die sogenannten Cleavages, wie Politikwissenschaftler sie nennen. Das Spannungsfeld Arbeitnehmer versus Arbeitgeber ist eine dieser Linien. Sie werden sich, da hat die Mutter Recht, in einem ersten Schritt radikal verändern – sozusagen disruptet. Diese Entwicklung hat schon begonnen, mittlerweile berichtet sogar die Tagesschau jeden Abend darüber. Die Schlagwörter heißen Digitalisierung, Industrie 4.0, Cyberwar oder Privacy-Debatte. Alles klassische Themenbereiche, die eine neue digitale Aufwertung erfahren.

Der Sohn aber gehört zu den ersten Zeugen völlig neuer Cleavages. Mensch versus Mega-Mensch könnten sie heißen oder Natürlich versus Verbessert. Diese Konflikte tauchen bald auf, und sie entfalten eine Art technologischen Darwinismus – das Überleben des technologisch Bestangepassten.

Darin könnten jene abgehängt werden, die wirtschaftlich, intellektuell oder auch moralisch keinen Zugang zu Hightech-Privilegien wie dem ewigen Leben erhalten. Wirtschaftlich, weil vielleicht das Geld fehlt, um sich zu verbessern. Intellektuell, weil die Gesellschaft eben nicht nur aus Ingenieuren besteht. Und moralisch, weil auch die zurückbleiben, die sich vielleicht einfach nicht zum Homo Deus verbessern wollen. So wie heute schon sozial Probleme bekommt, wer kein Smartphone und keinen Social-Media-Account besitzt. Wenn Technologie das Fundament unserer Selbst verändert, dann wird sich die Menschheit sowohl biologisch als auch gesellschaftlich an einer neuen Linie spalten.

Was passiert, wenn sich viele abgehängt fühlen, das macht der momentane Siegeszug des Populismus deutlich. Diese Entwicklung, das zeigt auch das Werk von Yuval Noah Harari, hat den Turbo-Lader noch gar nicht angeschaltet. Vielleicht können wir bald nicht mehr einfach so aus der U-Bahn aussteigen, wie die Mutter es getan hat.

Dieser Artikel ist Teil der WIRED Story Shots – Denkanstöße zu den wichtigsten Fragen der Digitalisierung. Diese Woche: Mega-Mensch – überholen uns die Maschinen, behalten wir die Oberhand oder verschmelzen wir mit ihnen zu höheren Wesen?

Teil 1: Superintelligente Computer werden die Welt so schnell nicht beherrschen
Teil 2: Tech-Darwinismus: Vom Menschen, der zum Gott werden will
Teil 3: Lässt sich der perfekte Mensch bald ausdrucken?
Teil 4: Warum wollen immer mehr Menschen zur Sex-Maschine werden?
Teil 5: Wie gefährlich sind KIs, die unsere schlechten Eigenschaften übernehmen?

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