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Tim Berners-Lee warnt vor einer Instrumentalisierung des Internets

Michael Förtsch 09.03.2018 Lesezeit 3 Min

Der Physiker und Informatiker Tim Berners-Lee hat das World Wide Web erfunden. Zum 29. Geburtstag des WWW warnt er vor einer Übermacht von Google, Facebook und andere Tech-Konzernen. Diese hätten bereits zu viel Einfluss auf das Netz und würden damit Innovation verhindern.

Im Jahre 1989 arbeitete Tim Berners-Lee als Informatiker am Kernforschungszentrum CERN. Dort erdachte er ein System zum Wissens- und Datenaustausch unter Forschern, Instituten und Universitäten. Als Basis dafür sollte das Hypertext-Format herhalten. Am 12. März desselben Jahres soll er seinem damaligen Vorgesetzten Mike Sendall den Plan für das System vorgelegt haben, aus dem dann das World Wide Web erwuchs. Der 29. Geburtstag seiner Erfindung ist für Tim Berners-Lee aber nicht nur ein Grund zur Freunde. Stattdessen sieht er das Internet vielmehr in Gefahr – und damit auch seine Nutzer. Dabei handelt es sich mittlerweile um knapp die Hälfte der Weltbevölkerung.

„Die Gefahren für das Web sind heute ganz real“, schreibt Tim Berners-Lee in einem offenen Brief auf der Seite der World Wide Web Foundation. In den letzten Jahren wären Soziale Medien immer wieder missbraucht worden, um Verschwörungstheorien zu verbreiten. Twitter-Bots und gefälschte Facebook-Profile hätten gesellschaftliche Spannungen heraufbeschworen und Wahlen wären durch sie beeinflusst worden. Dazu würden „Kriminelle ganze Schatztruhen von persönlichen Daten“ stehlen. Das Internet ließe sich zunehmend als Waffe und kriminelles Werkzeug instrumentalisieren. Einen der Gründe dafür sieht Berners-Lee auch in der Konzentration der Macht in den Händen einzelner Akteure – nämlich Plattformen wie Facebook, Google und Twitter.

„Das Web, an das sich viele vor vielen Jahre anschlossen, ist nicht mehr das, das wir heute sehen“, erklärt der 62-jährige Computerwissenschaftler und Physiker. Statt auf eine Vielzahl von Blogs und Websites konzentriere sich nun alles auf diese gewaltigen Plattformanbieter, die dadurch die Macht hätten, „zu kontrollieren, welche Ideen und Meinungen wir sehen und teilen.“ Sie wären in der Lage, für Mitbewerber schwer überwindbare Barrieren zu errichten. Potentielle Innovationen würden sie durch Aufkäufe verschlingen und negieren. Daher würden die „nächsten 20 Jahre weit weniger innovativ als die letzten“, fürchtet der WWW-Erfinder.

Die Lösung von Problemen wie Hassrede, Propaganda und vielem mehr dürfe nicht den betreffenden Firmen selbst überlassen werden. Denn die wären darauf abgestimmt, Profite zu machen und nicht einen sozialen Mehrwert zu schaffen. Stattdessen wären hier juristische und regulatorische Rahmen gefragt. Dabei gehe es letztlich weniger um das Wohl jener Menschen, die das Internet bereits nutzen, sondern um jene, die sich noch anschließen werden. Zwischen ihnen und den Plattformen müsste eine Balance und ein Ausgleich der Interessen stattfinden.

Tim Berners-Lee plädiert gleichzeitig auch dafür, mehr zu tun, um möglichst allen Menschen einen Zugang ins Netz zu gewähren. „Heute offline zu sein, das bedeutet, von Möglichkeiten ausgeschlossen zu sein, zu lernen und zu verdienen, wertvolle Dienste zu nutzen und an der demokratischen Debatte teilzunehmen“, sagt er. Ebenso sollten wir Mythen aufgeben, wie dass „Werbung das einzig sinnvolle Geschäftsmodell für Online-Firmen“ sei. All diese Probleme sollten wir als Bugs begreifen, die sich beheben lassen. „Heute möchte ich uns alle herausfordern, ein größere Ambitionen für das Web zu entwickeln“, schreibt Berners-Lee. Die hellsten Köpfen aus Technologie, Regierung, Kunst und Wissenschaft sollten wir zusammenholen, um die Gefahren für das Netz anzugehen.