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Neues Jahr, neuer Browser: Vivaldi ist die erste Wahl für Individualisten

Karsten Lemm 03.01.2017

Es muss nicht immer Chrome sein. Vivaldi lockt mit seinem Talent für Anpassungsfähigkeit Power-User an, die mehr aus dem Web herausholen wollen. Der Browser wird unter Leitung des früheren Opera-Chefs entwickelt und bietet eine Fülle an Funktionen zur Personalisierung und Arbeitserleichterung. Wir haben uns angeschaut, ob sich der Umstieg lohnt.

Nur nicht auffallen. Browser sollen ein Fenster zur weiten Welt des WWW sein, ihren Nutzern das Surfen erleichtern und dabei so weit wie möglich im Hintergrund bleiben. Das ist die Design-Philosophie der meisten Internet-Navigatoren – auch beim Münchner Newcomer Cliqz, den wir in Teil 1 dieses Tests besprochen haben.

Vivaldi geht andere Wege. Der Browser will der zentrale Anlaufspunkt für seine Nutzer sein: vollgestopft mit Funktionen, mitten im Geschehen und zugleich so inviduell wie möglich, selbst wenn das Eingewöhnung und mehr Komplexität bedeutet.

Auf der Startseite zeigt Vivaldi eine Vorschau ausgewählter Seiten – frei wählbar, wie das meiste bei dem wandlungsfähigen Browser.

Kaum etwas ist fest vorgeschrieben, Aussehen und Funktion lassen sich weitgehend an persönliche Vorlieben anpassen: Wer mag, kann offene Tabs senkrecht anordnen anstatt, wie üblich, quer am oberen Rand. Die Adresszeile darf oben oder unten stehen; seine Farben wechselt Vivaldi auf Wunsch zu bestimmten Uhrzeiten automatisch, und alle Tastaturbefehle sind frei wählbar – natürlich.

„Wenn man anfängt, mit den Einstellungsmöglichkeiten zu spielen, fühlt Vivaldi sich an, als wäre er eigens für Sie erfunden“, behauptet Jón von Tetzchner, Vivaldi-Chef und Initiator des Projekts. Der 49-jährige Isländer, der in den USA lebt, war viele Jahre lang Chef des Opera-Teams. Der Browser aus Norwegen machte sich als Trendsetter einen Namen, Funktionen wie Tabs und Speed Dial (eine Übersicht der meist besuchten Seiten) wurden bald von anderen übernommen. 

Adresszeile unten, Tabs am rechten Rand: Vivaldi erlaubt zahlreiche solcher Anpassungen an die Vorlieben seiner Nutzer.

Doch der einstige Außenseiter bewegte sich nach Management-Wirren und dem Verkauf an eine chinesische Investmentfirma immer stärker in Richtung Mainstream. Jón von Tetzchner, der seit 2011 nicht mehr bei Opera dabei ist, scheint die Kursänderung als eine Art Verrat an der Nutzergemeinde empfunden zu haben.

Also startete er sein eigenes Projekt, um den Browser zu schaffen, den er sich selbst wünschte: einen, bei dem die Standardeinstellungen kaum mehr sind als freundlich gemeinte Vorschläge der Entwickler. „Vivaldi ist nicht für den Durchschnitt optimiert“, sagt von Tetzchner. „Wir sind doch alle verschieden – warum sollten wir dann bei der Software, die wir am meisten benutzen, alle das gleiche wollen?“

Am liebsten hätte der eigenwillige Isländer bei Null begonnen, um alles nach eigenem Geschmack zu programmieren, aber das wäre zu aufwändig geworden. Deshalb basiert Vivaldi im Kern auf der Open-Source-Software Chromium und ist damit ein enger Verwandter von Chrome. Das hat den Vorteil, dass sich Browser-Erweiterungen aus Googles Web-Store in der Regel auch mit Vivaldi gut verstehen.

Perfekt für Multitasker: Tabs lassen sich gruppieren und dank Vorschau-Funktion auch wiederfinden, links der Facebook-Feed in der Seitenleiste.

Gedacht ist der Browser in erster Linie für Dauersurfer, die gern Dutzende – wenn nicht Hunderte – von Seiten gleichzeitig geöffnet haben: Vorschau-Bilder zeigen, was sich hinter Tabs verbirgt, sobald der Mauszeiger über den Reiterfeldern schwebt. Tabs lassen sich auch gruppieren, umbenennen und in ein neues Fenster übernehmen. Eine Spaltenansicht erlaubt es, mehrere Websites nebeneinander im selben Fenster zu betrachten. Die Breite der Spalten kann dabei allerdings nicht verändert werden.

Eine Seitenleiste, die sich ein- oder ausblenden lässt, geht weit darüber hinaus, lediglich Downloads und Lesezeichen aufzulisten. Sie nimmt auch Newsfeeds und ganze Websites auf, die man im Blick behalten möchte, weil sie häufig aktualisiert werden – etwa das Facebook- und das Twitter-Konto. Zum Wechseln zwischen den verschiedenen Nachrichtenströmen genügt ein schneller Klick.

Die Seitenleiste sammelt außerdem Notizen, die Nutzer zu Websites anlegen können. Vivaldi erstellt auf Wunsch auch einen Screenshot und speichert die Adresse der Seite. Ordner und eine Suchfunktion helfen beim Wiederfinden, selbst nach monatelanger Sammelei.

Notizen in der Seitenleiste machen es möglich, Bookmarks mit Anmerkungen zu versehen.

In Planung sind eine eingebaute Adressverwaltung und ein E-Mail-Programm. Die Befehle dafür tauchen als Menüpunkte kurioserweise schon auf, sie haben nur noch keine Wirkung. „Wir machen gute Fortschritte“, verkündet von Tetzchner, will sich aber nicht festlegen, wann die Funktionen offiziell implementiert sein werden.

Er selbst testet die E-Mail-Verwaltung bereits täglich. „Das ist ein sehr wichtiges Feature“, sagt er. „Schließlich hat fast jeder ein E-Mail-Konto.“ Mindestens eines, wenn nicht ein Dutzend. Entsprechend soll Vivaldi mehrere Konten unterstützen, alle Nachrichten zusammenführen und das Suchen im Archiv ermöglichen. Dazu erstellt der Browser einen Index, der lokal auf dem PC gespeichert wird. „Ich bekomme Hunderttausende von E-Mails“, erzählt der Vivaldi-Gründer, „und kann alles schnell wiederfinden.“

Normalnutzer müssen darauf noch warten, ebenso wie auf die neue History-Funktion. Bisher zeigt Vivaldi den Verlauf nur dann an, wenn man ein neues Tab öffnet – es gibt keine eigene Menüfunktion für besuchte Seiten. Das ist unpraktisch. Für ein Vivaldi-Update in naher Zukunft kündigt von Tetzchner eine neuartige Verlaufs-Anzeige mit statistischen Auswertungsmöglichkeiten an: „Die Darstellung ist völlig anders als sonst üblich“, sagt er. „Sie können an Grafiken sehen, wann Sie im Netz unterwegs waren, welches Ihre Topsites sind, und wir können Ihnen auch zeigen, wie viel Zeit Sie zum Beispiel bei Facebook verbringen.“

Spaltenansicht: Wer es schafft, den Überblick zu behalten, kann sich mehrere Websites parallel in einem Fenster ansehen.

Ehe Bedenken aufkommen, solche Daten könnten die Nutzer zu gläsernen Surfern machen, schiebt von Tetzchner schnell hinterher: „Das ist alles nur für Ihre eigenen Zwecke. Wir schnüffeln niemanden aus.“ Schließlich soll Vivaldi „ein Browser für unsere Freunde sein“ – so das offizielle Motto. „Und Freunde schnüffelt man nicht aus“, erklärt der Chef.

Mit dem Geldverdienen wolle und könne Vivaldi sich Zeit lassen, sagt von Tetzchner. Seine Anteile an Opera haben ihn wohlhabend genug gemacht, um das Projekt vorerst aus eigener Tasche zu finanzieren. Knapp 40 Entwickler arbeiten am Browser, vorwiegend in Norwegen, Island und den USA. Seit dem Start vor einem Jahr habe Vivaldi gut eine Million Nutzer gewonnen, sagt von Tetzchner – „typischerweise Leute, die aktiver sind und dann ihren Freunden von uns erzählen.“ So sei es bei Opera auch gewesen, „und heute hat Opera 350 Millionen Nutzer. Wachstum verläuft exponential, wir müssen nur dafür sorgen, dass Menschen überhaupt von uns wissen“.

Die Masse hat Opera nie begeistern können – aber auch das Leben in der Nische kann profitabel sein. Ein ähnliches Ziel haben sich die Entwickler für Vivaldi gesetzt.

Die Reichweite schränkt Vivaldi allerdings selber ein, indem sich das Team vorerst auf PCs und Laptops konzentriert. Eine Mobilversion soll zwar in den nächsten Monaten folgen, aber zunächst nur für Android, weil Apple bei iOS darauf bestehe, dass Browser anderer Hersteller auf dem hauseigenen Safari-Code („Webkit“ genannt) basieren, erklärt von Tetzchner.

Leichter geht es, wenn die Entwickler sich nur an ihre eigenen Regeln halten müssen. Einer von ihnen fing an, mit dem Ambilight-System von Philips zu experimentieren, und so beherrscht Vivaldi neuerdings das Kunststück, im Smart Home auch vernetzte Glühbirnen anzusteuern. „Jetzt wechseln wir nicht nur die Farbe im Browserfenster“, sagt von Tetzchner stolz, „sondern auch in Ihrer Umgebung. Es ist ein kleiner Schritt über den Browser hinaus.“

Das WIRED-Urteil:

Vivaldi überzeugt mit vielen nützlichen Funktionen, die die Arbeit im Netz erleichtern. Wer sich einmal an Dinge wie die Tab-Vorschau und den Facebook-Feed in der Seitenleiste gewöhnt hat, wird sie bei anderen Programmen schmerzlich vermissen. Die technische Nähe zu Chrome macht Vivaldi zur idealen Alternative für alle, die Chrome-Erweiterungen nutzen möchten (oder die Chromium-Engine brauchen), aber zu Google etwas Abstand halten wollen.

Allerdings kämpft der innovative Browser noch mit Kinderkrankheiten. Immer wieder kommt es vor, dass Funktionen sich anders verhalten, als sie sollten. Updates bringen meist schnelle Besserung, doch insgesamt ist Vivaldi ein Programm für experimentierfreudige, fortgeschrittene Nutzer: Für alle, die Freude daran haben, die Leistungsfähigkeit der Software auszureizen, und dafür auch bereit sind, Zeit ins Finetuning zu investieren. 

Vivaldi ist kostenlos erhältlich für Windows, Mac und Linux. Eine Android-Version soll 2017 folgen.

In Teil 1 lest ihr unseren Test von Cliqz, dem Browser aus München, der besseren Schutz vor Datensammlern verspricht.

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