/Business

Die US-Wahl ist ein Reality-Check für das Silicon Valley

Elisabeth Oberndorfer 07.11.2016

Die US-Tech-Branche versteht nicht, wie der Rest Amerikas Donald Trump unterstützen kann. Wir haben mit Startup-Menschen aus dem Silicon Valley über Obamas potenzielle Nachfolger gesprochen – und dabei auch Selbstkritik wahrgenommen.

Das Silicon Valley ist nicht die USA. Nicht nur, weil der Rest des Landes sich nicht die Straßen mit selbstfahrenden Autos teilt oder den Supermarkteinkauf von Google liefern lässt. „Was uns diese Wahl gezeigt hat, ist, dass es eine große Trennung zwischen uns und der restlichen Bevölkerung gibt“, beschreibt Matt Mahan, CEO des Polit-Startups Brigade, die Stimmung in Amerikas Tech-Hub.

„Wir haben tatsächlich ein Einwanderungsproblem. Aber nicht, dass uns Immigranten die Jobs wegnehmen, sondern dass wir Fachkräfte aus dem Ausland brauchen“, kommentiert er die Einwanderungspolitik des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Der bekommt von Mahan keine Stimme, auf seinem Portal Brigade hat sich der Unternehmer klar für die Demokratin Hillary Clinton ausgesprochen.

Die Kluft, die Mahan beschreibt, nimmt auch Corey Breier vom Bot-Startup Invisible Technologies wahr: „Die Tatsache, dass Trump eine Chance hat, Präsident zu werden, ist ein Beweis dafür. Für das liberale und progressive Valley ist er der Teufel. Aber wir können seine Popularität nicht leugnen und müssen akzeptieren, dass viele Amerikaner die Welt nicht so sehen wie wir.“

Breier, der mit seinem Unternehmen an einer noch nicht öffentlichen Künstlichen Intelligenz arbeitet, sagt: „Wir werden immer dafür kritisiert, dass wir Produkte für the one percent entwickeln und kein Verständnis für den Rest der Welt haben.“ Trumps politische Einstellung sei eine Bedrohung für die Tech-Industrie, befürchtet Breier. Das Silicon Valley stehe auf der Seite von Clinton. Ob er ihr auch seine Stimme gibt, weiß Breier aber noch nicht, er überlegt beim Stimmentausch #NeverTrump mitzumachen.

Datentausch zwischen Regierung und Unternehmen
Entschlossener ist da Frida Polli, CEO von Pymetrics, deren Technologie Neurowissenschaften in den Recruiting-Prozess bringt: „Ich unterstütze auf jeden Fall Hillary Clinton. Dass so viele Spenden aus dem Valley zu ihr geflossen sind, zeigt, dass die Tech-Branche mit ihr zusammenarbeiten will.“ US-Präsident Barack Obama hat sich in seiner Amtszeit der Startup-Szene so stark angenähert, dass schon Gerüchte über eine Karriere als Silicon-Valley-Investor umgehen.

Von seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin erwartet sich die Gründerin ähnliches Engagment: „Weil private Unternehmen immer mehr Daten von den Bürgern besitzen, muss der nächste Präsident nachhaltige Beziehungen zwischen der Regierung und der Industrie aufbauen, damit diese Informationen der Bevölkerung zugute kommen“, sagt Polli. Immerhin hat Clinton ihre Pläne für den Technologie- und Innovationssektor schon offengelegt.

Mit ihrer Software Glassbreakers hat Eileen Carey es sich zum Ziel gesetzt, die Diversität in Unternehmen zu erhöhen. Ihre Stimme gehört deshalb ebenfalls Clinton: „Sie ist eine Advokatin für die Rechte von Frauen, Menschen mit Behinderungen, mit Migrationshintergrund und unterschiedlichster sexueller Orientierung. Als Bürgerin ist mir das sehr wichtig.“ Verbindungen zur aktuellen Regierung hat Carey als CEO bereits aufgebaut: „Das Büro für Innovation im Weißen Haus hat unser Startup sehr unterstützt. Ich erwarte mir, dass Clinton das Erbe von Obama antritt und die Brücke zwischen Silicon Valley und der Regierung aufrecht erhält.“

Kein Pitch mehr bei Thiel
Dass der Ausgang der Wahl auf jeden Fall die Technologiebranche beeinflussen wird, da ist sich Jess Erickson, Initiatorin der Plattform Geekettes, sicher: „Clinton unterstützt Kleinunternehmen, Innovation und will eine Immigrationsreform. Trumps politische Agenda ist mir bis heute nicht klar. Eines hat sich im Silicon Valley schon jetzt geändert, die Einstellung zum bekannten Investor und Unternehmer Peter Thiel. „Wenn du eine talentierte Frau bist, die Investment sucht, wirst du in Zukunft nicht mehr vor Thiel pitchen. Er hat sich durch seinen Support für Trump ins Abseits befördert.“ Die Startup-Netzwerkerin wundert sich über Thiels politische Einstellung: „Ich verstehe nicht, wie intelligente Menschen wie Thiel Trump unterstützen können. Das ist irgendwie beunruhigend.“

Im Silicon Valley forderten viele von Facebook und dem Inkubator Y Combinator, sich von dem Investor und Aufsichtsratsmitglied zu trennen. Pymetrics-CEO Polli sieht Thiels Spende an den republikanischen Präsidentschaftskandidaten gelassener: „Ich denke nicht, dass es fair ist, Geschäftsbeziehungen aufgrund von politischen Einstellungen aufzulösen.“ Invisible-Entwickler Breier ist da unentschieden: „Wir alle hassen Trump, aber haben Thiel bewundert. Jetzt wissen wir nicht, was wir tun sollen.“

Dass die Organisationen, die mit ihm zu tun haben, sich nicht von ihm getrennt hätten, habe bei einigen Mitarbeitern für Unmut gesorgt, sagt Breier: „Man muss nicht mit jedem hundertprozentig einer Meinung sein, aber Thiel hat Trumps verrückteste Aussagen unkommentiert gelassen. Das war ein Fehler von ihm.“ Wie andere in der Community glaubt auch Breier, dass Thiel mit seinem politischen Engagement ein größeres Ziel verfolgt: „Was immer sein Motiv ist, es ist sicher nicht ein US-Präsident Trump.“

+++ Mehr von WIRED regelmäßig ins Postfach? Hier für den Newsletter anmelden +++

Jetzt WIRED Member werden und mit uns in die Zukunft starten!

Mit im Paket: 4 Magazin-Ausgaben im Jahr und der Member-Zugang zu exklusiven Inhalten auf WIRED.de sowie weitere Vorteile nur für Member.

Member werden