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Kann ein Online-Stimmen-Marktplatz Trump verhindern?

WIRED Editorial 04.11.2016

Nur Tage vor der US-Präsidentschaftwahl holt der umstrittene Kandidat Trump auf. Ein Gründer aus dem Silicon Valley hat aus Sorge vor einem Wahlsieg des Republikaners jetzt eine Möglichkeit geschaffen, die Eigenarten des Wahlsystems gegen Trump zu nutzen: Mit Hilfe der Wähler unbekannterer Präsidentschafts-Kandidaten.

Amit Kumar war es leid, sich machtlos zu fühlen. Als Gründer lebt er im Silicon Valley – und wie viele seiner Branche sieht er angesichts der unerwartet großen Zustimmung für den Republikaner Donald Trump sein Land vor die Hunde gehen. Nur noch wenige Tage, bis sich das Schicksal der USA bei den Wahlen entscheidet, und wenn man aktuelle Umfragen sieht, scheint das Schreckgespenst Trump doch noch eine Chance zu haben. Während in Deutschland nur vier Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme einem Populisten wie Trump geben würden und Hillary Clinton als Kandidatin der Demokraten weit vorne läge, bringt in den USA der Email-Skandal um Clinton ihren Umfrage-Vorsprung auf der Zielgeraden zum Schmelzen. Jede Stimme zählt, Kumar aber lebt im kalifornischen Valley und dort ist seine Wahlstimme kaum etwas wert. Das liegt am Wahlsystem – und genau das will Kumar mit seiner neuen Plattform hacken.

Denn in den USA gibt es zwei Arten von Staaten. So genannte Safe States, also sichere Staaten, wählen in etwa immer gleich. Die Republikaner können zum Beispiel davon ausgehen, in Texas und South Carolina als Gewinner hervorzugehen. In Vermont, Massachusetts und Rhode Island gewinnen mit Sicherheit die Demokraten. Es gibt aber auch eine ganze Reihe an Staaten, so genannte Swing oder Battleground States, in denen die Mehrheiten von Wahl zu Wahl wechseln. Ohio, Virginia und North Carolina zum Beispiel. Nur wer die Wähler in diesen Staaten überzeugt, wird Präsident.

Im Silicon Valley gewinnt Hillary Clinton mit Sicherheit. Die Demokraten entscheiden die Region traditionell sehr deutlich für sich, Kumars einzelne Stimme wird da nicht wichtig sein. Der Gründer hat deshalb eine Idee: Ein Online-Marktplatz, um die Stimmen mit Wählern kleinerer Parteien in Swing States zu tauschen: #NeverTrump.

Die Tauschbörse funktioniert so: Ein Wähler, nennen wir ihn Bill, aus Ohio unterstützt eigentlich einen der kleinen Kandidaten: Jill Stein von den amerikanischen Grünen, den Libertären Gary Johnson oder den unabhängigen Evan McMullin. Bill will unbedingt Trump verhindern, der in Ohio gerade in Führung liegt. Gleichzeitig möchte er aber seinem eigenen Kandidaten nicht die Unterstützung versagen.

Bill meldet sich also bei #NeverTrump an, ein Bot fragt ihn nach politischen Einstellungen, Wunschkandidaten und Wohnort – dann verbindet ihn das System mit einem Chatroom mit hunderten von Clinton-Unterstützern in Safe States. Die versprechen, für den kleinen Kandidaten zu stimmen, wenn der Swing-Wähler für Clinton stimmt. Ob sich der andere daran hält oder nicht, lässt sich dabei nicht nachweisen. Erfinder Kumar glaubt an den Ehrenkodex und seine Sache: Trump verhindern. In manchen Staaten können auch Selfies von der Wahlbox gepostet werden.

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Die Idee des Stimmentauschs ist nicht neu. Im Jahr 2000 schlug der Politiker Jamie Raskin sie vor, um eine Wahl von George Bush zu verhindern. Damals saßen tausende von Wählern des Demokraten Al Gore in Safe States der Republikaner fest, die ihre Stimme gerne getauscht hätten. Aus dem Vorschlag ist eine wachsende Bewegung in den USA entstanden, die durch den Stimmen-Handel versucht, das bestehende Mehrheitswahlrecht mit seinem „Winner Takes It All“-Ansatz, der Gewinner sammelt auch die Stimmen der Verlierer ein, zu unterwandern. Wegen rechtlicher Bedenken wurden Websites mit dem Ansatz aber immer wieder geschlossen. Auch im Jahr 2016 gibt es großen Streit über die Rechtmäßigkeit des Systems.

Letztlich ist das, was Kumar anregt, aber ja nicht viel mehr als eine Kommunikation unter Wahl-Willigen darüber, wie ihre Ziele am besten zu erreichen wären. So, als ob man sich beim Biertrinken in der Kneipe darüber verständigt, taktisch zu wählen. Was dann an der Wahlurne wirklich geschieht, bleibt geheim.  

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