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Ist Vaporware das Ende von Bitcoin?

Cindy Michel 29.01.2018 Lesezeit 6 Min

Viele Bitcoin-Konkurrenten haben weder ein fertiges Konzept noch einen konkreten Nutzen. Diese Kryptowährungen werden auch Vaporware genannt. Wir haben mit Kryptoexperten über die „Dampfware“ gesprochen und was nach einem Platzen der Krypto-Blase davon übrig bleibt.

Es gibt mehr als 1300 Bitcoin-Nachahmer. Einige haben Konzepte, die über eine digitale Kryptowährung hinausgehen sollen. IOTA soll das Internet der Dinge verwalten, Etherium digitale Verträge sicherer machen – aber viele andere Konkurrenten sind nur Schall und Rauch. Sie haben kein fertiges Konzept, kein Entwicklerteam und keine Firma, die hinter ihnen steht. Gehandelt auf internationalen Börsen werden sie trotzdem.

Abfällig werden diese Währungen, die einfach nur auf dem Krypto-Hype mitschwimmen wollen, auch Vaporware genannt (zu Deutsch: Rauchware). Hinter ihnen stehen oft kleine Teams, die nur eine Homepage gelauncht und ein Konzeptpapier als PDF veröffentlicht haben. „Wenn man so will, trifft diese Definition auf 95 Prozent aller Kryptowährungen zu“, sagt Sebastian Hoffmann, Kryptoexperte bei ChainLabs, einer Beratungsagentur für Blockchain-Technologie. Der Grund: Kryptowährungen sind noch jung. Ebenso die Blockchain-Technologie, auf der die meisten von ihnen basieren. Fast alle Projekte befinden sich noch in der Entwicklungsphase.

Ein fehlender Anwendungszweck macht eine Kryptowährung also nicht gleich zur Vaporware. Oft seien digitale Währungen technisch noch nicht ausgereift, würden aber mit innovativen Geschäftsmodellen oder vielversprechenden Ideen punkten, sagt Hoffmann. So könnte eine Verzögerung durchaus Sinn ergeben, wenn dafür im Hintergrund an einem Geschäftsmodell gearbeitet werde.

Die Kritik ist hart, die viele junge Projekte in der Krypto-Community trifft. Der zentrale Vorwurf: Die Programmierer wollen nur ein paar schnelle Euros machen und den derzeitigen Hype um Bitcoin für sich nutzen, um dann selbst zum Krypto-Millionär zu werden. Wenn die eigene Währung dann gehandelt wird, verkaufen sie ihre eigenen Coins schnell, bevor auffällt, dass hinter dem Projekt nichts Handfestes steht. Das ist zumindest ist die Angst der Kritiker.

Krypto-Experte Philipp Schulden von der Frankfurt School of Finance and Management warnt hingegen davor, den Begriff Vaporware zu benutzen: „Ambitionierte Projekte im Vorfeld so zu bezeichnen, missfällt mir“, sagt Schulden. „Vor allem Startups sind sehr aktiv in Sachen Initial-Coin-Offering-Entwicklung (ICO) und müssen häufig Dinge versprechen, die es so noch nicht gibt.“ Ein ICO funktioniert ähnlich wie die Erstausgabe von Aktien an der Börse. Statt Unternehmensanteile gibt das Krypto-Startup digitale Coins aus. Der Vorteil für die Gründer: Das Unternehmen gehört weiterhin ihnen. Die meisten Neugründungen auf dem Blockchain-Markt holen sich ihre Finanzierung mittlerweile so.

Bei einigen Kryptowährungen existiert die neu erschaffene Digitalwährung für einen bestimmten Zweck. Bei IOTA soll sie beispielsweise das Smarthome noch smarter machen. Es steht also eine konkrete Leistung oder ein Produkt im Zusammenhang mit der Währung. „Das eingesammelte Kapital wird eben doch in den allermeisten Fällen dazu verwendet, das ausgeschriebene Vorhaben zu realisieren“, meint Schulden.

Ob ein Konzept oder eine Firma dann wirklich eine sichere Anlage ist, muss im Einzelfall überprüft werden. Doch einen Tipp hat Schulden: Irrational hohe Bewertungen, wie sie bei einigen Krypto-Neulingen zu finden seien, sollten von vornherein misstrauisch machen.

Sind viele Währungen also schlichtweg überbewertet? „Ja“, sagt Hoffmann. „Tragisch sind nicht die unfertigen Produkte, sondern der momentane Hype. Dadurch fließt extrem viel Geld in Kryptos und ICOs ohne Substanz.“

Auch wenn es schwer sei, eine klare Grenze zur Vaporware zu ziehen, glaubt Hoffmann dennoch einige Währungen als solche definieren zu können: Tron (TRX), Verge (XVG), Cardano (ADA), EOS, oder ICON. Bei Tron sei das Problem, dass große Teile des White Papers einfach von anderen Konzepten abgeschrieben worden seien, sagt Hoffmann. „Außerdem hat Tron ein surreales Wachstum binnen kürzester Zeit ohne irgendein funktionierendes Produkt hingelegt“, sagt Hoffmann. In der Krypto-Community sehen viele das ähnlich.

Verge hingegen ist eine Kopie der Satire-Kryptowährung Dogecoin. „Der Preis von Verge wird durch Spekulationen sowie seinem aggressiven Marketing in die Höhe getrieben“, sagt Hoffmann. Ähnlich ist es auch bei Cardano, EOS und ICON. Alle diese Währungen können kein funktionierendes Produkt vorweisen, versuchen aber mit zukünftigen Versprechen mehr und mehr Investoren für sich zu gewinnen. Zeitweise hat es Cardano sogar in die Top 10 der Kryptowährungen geschafft, wenn nach der sich im Umlauf befindlichen Geldmenge gerechnet wird.

Warum dennoch Milliarden in diese Währungen investiert wird, ist einfach: „Ein interessanter Erklärungsansätz ist die Greater-Fool-Theorie“, sagt Hoffmann. „Sie besagt, dass Preise oftmals nicht durch intrinsische Werte, sondern durch irrationale Erwartungen und Entscheidungen der Marktteilnehmer bestimmt werden.“ Tausende von Hobby-Investoren haben als Strategie also nur Eines: Die irrationale Hoffnung Millionär zu werden.

Bei jedem ICO kommt noch ein zweites Phänomen ins Spiel: Das Fear-Of-Missing-Out-Prinzip (FOMO). „Käufer lassen sich durch den Hype beeinflussen und haben Angst davor, eine große Profitchance zu verpassen“, sagt Hoffman. Deshalb würden sie emotional oder irrational agieren.

Nachdem die Kryptowährung Bitcoin Ende November 2017 einen Auftritt in der Tagesschau bekam, ist sie fast jedem ein Begriff. Sie sind zu einem Thema geworden, über das sich Familien am Küchentisch unterhalten. Seitdem fließe viel „Dumb Money“ in den Markt, sagt Hoffmann. Damit meint er Geld von Anlegern, die keine Ahnung vom Thema haben, aber trotzdem investieren. Für die Vaporware-Entwickler sind diese Leute ein gefundenes Opfer.

An einer Währung lässt sich klar erkennen, wie aufgeheizt der Kryptomarkt derzeit ist und wie viel Profitgier die Anleger auf ihm haben: Dogecoin. Die Kryptowährung mit dem Shiba-Inu-Hund als Logo wurde 2013 entwickelt und sollte eigentlich bloß eine Satire sein. Im Januar 2018 hatte die Spaß-Währung dennoch einen Gesamtwert von etwa 1,6 Milliarden Euro.

„Auch wenn Dogecoin durch die Kurskorrektur wieder an Wert verloren hat, sollte es uns schon zu denken geben, dass ein Protokoll, welches seit mehreren Jahren kein Update mehr erhalten hat, eine derart hohe Bewertung erreichen kann.“

Nachdem der Dodgecoin sein Allzeithoch erzielt hatte, meldete sich sein Entwickler Jackson Palmer per Social Media ebenfalls zu Wort. Er meinte, dass es in Anbetracht dieser Entwicklungen sicherlich treffend wäre, den Markt als Blase zu bezeichnen. Laut eigenen Angaben profitiert Palmer selbst nicht davon. Seine Dogecoins habe er bereits vor Jahren verschenkt.

Sind Vaporware-Coins also nur ein Symptom für das bevorstehende Platzen der Blase? „Diese Möglichkeit sollte man auf jeden Fall in Betracht ziehen, wenn man sich für ein Investment in diesem Bereich entscheidet“, sagt Schulden. „Sollte die Blase tatsächlich platzen, hat das Auswirkungen auf die Zukunft der Kryptowährungen.“ Denn erst der Hype und die hohen Investitionen hätten all die Innovationen in diesem Bereich möglich gemacht, die gerade entstehen.

Auch Sebastian Hoffmann glaubt, dass die Kryptowelt sich verändern wird: „Es wird nicht das Ende der Kryptowährungen sein, sondern eine Konsolidierung. Regulierung wird einsetzen, die Goldgräberstimmung abebben und viele substanzlose Scam-Coins werden verschwinden.“