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Twitter-Deutschlandchef im Interview: „Twitter bedient sehr deutsche Interessen“

Dominik Schönleben Sonntag, März 20, 2016

Twitter ist zehn Jahre alt, doch noch immer scheint die Plattform auf der Suche nach ihrer Identität zu sein. Vor allem in Deutschland gilt sie als Netzwerk für Medienmacher und Promis. Twitter-Deutschland-Chef Thomas de Buhr sieht das anders. Im Interview mit WIRED erklärt er, wie es mit dem Netzwerk für 140-Zeichen-Nachrichten hierzulande weitergeht.

Als Twitter am 21. März 2006 an den Start ging, war es das Nebenprodukt eines anderen Projekts. Eigentlich wollte die Firma Odeo ein Anbieter für Podcasts werden, als einer ihrer Entwickler – Jack Dorsey, heute CEO von Twitter – vorschlug, einen Dienst zu basteln, der Updates an Teammitglieder per SMS verschickt. Überraschenderweise wurde aus dieser eigentlich für interne Zwecke gedachten Idee eines der größten sozialen Netzwerke der Welt. Seitdem trägt Twitter die Restriktionen der SMS in seiner DNA, in Form des 140-Zeichen-Limits.

Auch wenn es immer wieder gegenteilige Andeutungen oder Gerüchte gab, letzten Freitag stellte CEO Dorsey klar, dass diese 140-Zeichen-Grenze auch im zehnten Twitter-Jahr nicht fallen wird: „Das Limit bleibt. Es ist eine gute Beschränkung“, sagte er in einem Interview mit dem TV-Sender NBC.

Während bei Twitter international schon seit Anfang 2015 die Zahl der aktiven Nutzer stagniert, soll das in Deutschland anders aussehen. Twitter veröffentlicht zum Jubiläum zum ersten Mal Zahlen für die Bundesrepublik: Insgesamt zwölf Millionen User gebe es hierzulande monatlich, heißt es, Tendenz zunehmend – auch wenn das Unternehmen für die vergangenen Jahre keine Vergleichswerte vorlegt. (Anm. d. Red.: Die Zahl setzt sich aus den eingeloggten und nicht eingeloggten Nutzern von Twitter.com zusammen. Das Lesen von auf anderen Websites eingebetteten Tweets wurde dabei nicht mitgezählt.)

Thomas de Buhr, Managing Director Twitter Deutschland

Im Interview zum Zehnjährigen erklärt Deutschland-Chef Thomas de Buhr, warum Twitter sich bei der Suche nach der eigenen Identität nicht unbedingt nach seinen lautesten Nutzern richtet und warum sich die Plattform auch weiterhin von Facebook unterscheidet, obwohl Live-Events bei beiden immer mehr in den Fokus rücken.

WIRED: Seit Anfang 2015 stagnieren die internationalen Nutzerzahlen bei Twitter. Woran liegt das?
Thomas de Buhr: Ich kann die Frage nur für Deutschland beantworten: Hier stagnieren sie nicht. Aktuell kommen monatlich mehr als zwölf Millionen Menschen zu Twitter. Ich glaube, dass die Deutschen Twitter mehr und mehr für sich entdecken, weil Twitter auch sehr deutsche Interessen bedient.

WIRED: Welche wären das?
de Buhr: Politik, Nachrichten, große TV-Shows, aber auch der „Tatort“ – und natürlich Sport, gerade Fußball. Twitter hat letztlich zwei wichtige Elemente: 80 Prozent der Nutzung ist mobil und es ist live. Für die Menschen in Deutschland wird es ständig wichtiger, an einem Thema direkt dran zu bleiben. Nimmt man das ganz einfache Beispiel der Berliner Polizei: Dort gab es vor einigen Tagen die Explosion eines Autos und die Polizei hat im Minutentakt den aktuellen Informationsstand getweetet.

WIRED: Und das ist die Nische, die Twitter in Zukunft besetzen will?
de Buhr: Live wird schnell auf die Liveübertragung eines großen Events reduziert. Aber genau genommen sind viele Situationen live. Live kann Echtzeit sein, aber auch die richtige Information zur richtigen Zeit bedeuten. Beide Fälle wollen wir besetzen.

Die deutsche Twitter-Zentrale in Berlin befindet sich im selben Gebäude wie der Startup-Campus Factory.

WIRED: Twitter will also mehr zum Nachrichten- und Informationsmedium werden?
de Buhr: Das würde ich nicht so sehen. Lassen Sie mich ein gutes Beispiel geben: 2014 fand die die Fußball-WM statt, und in diesem Zeitraum gab es in Deutschland 3,3 Millionen Tweets zur WM. Im Februar 2016 haben wir einen Contest veranstaltet, bei dem wir Webvideo-Stars wie Bibi und Gronk in einen Wettbewerb gestellt haben, und die Nutzer sollten abstimmen, wer der Beliebteste ist. Das führte in einer Woche zu fünf Millionen Tweets. Das hatte mit Nachrichten nichts zu tun, sondern war in diesem Fall eine interaktive Möglichkeit, um eine Meinung zu einem bestimmten Thema abzugeben.

WIRED: Facebook hat jetzt auch Livestreaming und hängt sich an Live-Events. Ist es ein Problem für Twitter, dass Facebook, als erfolgreichstes Social Network, diese Nische jetzt auch übernehmen will?
de Buhr: Das kann man nicht sagen. Ich glaube, dass der Markt für mobile Nutzung und Live riesengroß ist und Anteile sich neu verschieben werden.

WIRED: Es wird also keinen Gewinner geben, der den anderen verdrängt?
de Buhr: Das ist nicht vorhersagbar. Wir tun, was wir können: Wir machen die Plattform einfacher, wir machen sie interessanter und persönlicher.

So entwickelte sich das Logo von Twitter im Lauf der letzten zehn Jahre.

WIRED: Twitter fängt erst jetzt an, mit einer nicht-linearen Timeline zu experimentieren. Für Facebook ist das bereits Alltag, bei Instagram wurde es letzte Woche angekündigt. Warum ist Twitter bei dem Thema noch immer so zurückhaltend?
de Buhr: Für viele Nutzer ist es das Besondere an Twitter, dass es nicht kuratiert oder vorsortiert durch einen Algorithmus ist, sondern man selbst die Möglichkeit hat, seinen eigenen Informationsstrom zusammenstellen. Das macht ja gerade den Reiz aus. Warum sollten wir das ändern?

WIRED: Ich hab manchmal das Gefühl, dass viele Nutzer ganz happy darüber sind, wenn jemand ihnen die Nachrichten im Social Web vorsortiert. Nur ein paar wenige, dafür aber laute Nutzer finden das schlimm.
de Buhr: Ja, das kann sein. Es ist immer schwer einzuschätzen, wie viele Menschen sich darüber aufregen würden oder nicht.

WIRED: Vertut Twitter da keine Chance sich positiv weiterzuentwickeln, nur weil es sich von den lauten Nutzern einschüchtern lässt?
de Buhr: Wir lassen uns nicht einschüchtern, und die Möglichkeit der nicht-linearen Timeline bieten wir natürlich an. Aber diese Funktion ist auf Twitter optional.

WIRED: Die Meinung der Poweruser ist also kein Faktor für die Weiterentwicklung von Twitter?
de Buhr: Twitter ist eine ständig lernende Plattform. Wir probieren verschiedene Varianten aus.Wenn wir sehen dass etwas funktioniert, betreiben wir es weiter. Wenn wir sehen, dass es nicht funktioniert, dann lassen wir es fallen. Wir haben auf unsere neue Variante der Timeline ziemlich gutes Feedback bekommen. Ähnlich wie der Umstieg von den Sternchen zu den Herzen zu einer dramatischen Erhöhung des Engagements geführt hat. Auch da gab es viel Lärm und viele Nutzer, die sich aufgeregt haben. Aber die Zahlen zeigen einfach, dass wir recht hatten.

WIRED: Kann man Werbung besser mit einer sortierten Timeline verkaufen?
de Buhr: Werbeformate sind da momentan kein Faktor. Es geht wirklich darum, dem Nutzer die bestmögliche Lösung anzubieten.

2012 richtete Twitter in Berlin seine Deutschland-Zentrale ein, um die dort noch eher lahme Plattform in Schwung zu bringen.

WIRED: Bisher hat Twitter aber kein funktionierendes Geschäftsmodell. Allein im letzten Jahr hat das Unternehmen 520 Millionen Dollar verloren. Wie lange kann das so weitergehen?
de Buhr: Na ja, Sie müssen sich anschauen, dass diese Zahlen auch Akquisitionen beinhalten. Wir haben vor einiger Zeit Periscope gekauft und tätigen ständig Investments. Dadurch entstand auch der Verlust, über den Sie sprechen.

WIRED: Wären Nachrichten im Stream bei einer Live-Strategie nicht der nächste logische Schritt? Ähnlich wie Facebooks Instant Articles.
de Buhr: Wir veröffentlichen Dinge, wenn wir soweit sind. Und es gibt momentan nichts, was da spruchreif wäre, um diese Frage zu beantworten. Wir sind ja live. Die Anderen versuchen live zu werden – wir sind es schon lange.

WIRED: Aber andere soziale Medien holen ziemlich auf. Besteht da kein Handlungsbedarf für Twitter?
de Buhr: Das überlasse ich Jack Dorsey, dem Gründer von Twitter. Ich habe großes Vertrauen, dass er das Richtige tut.

Ein paar Zahlen, die Twitter zum Zehnjährigen veröffentlicht hat.

WIRED: Deutschland gilt als schwieriger Markt für Twitter. Man hört immer wieder, dass es hierzulande nur ein Netzwerk für Medienmacher und Promis sei.
de Buhr: Ich glaube nicht, dass wir das jemals ausschließlich gewesen sind. Das ist eine Frage der persönlichen Wahrnehmung. Unsere Verknüpfungen basieren eher auf Interessen und nicht darauf, dass man sich kennt. Man trifft auf Twitter nicht die Menschen, mit denen man zur Schule gegangen ist, sondern die, mit denen man gerne zur Schule gegangen wäre. Wenn man zum Beispiel jemanden nimmt, der Fliegenfischen als Hobby hat – sehr nischig: Der trifft dann dort andere, die das gleiche Hobby haben. Mit denen wäre er wahrscheinlich lieber zur Schule gegangen, als mit denen, die ihn viele Jahre gehänselt haben, weil er dieses verrückte Hobby hat.

WIRED: Wie wird man also als soziales Medium essenzieller Teil der deutschen Gesellschaft?
de Buhr: Für mich ist „Tatort“-Schauen, wie beim Fußball in der Kurve stehen. Da sind Leute um dich rum, die sehen den gleichen Fußball wie du, aber eigentlich willst du mit ihnen nicht zwangsläufig befreundet sein oder in einer WG wohnen. Aber beim Fußball trifft man sich eben und hat das gleiche Interesse. Bei #tatort lerne ich Menschen kennen, die ich noch nie getroffen habe und man tauscht sich über den „Tatort“ aus.

WIRED: Man ist also angekommen, wenn man das wichtigste Medium ist, um den „Tatort“ zu besprechen.
de Buhr: Ja, und das passiert ja jeden Sonntagabend auf Twitter.

Mehr zum Thema: Ex-Twitter-CEO Dick Costolo erklärt, wie wichtig der freie Informationszugang für unsere Gesellschaft ist

Update 21.03.15: Um Missverständnisse zu vermeiden, wurde im Einleitungstext ergänzt, wie die Zahl der zwölf Millionen aktiven Nutzer von Twitter berechnet wurde.