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Eine Chemnitzerin will die erste deutsche Frau im Weltall werden

Benedikt Plass-Fleßenkämper 14.10.2016

Eine private Initiative will bis 2020 die erste deutsche Frau ins All schicken. Mehr als 400 Kandidatinnen haben sich beworben. Eine davon: Die Chemnitzerin Thorid Zierold, die es unter die letzten 86 geschafft hat. WIRED spricht mit der jungen Wissenschaftlerin über ihre Motivation, ihre Ziele und ihre Forschung.

Die Raumfahrt ist auch im 21. Jahrhundert noch eine Männerdomäne, besonders in Deutschland. Elf deutsche Männer haben bis heute den Flug ins All angetreten, eine deutsche Astronautin hat es jedoch bislang noch nicht gegeben. Das will die Kampagne Die Astronautin bis zum Jahr 2020 ändern. Im März hat die Initiative interessierte Frauen dazu aufgerufen, sich für einen Flug zur Internationalen Raumstation ISS zu bewerben.

Die Resonanz war trotz harter Anforderungen groß, mehr als 400 Bewerbungen gingen beim Team von Initiatorin Claudia Kessler ein. Die Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt strebte früher selbst die Karriere einer Astronautin an, doch der Traum blieb ihr verwehrt. Jetzt will sie einer anderen Frau den Weg ins All ebnen.

In einer Vorauswahl siebten Kessler und ihre Kollegen die Bewerberinnen nach strengen Richtlinien aus. Teilnehmerinnen dürfen zum Beispiel keine Krankheiten haben, müssen auf beiden Augen 100 Prozent Sehstärke vorweisen und körperlich sowie geistig extrem belastbar sein.

Nach der ersten Aussortierung blieben 86 Kandidatinnen übrig, die sich nun dem offiziellen Auswahlverfahren des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) stellen dürfen. Eine von ihnen ist die Chemnitzerin Thorid Zierold. Die Geoökologin arbeitet als Kustodin und stellvertretende Leiterin des Chemnitzer Naturkundemuseums. Während ihrer Forschung mit Urzeitkrebsen kam sie schon mit der Raumfahrt in Kontakt: Sie schickte Krebseier zur ISS, um die Auswirkungen von Strahlung und Temperaturschwankungen zu untersuchen.

Nun möchte Zierold ihren Forschungsobjekten folgen und selbst den Flug ins All antreten. Dort würde sie ihre Arbeit mit den Urzeitkrebsen vorantreiben. Neue Einsichten könnten etwa zeigen, ob die Tiere auch für einen Flug zum Mars in Frage kämen. WIRED hat sich mit der 38-jährigen Wissenschaftlerin über ihre Ziele unterhalten.

WIRED: Erfüllen Sie sich mit der Bewerbung als Astronautin einen Kindheitstraum oder war das eine spontane Entscheidung?
Thorid Zierold: Neues zu entdecken und unbeschriebene Wege zu gehen, ist seit Kindheit an meine Mission. Deshalb bin ich Naturwissenschaftlerin geworden und arbeite an der Nahtstelle zwischen Geologie und Biologie. Urzeitliche Krebstiere haben mich in ihren Bann gezogen. In diesem Zusammenhang konfrontierte mich ein Journalist vor einigen Jahren mit der Frage: „Wenn sich die Möglichkeit für Sie zu einem Aufenthalt auf der ISS ergeben würde, würden Sie diese wahrnehmen?“ Meine spontane Antwort war: „Ja, klar!“. So war für mich die Bewerbung auf die Ausschreibung verpflichtend.

WIRED: Ist Ihr Interesse an dem Weltraumprojekt rein wissenschaftlicher Natur oder erhoffen Sie sich auch auf persönlicher Ebene etwas von der Erfahrung?
Zierold: Der Flug ins All wird mit einer Vielzahl von medizinischen, technischen und naturwissenschaftlichen Experimenten verbunden sein. Sehr gern würde ich auch an meinen wissenschaftlichen Fragestellungen zur Überlebensfähigkeit der urzeitlichen Krebstiere im All arbeiten. Das Gesamterlebnis wird dazu führen, dass für mich eine neue Zeitrechnung beginnt.

In der Weltraumausstellung „Morgenröthe-Rautenkranz“ durfte Thorid Zierold das Andocken an die ISS trainieren

WIRED: Ein Flug ins All ist mit vielen Risiken verbunden, haben Sie Ängste, Zweifel oder Bedenken?
Zierold: Jeder hat Ängste. Aber ich sehe darin die Chance, Neues zu lernen und meine Komfortzone zu erweitern.

WIRED: Wie hart war das Auswahlverfahren bisher?
Zierold: In der ersten Phase wurden das Bewerbungsvideo und die Bewerbungsunterlagen ausgewertet – in meinem Fall etwa 37 Seiten. Das Schreiben des Drehbuchs und die Dreharbeiten zum Bewerbungsvideo haben mir besonders viel Spaß gemacht. In der zweiten Phase mussten wir englischsprachige Fragebögen zum Lebensstil und zur Gesundheitssituation ausfüllen.

WIRED: Und was steht Ihnen jetzt noch bevor?
Zierold: In Kürze stehen psychologische Auswahlverfahren, Wissenstests und weitere Interviews an. Diese werden vom DLR in Hamburg durchgeführt.

WIRED: Gehen Sie mit der zehntägigen Reise zur ISS an Ihre Grenzen oder wären Sie auch für längere Missionen zu haben?
Zierold: Die Forschungsergebnisse könnten neue Impulse für die Materialforschung und Entwicklungsbiologie geben. Das Training für die Mission zur ISS und der Aufenthalt selbst werden persönliche Grenzen verschieben, ganz klar. Wenn Sie mit der Frage darauf abzielen, ob ich auch zum Mars fliegen würde, dann ist meine Antwort: Ich möchte für die Erde und auf der Erde etwas bewegen. In diesem Sinne sehe ich Grenzen als Ansporn.

WIRED: Sollten sich die Urzeitkrebse als tauglich für eine Reise zum Mars erweisen, welche Erkenntnisse ließen sich dann mit den Tieren gewinnen?
Zierold: Zunächst muss die Frage sicher geklärt werden, ob die Überlebensstadien, die sogenannten Cysten die Bedingungen im All überleben können und im Nachgang ohne Einschränkungen entwicklungsfähig sind. Ist dies der Fall, dann möchte ich gern herausfinden, welche Bedeutung der komplexen Struktur der Eischale zukommt. Liefert sie Impulse für neue Isolationsstoffe für Mensch und Material im All? Außerdem ist zu testen, ob die bei Bärtierchen gefundenen Reparaturproteine auch in den Krebstieren aktiv sind. Grundsätzlich haben bestimmte Dauerstadien das Potenzial für die Gründung einer neuen Population – auch ohne geschlechtliche Fortpflanzung. Voraussetzung für die Entwicklung der urzeitlichen Krebstiere sind in jedem Fall geeignete Temperaturen, Wasser, Sonnenlicht und Nahrung.

WIRED: Welche Rolle spielt das Thema Emanzipation bei Ihrer Entscheidung, die erste deutsche Astronautin werden zu wollen?
Zierold: Aufgewachsen mit zwei Brüdern, einer Schwester und voll berufstätigen Eltern, konnte ich schon als Heranwachsende Gleichberechtigung in der Familie erleben. Aufgaben rotierten, ich bin eine Frau, und Punkt.

WIRED: Wie rechnen Sie sich Ihre Chancen aus, als Siegerin aus dem Auswahlverfahren hervorzugehen?
Zierold: Momentan stehen die Chancen bei 1:90. Für mich ist der Weg das Ziel. Auf diesem Weg möchte ich Mädchen für Naturwissenschaften und Technik begeistern. Nachhaltigkeit ist der wirkliche Erfolg hinter der Mission.

Mit einem ISS-Modell in der Hand steht Thorid Zierold vor einer Raster-Elektronen-Aufnahme einer gerade aus dem Ei geschlüpften Krebslarve

WIRED: Wie ist das Verhältnis zu den anderen Bewerberinnen?
Zierold: Die bisherigen Treffen mit den anderen Kandidatinnen und Juroren waren anregend und haben gezeigt, dass jede der Bewerberin eine ganz besondere Eignung und Geschichte mitbringt. Das Verhältnis unter uns ist ausgesprochen inspirierend. Wir wollen die Mission von Frau Kessler weitertragen, einen Impact in puncto Attraktivität der MINT-Fächer erreichen. Aus diesem Grund gibt es gerade Überlegungen, Treffen wie das kürzlich in Berlin zu wiederholen. Über den eigenen Tellerrand zu blicken, interdisziplinäre Netzwerke aufzubauen, neue Erkenntnisse in Forschung und Arbeitsalltag auszutauschen sowie das Medieninteresse zur Kommunikation mit der Öffentlichkeit aufrecht zu erhalten, sollten Ziele dieser Treffen sein.

WIRED: Ein Flug ins Weltall ist schwer zu toppen – sollten Sie 2020 dabei sein, was kommt danach, haben Sie noch weitere Ziele dieser Größenordnung?
Zierold: Immer schön eins nach dem anderen. Als Naturwissenschaftlerin weiß ich, dass die wirklich großen Herausforderungen im Kleinen liegen. Klar, Vielfalt, Begeistert - das zeichnet mich aus. Dieses Motto wird mein Handeln und Denken auch weiterhin beeinflussen. Mit dem Spirit als Die Astronautin werde ich drei Schwerpunkte verfolgen: Mit Unterstützung der Stadt Chemnitz und dem Team des Museums für Naturkunde eine fesselnde neue Dauerausstellung entwickeln und realisieren. Unsere Heranwachsenden bei Vorträgen und Veranstaltungen zum kritischen Denken ermutigen sowie sie für naturwissenschaftliche und technische Fächer begeistern. Und schließlich meine Forschungsarbeit an den urzeitlichen Krebstieren ausbauen.

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