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Ghost in the Shell sucht den Menschen in der Maschine – und scheitert

Daniel Ziegener 30.03.2017 Lesezeit 6 Min

Im Science-Fiction-Thriller Ghost in the Shell sucht eine Cyborg-Hybridin nach dem, was sie zum Menschen macht. Beantwortet wird diese Frage leider nicht. Das Hollywood-Remake des Kult-Animes scheitert, obwohl sein Thema so relevant ist wie noch nie.

Ghost in the Shell ist ein Film über die Gefahren digitaler Kriegsführung und über Hacker, deren Handeln durch Waffengesetze geregelt wird. Er wirft Fragen darüber auf, was den Menschen zum Menschen macht, und über das Eigenleben, das unsere Erinnerungen im Internet führen. Allerdings muss man nicht ins Kino gehen, um diese Geschichte zu sehen. Ein Besuch in der Videothek oder ein Klick zum Streaming-Anbieter genügt, denn dieser Film ist schon 1995 erschienen.

Das Anime von Mamoru Oshii ist Kult, gehört zu den einflussreichsten japanischen Filmen aller Zeiten und ist mit seinem Blick auf Technologie und Vernetzung heute aktueller denn je. Diesen direkten Vergleich muss sich die Neuverfilmung von Ghost in the Shell mit Scarlett Johansson in der Hauptrolle gefallen lassen, denn mit dem großen Namen kommt eben auch die große Verantwortung, dem Original gerecht zu werden. Regisseur Rupert Sanders war sich dieser Herausforderung sicher bewusst, gab es doch schon vor Drehbeginn viel Kritik an der Besetzung von Johansson als Major Motoko Kusanagi. Beziehungsweise als Mira Killian, wie die Figur in der neuen, weißgewaschenen Hollywood-Version des Science-Fiction-Klassikers heißt.

Killian wacht nach einem schweren Unfall in den Händen des Rüstungsunternehmens Hanka auf. Nur ihr Gehirn konnte gerettet werden und wurde in einen vollständig mechanischen Körper verpflanzt. Der Boss von Hanka ist allerdings kein Philanthrop, sondern sieht in Killian die ultimative Kampfmaschine. Unter dem Titel „Major“ wird sie Teil der Spezialeinheit Sektion 9 und tut das, wofür sie entworfen wurde: töten. Nur ist sie eben keine vollständige Maschine, sondern besitzt einen menschlichen Verstand, der sich mit der Zeit an ihr früheres Leben erinnert.

Diese Suche nach dem Sinn ist im Science-Fiction-Genre nichts Neues. Von Metropolis bis Blade Runner versuchten Filme immer wieder zu ergründen, ob eine Maschine menschlich sein kann. Ghost in the Shell wirft hingegen eher die Frage nach Johanssons eigener Menschlichkeit auf, so hölzern spielt sie den Major. Dabei hatte die 32-Jährige als Außerirdische in Under the Skin oder als körperloses Betriebssystem in Her schon bewiesen, dass sie ähnliche Rollen durchaus beherrscht. In Ghost in the Shell wirkt sie jedoch ungelenk und emotionslos. Das macht es schwer, bei Killians Suche nach der eigenen Vergangenheit wirklich mitzufiebern.

Ohne den berühmten Titel bleibt nicht mehr zurück als die leere Hülle eines beliebigen Science-Fiction-Thrillers

Begeisterung würde aber selbst mit einer charismatischeren Hauptdarstellerin schwerfallen, denn der Action-Thriller verkommt schnell zu einer schon tausendmal gesehenen Rache-Story. Den Figuren wird dabei kaum Raum gelassen, sich über eindimensionalen Stereotype hinaus zu entwickeln. Cutter (Peter Ferdinando), der bösartige Firmenchef von Hanka, könnte genauso gut der Satire Robocop entsprungen sein und Majors Mutterfigur, die Wissenschaftlerin Dr. Ouelet (Juliette Binoche), dient allein dazu, dem Zuschauer die Welt zu erklären, in der Ghost in the Shell spielt. Die Motivation für ihr Handeln? Unwichtig. Einzig Majors Partner Batou (Pilou Asbæk) gelingt es, zwischen den sterilen CGI-Effekten und gestelzten Dialogen als einigermaßen glaubwürdig hervorzustechen. Aber auch nur, weil er sich liebevoll um einen Straßenhund kümmert.

Rupert Sanders greift zwar viele gute Ideen des Originals auf, geht dabei aber nie in die Tiefe. Kostümbildner, Setdesigner und Kameraleute haben gute Arbeit geleistet, den Look des Anime in die Realverfilmung zu tragen. Ghost in the Shell sieht aus wie sein Original, aber es fehlen die philosophische Tiefe und eine emotionale Verbindung zu den Figuren.

Noch mal, der ständige Vergleich mag unfair erscheinen. Aber ohne den berühmten Titel bleibt einfach nicht mehr zurück als die leere Hülle eines beliebigen Science-Fiction-Thrillers. Ghost in the Shell (2017) ist keine Geschichte über die Suche nach der Menschlichkeit. Es ist ausgerechnet der namensgebende Geist, der diesem Film fehlt.

Das ist nicht nur ärgerlich aufgrund der vergeudeten zwei Stunden im Kino, sondern auch wegen der vertanen Chance, einen modernen Blick auf den Transhumanismus zu werfen. Mehr als zwei Jahrzehnte nach der Premiere des Originals sind dessen zentrale Themen nämlich so relevant wie noch nie. Doch statt einen mutigen Blick in die Zukunft zu werfen, verharren die Vorstellungen von Ghost in the Shell in der Gegenwart.

Am deutlichsten wird das in einer fast beiläufigen Szene, in der Batou in der Toilette einer Transperson begegnet und völlig verstört reagiert. Die Idee vom transhumanen Maschinenmenschen erscheint unglaubwürdig, wenn gleichzeitig ein völlig veraltetes Geschlechterbild bedient wird. Diese Szene wäre im Anime unvorstellbar gewesen, die Macher des Realfilms zeigen durch sie jedoch, wie wenig Gedanken sie sich wirklich über die von ihnen präsentierte Zukunft gemacht haben. Für einen Science-Fiction-Film ist das ein Armutszeugnis.

Eine Respektlosigkeit, die alle bisherigen Beispiele für Whitewashing in den Schatten stellt

Das Casting der weißen US-Amerikanerin Johansson für die Rolle einer japanischen Figur bleibt allerdings das größte Problem des Films. Das sogenannte Whitewashing ist in Hollywood leider keine Ausnahmeerscheinung. Zu tief sitzt der Glaube, dass ein Actionfilm nur mit weißen (und meist männlichen) Stars ein Erfolg sein kann. Allerdings wächst mit dem Bewusstsein auch die Kritik daran: Iron Fist, The Great Wall und Doctor Strange sind nur die aktuellsten Beispiele, die sich zwar nur zu gern bei asiatischer Kultur bedienen, aber keine Asiaten in den Hauptrollen besetzen. Mit unterschiedlichsten Erklärungsversuchen wollten die Macher dieser Serien und Filme sich aus der Verantwortung stehlen, als es Kritik hagelte.

Das versucht auch Ghost in the Shell und macht damit alles nur noch schlimmer. Was wohl als Verneigung vor der Herkunft der Geschichte gedacht war, endet – ohne hier zu viele Details preiszugeben – in einer Respektlosigkeit, die alle bisherigen Beispiele für Whitewashing in den Schatten stellt. Man kann nur hoffen, dass Ghost in the Shell als Tiefpunkt dieser Praxis auch ihr Ende markiert und asiatische Geschichten endlich auch in Hollywood mit asiatischen Gesichtern erzählt werden. Statt sie zu Statisten zu degradieren und ihre Namen durch englische zu ersetzen.

Dabei hätte die Hollywood-Variante von Ghost in the Shell ein wirklich guter Film werden können. Die Themen des Animes sind nach wie vor so aktuell wie in den 90ern. Visuell klammert Sanders sich so eng ans Original, dass er jedes mal stolpert, wenn er eine eigene Idee ausprobiert. Erzählerisch hingegen bleibt vor lauter Klischees nichts von der ursprünglichen Faszination übrig. Das Ergebnis ist ein Film für niemanden. Nicht für Fans des philosophischen Animes, nicht für Freunde kurzweiliger Action.

Remakes müssen nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein – solange sie ihrer Vorlage etwas Neues hinzufügen können. Doch genau das gelingt diesem Film absolut nicht. Am besten hat es Ghost in the Shell schon selbst formuliert: Eine KI sinniert an der Schwelle zum Tod über die Möglichkeit, den eigenen Code zu vervielfältigen, lehnt das letztendlich jedoch ab. „Eine Kopie ist nur eine Kopie und Kopien führen nicht zu Vielfalt oder Originalität.“ Dieses Zitat von 1995 ist auch 2017 noch immer wahr. Nur trifft es diesmal leider auf Ghost in the Shell zu.

Ghost in the Shell kommt am 30. März in die deutschen Kinos.