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Wie fünf rosa Einhörner den deutschen E-Sport aufmischen

Dominik Schönleben 04.08.2017

Profi-Sport mit Maus und Keyboard ist hierzulande längst ein Publikumserfolg. Doch für deutsche Mannschaften ist der Wettbewerb mit internationalen Teams ein harter Kampf – es fehlt an Geld und Investoren. WIRED hat ein aufstrebendes „League of Legends“-Team besucht, das auch international mitmischen will.

In der Ecke gammelt ein halbleerer Pappkarton mit Fertignudeln, daneben ein Wäscheständer voll unordentlich aufgehängter Handtücher. Team-Manager Romain Bigeard stellt einen Topf mit Chicken Nuggets auf den Tisch – dazu kommt ein zweiter, den er nur mit beiden Händen halten kann, fast randvoll mit Aldi-Reispfanne. Um den Wohnzimmertisch haben sich seine fünf Jungs in rosa Sport-Jerseys versammelt: seine Einhörner. Aufstrebende Stars der europäischen E-Sports-Szene, die hier im Südosten Berlins zusammen in einem Gaming-Haus wohnen. Einer Art Zocker-WG, in der fast rund um die Uhr trainiert wird.

Während sie die Nuggets in Süß-Saure-Sauce tunken, ist ihr Thema das nächste Match gegen den amerikanischen Rivalen TeamSoloMid (TSM). Beim vergangenen Zusammentreffen vor knapp einem Jahr gelang ihnen ein überraschender Sieg. Heute stellt Manager Bigeard am Esstisch die Frage, wie es wieder klappen könnte – und er selbst gibt auch gleich die Antwort: Indem sein Team kurz vor dem Match großspurig ankündigt, die Strategie vom letzten Mal einfach zu wiederholen. Das wäre natürlich Blödsinn, denn allein der Überraschungsmoment brachte letztes Mal den Sieg.

Der 28-jährige Franzose liebt es, eine Show zu machen. Seine Haare sind weiß blondiert, passend zum blonden Bart. Beim Team Unicorns of Love sind es nicht die Spieler, die sich in den Mittelpunkt drängen, sondern ihr Manager.

Alle am Tisch lachen. Ja, eine gute Idee, das könnte funktionieren. Dann abrupter Themenwechsel: „Jemand hat gestern Nacht vergessen, den Geschirrspüler anzuschalten“, sagt Bigeard.

Manager Romain Bigeard betreut auch die Social-Media-Kanäle des Teams

Die Unicorns of Love spielen League of Legends (LoL), den erfolgreichsten E-Sport der Welt (siehe Video). Zwei Teams spielen dabei gegeneinander, beide haben eine eigene Basis, jeder der fünf Spieler einer Mannschaft übernimmt einen von 137 verfügbaren Helden. Manche kümmern sich als offensiver Mittelfeldspieler um den Angriff (so genannte Tanks), andere spielen in der Abwehr und heilen etwa ihre Mitspieler (Support). Jeder hat eine bestimmte Aufgabe, die er geschickt ausführen muss, stetig muss die Balance zwischen Offense und Defence gehalten werden, und das macht LoL hoch strategisch. Dazu kommen automatisch generierte Monster, die kontinuierlich und automatisch den Gegner angreifen und so für stetigen Druck sorgen. Wer die Materialschlacht so beeinflussen kann, dass am Ende die gegnerische Basis von den eigenen Horden überrannt wird, der gewinnt.  

Im Livestream schauen dabei Millionen zu. Allein die League-of-Legends-Weltmeisterschaft in Berlin hatte 2016 mehr als 43 Millionen Zuschauer. „Es gibt viel Potential für Wachstum. Besonders, weil E-Sport ein weltweites Phänomen ist“, sagt Amisha Chauhan, Expertin für E-Sports bei der Analysefirma Futuresource. Der weltweite Umsatz mit digitalem Sport habe 2016 bei über 420 Millionen Euro gelegen, Tendenz steigend. Nicht nur finanziell sind E-Sports ein Erfolg: Für die Olympischen Spiele 2022 in Asien wurden sie sogar als neue Disziplin zugelassen, in der sich nationale Teams messen können. Und geht es um die Höhe der Preisgelder, haben LoL und Co. längst traditionelle Sportarten hinter sich gelassen. Beim prestigeträchtigen Tennisturnier Wimbledon bekommt der Sieger beispielsweise 2,4 Millionen Euro, beim bestdotierten E-Sports-Event der Welt, The International, ist es knapp das Dreifache.

Als deutsches Team mit Spielern aus ganz Europa sind die Unicorns der Underdog. Aber so ein Underdog kann manchmal überraschend fest zuschnappen. Und genau dafür sind sie bekannt. Mit unkonventionellen Strategien versuchen die Unicorns, ihre internationale Konkurrenz zu überraschen. Deren Starspieler kommen meist aus Asien oder Nordamerika, haben das Standardrepertoire längst bis zur Perfektion trainiert. Die einzige Chance auf den Sieg: den Gegner mit ungewöhnlichen Strategien aus der Bahn zu werfen.

Für das dafür notwendige Training gehen die Unicorns of Love in den Keller. Im Flickerlicht der Monitore hocken sie in ausladenden Sesseln, einige der Fenster sind mit Pappkarton abgeklebt, damit kein Sonnenstrahl auf den Monitor fällt und ablenkt. Hinter dem Bildschirm jedes Profi-Zockers steckt ein lebensgroßer Pappaufsteller des eigenen Gesichts – nicht lächelnd, sondern mit ernster Miene, so wie es im E-Sports üblich ist. Soll heißen: Das hier ist kein Spiel, sondern echter Profi-Sport. In der Luft wabert der bittere Geruch von heißlaufender Elektronik und Schweiß. Insgesamt sechs Stunden täglich verbringen sie hier als Team mit Freundschaftsspielen und Trainingseinheiten, meist nur um danach alleine weiterzuzocken.

„Niemand weiß, wie man effektiv Videospiele trainiert“, sagt Manager Bigeard. In anderen Sportarten seien die Trainer meist ehemalige Profisportler, oft mit Jahrzehnten an Erfahrung im Feld. Am Computer fehlen diese Veteranen noch. Der Trainer der Unicorns, Fabian Mallant, ist gerade mal 23 Jahre alt, kaum älter als die Jungs, die er trainiert. Er selbst hatte nur einen kurzen Gastauftritt in der Profi-Szene.

Nach dem Freundschaftsspiel sitzen die Profi-Gamer vor einem großen Flatscreeen an der Wand, lassen das Match Revue passieren. Immer wieder zeigt Trainer Mallant dieselbe Szene: „Hier ist der Fehler“, sagt er und spult erneut zurück. Sechs der computergesteuerten Einheiten hatte einer seiner Jungs ignoriert, weil er stattdessen erfolglos den Helden eines Gegners verfolgt hatte. Ein kleiner Fehler, aber viele solche kleinen Entscheidungen können ein Team den Sieg kosten.

Fünf bis sieben Trainingsspiele absolvieren die Unicorns of Love täglich

Immer wieder zeigt Mallant solche Momente auf, doch anstatt sie anzuerkennen, geben die Profizocker Widerworte: „Das ist nicht meine Schuld“, sagt einer von ihnen. „Das wäre so nicht besser gewesen“, ein anderer. Mallant muss immer wieder nachhaken, fordert die Argumente der Spieler heraus. Später sagt er im Gespräch mit WIRED: „Wenn ich will, dass sie mir vertrauen, dann muss ich ihnen zuhören.“ Er weiß, wie schwer es ist, Gleichaltrige davon zu überzeugen, ihre eigenen Fehler einzugestehen. In 20 Jahren werde das vielleicht anders, sagt er.

Der E-Sport ist so jugendlich wie seine Top-Athleten. Aber stark im Kommen, vor allem bei Jüngeren. Laut Zahlen der Analysefirma Globalwebindex schaut jeder fünfte Millenial (im Alter von 18 bis 32) mindestens einmal monatlich einen solchen Livestream.

Die Einstiegshürden für den Erstkontakt mit dem digitalen Sport sind gering: „Früher konnte jeder mit einem Ball zum Kicken auf die Straße gehen. Heute hat jeder einen Computer“, sagt Mallant. Es gibt sogar Smartphone- oder Tablet-Spiele mit E-Sports-Ambitionen. Der Einstieg ist stets kostenlos. Erst ist es für Jugendliche ein Hobby, der eine oder andere spielt sich vom Kinderzimmer aus in der offenen Rangliste nach oben – dann wird er von Experten wie Trainer Fabian Mallant entdeckt und ins Team geholt.

Normalerweise trainieren die Unicorns of Love für ihr Spiel am Wochenende. In einer Art Bundesliga zocken sie am Rande Berlins gegen die besten Teams Europas. Ihre Fans pilgern nicht zum Stadion, sondern verfolgen das Match online. Highlights der sogenannten European Championship Series haben zwischen 100.000 und 300.000 Zuschauer.

Dieses Mal steht aber etwas besonders an. Den großen Konkurrenten TeamSoloMid treffen die Unicorns nicht bei einem Ligaspiel, sondern auf einem dreitägigen Turnier. Bei den Rift Rivals treten die besten Teams Europas gegen die Top-Spieler aus Nordamerika an.

Trainer Fabian Mallant (links) und Manager Romain Bigeard

„Ich habe gewettet, dass wir gegen TeamSoloMid gewinnen“, sagt Manager Bigeard. Aber das Hinspiel ging verloren. Zwei Tage nach dem Besuch von WIRED im Gaming-Haus sieht er verändert aus. Sein Kopf ist kahlgeschoren, von seinem blondierten Oberlippenbart mit den leicht gezwirbelten Spitzen sind nur noch Stoppel übrig. Dazu trägt er einen rosa Einhornschlafanzug. Erst durch seine Kostüme wurde Bigeard zum Publikumsliebling: „Das ist meine Arbeitskleidung“, sagt er aufgedreht. Neben ihm steht Trainier Mallant in Anzug und Krawatte, ruhig und gelassen. Die beiden könnten kein unterschiedlicheres Duo abgeben.

Es bleibt noch eine zweite Chance, gegen TeamSoloMid zu gewinnen. Die Rückrunde ist an diesem Abend. Hier in Berlin Adlershof, direkt neben dem Filmstudio, in dem zeitgleich die neue Staffel von The Voice gedreht wird, haben sich die besten League-of-Legends-Spieler Europas und Nordamerikas versammelt. Vor einem kleinen Publikum aufgezeichnet, maximal 200 Leute, werden die Matches in die ganze Welt ausgestrahlt. 44.000 Zuschauer hat dieser Tag des Events allein auf der Streamingplattform Twitch.

Wenige Minuten vor dem entscheidenden Match. Trainer Mallant lässt immer wieder einen Fidget Spinner rotieren, versucht ihn auf der Nase zu balancieren. Die Anspannung ist groß, jeder versucht sie auf seine eigene Art abzubauen. Dann ist es soweit, die Spieler stehen bereit mit ihren mitgebrachten Mousepads und Tastaturen. Ein junger Moderator mit überdimensioniertem Headset ruft: „Es geht los“, und sie strömen nach draußen ins Scheinwerferlicht. Dicht gefolgt von einem Mann mit fellbesetzter Spandexhose und einer Einhorn-Gummimaske auf dem Kopf.

Die Unicorns of Love entspannen sich vor dem Match gegen TeamSoloMid

Für Manager Bigeard ist es jetzt Zeit für seine Pre-Show. Zeit, das Publikum zum Kochen zu bringen. Die Fans brüllen „Unicorns, Unicorns“, als er sich in der Mitte der Bühne feiern lässt. Es sind diese Momente, in denen klar wird, warum die Einhörner der Publikumsliebling der deutschen Szene sind: Andere E-Sport-Teams setzen gewichtige, machohafte Mienen auf, damit klar ist, dass hier keine Spielchen gemacht werden, die Unicorns nehmen die Absurdität ihres Sports voll an. Wenn schon ihre Avatare im Spiel überzeichnete Karikaturen sind, kann das Team es auch sein. Zwischen all den Monstern und Fantasyfiguren würde selbst Bigeard als humanoides Einhorn nicht groß auffallen.

Der Jubel der Fans verklingt, das Match gegen TeamSoloMid beginnt. Schon nach wenigen Minuten liegen die Einhörner zwei Punkte, besser gesagt zwei Tode hinten. Jeder Verlust des eigenen Charakters stärkt den Gegner, weil man selbst eine Auszeit nehmen muss. Der Moderator prophezeit bereits den Sieg von TeamSoloMid, das Hinspiel scheint sich einfach zu wiederholen. Nach und nach bauen sie ihren Vorteil aus – wird der zu groß, ist jede Chance auf den Sieg dahin. Zu zweit oder dritt lauern die Amerikaner jenen Spielern der Unicorns auf, die sich zu weit vorwagen und schneiden ihnen den Weg ab. Es sind genau solche Situationen, vor denen Trainer Mallant noch im Training gewarnt hatte. Schnell sind TeamSoloMid drei, dann vier Punkte voraus.

Romain Bigeard präsentiert sich in seinem neusten Kostüm

Doch dann kommt der Wendepunkt: TeamSoloMid will den eigenen Vorteil weiter ausbauen. Versucht ein sich neutral verhaltendes Riesenungeheuer auszuschalten. Wer es tötet, bekommt einen Bonus auf seine Kampfkraft – der Sieg wäre damit fast sicher. Aber die Einhörner haben den Braten gerochen und schleichen sich an. Sie überfallen ihre vom Monster angeschlagenen Rivalen. Treiben deren Avatare auseinander, isolieren den ersten, fokussieren all ihren Schaden. Er fällt. Kaum einen Augenblick später steht auf dem Bildschirm in großen Worten „Ass“. Alle Mitglieder von TeamSoloMid haben das Zeitliche gesegnet — Verluste auf Seiten der Einhörner: null. Der Moderator brüllt so laut ins Mikrofon, dass es fast übersteuert: „Ich entschuldige mich für alles, was ich gesagt habe. Dieser Spielzug war einfach wunderschön!“

Jede Vorsicht ist jetzt dahin, die Einhörner stürmen die Bastion direkt durch das Haupttor. Als die Gegner von ihrer Auszeit zurückkehren, formieren sie sich zur Defensive. Doch die Einhörner kennen keine Verluste mehr, kämpfen direkt unter den Verteidigungstürmen der Festung. Ihr Ass war kein Glückstreffer, nachdem das Effektfeuerwerk sich lichtet, stehen nur noch die Jungs im rosa Jersey. Keine Gegenwehr mehr. Die Festung fällt.

Die Einhörner bleiben an diesen drei Tagen das einzige europäische Team mit einem Sieg gegen den Ligaführer aus Amerika. Ein bisschen so, als würde der FC Bayern München gegen den Aufsteiger verlieren. Die Blamage ist so groß, dass TeamSoloMid nach dem Spiel jegliche Live-Interviews verweigert.

Die amerikanische E-Sports-Liga ist viel weiter entwickelt, als sie es in Europa ist. Bei einer Organisation wie TeamSoloMid hat der Trainer nicht nur zwei Assistenten und einen Social-Media-Manager, sondern solche Teams zocken mit verschiedenen Truppen in mehreren Games. Nach League of Legends sind Counter-Strike und Hearthstone bei den Fans am beliebtesten.

Wie weit abgehängt Europa noch ist, zeigt sich auch in den Gehältern der Spieler. Während Insider schätzen, dass die internationalen Top-Spieler bis zu 150.000 Euro im Jahr verdienen, ist es bei Newcomern wie den Einhörnern wohl maximal die Hälfte.

TeamSoloMid kurz vor dem Rückspiel gegen die Unicorns of Love

Immer mehr deutsche Fußballvereine überlegen, in das E-Sports-Geschäft zu investieren, um den Anschluss an die Jugend nicht zu verlieren. Allen voran sind die Vereine VfL Wolfsburg und Schalke 04, letzterer hat bereits ein eigenes Leage-of-Legends-Team. „Das passiert in ganz Europa: Großbritannien, Frankreich, Deutschland“, sagt Analystin Chauhan. Mehr und mehr Fußballvereine würden sich zu allgemeinen Sportvereinen umbauen und dann kämen eben auch E-Sports dazu.

„Das ist der wichtigste Sport der Zukunft“, sagt Unicorn-Trainer Mallant. Aber auch wenn viel auf diese Schlussfolgerung hindeutet, gibt es keine Garantie. Denn es ist unsicher, wie sich der Geschmack der Zuschauer verändert, wenn sie in ihre 40er kommen. Werden sie immer noch jene digitalen Sportarten schauen, die sie in ihrer Jugend und frühen 20ern selbst gespielt haben?

„Den E-Sport gibt es noch nicht lange genug, um zu verstehen, wie beständig er ist“, sagt Chauhan. League of Legends existiert beispielsweise erst seit sieben Jahren. Dass der Titel ein so langes Leben wie Fußball haben kann, glaubt Chauhan nicht. Aber die Chancen würden gut stehen, dass einfach ein anderes Spiel käme, um seinen Platz einzunehmen. Und eines ist sicher: E-Sports sind zumindest in den nächsten Jahren ein riesiger Markt. Umso mehr Anreiz gibt es also für deutsche Teams, vom Underdog zum Verfolger oder sogar zum neuen Champion zu werden.

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