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Digitales Deutschland: „Wir verkennen, wie toll wir im Optimieren sind“

Nikolaus Röttger 27.01.2017

Wie innovativ und digital ist Deutschland? Dieser Frage geht WIRED-Chefredakteur Nikolaus Röttger nach: Im ersten Gespräch der Reihe, das auch als Podcast verfügbar ist, trifft er auf Andreas Winiarski. Er ist Digitalchef bei der Kommunikationsberatung HeringSchuppener und war früher Sprecher von Rocket Internet.

Andreas Winiarski startete seine Karriere beim Verlagshaus Axel Springer, zunächst als Trainee, später als Mitarbeiter in der Bild-Chefredaktion. Anschließend wechselte der Kommunikationsexperte als Sprecher zu den Samwer-Brüdern: Als SVP Communications bei deren Inkubator Rocket Internet begleitete er zahlreiche Startups und führte Rocket mit an die Börse. Heute berät er bei HeringSchuppener Dax-Konzerne und Mittelständler bei Fragen der digitalen Transformation.

WIRED-Chefredakteur Nikolaus Röttger hat Winiarski zum Gespräch über  die Frage „Wie innovativ und digital ist Deutschland?“ getroffen. Das ganze Interview könnt Ihr auch als Podcast nachhören, die wichtigsten Antworten von Andreas Winiarski haben wir unten zusammengefasst.

Auf die Frage: Wie ist Deutschland beim Thema Digitale Innovation aufgestellt?
„Viel besser, als wir alle glauben und auch viel besser, als die Medien es sehr oft darstellen. Ich war nun auch Journalist und weiß, es gibt Nachrichtenwertfaktoren und man neigt dazu, zu negativieren und Sachen zu suchen, die nicht funktionieren. Ich als Berater muss genau den anderen Weg gehen; und zwar geht es in erster Linie doch darum, Stärken zu stärken. (...) Du hast eigentlich flächendeckend in Unternehmen, die eine gewisse Bedeutung haben, nicht nur erste Pilotprojekte, sondern manchmal sogar schon funktionierende Produkte, Geschäftsmodelle und deshalb war ich auch gar nicht einverstanden mit der Grundaussage des Interviews von Frank Thelen zu eurer letzten Ausgabe.“

Zu Frank Thelen, Startup-Investor aus der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“, der in einem Interview mit WIRED Germany kritisiert hatte, dass das Ziel deutscher Manager lediglich sei, ihr Geschäft um zwei Prozent zu optimieren:
„Ich muss jetzt bei voller Ehrlichkeit sagen, ich habe sehr ähnliche Thesen vertreten, als ich bei Rocket unterwegs war. Weil das der typische Blick aus der Startup-Szene ist. (...) Das Problem bei dieser Sicht, die ich früher hatte, die Frank jetzt hat, die auch im Kern ja völlig in Ordnung ist, wenn man Disrupter ist und aufwecken will – und das will er ja auch, aufrütteln – dass aber das Problem ist: Wenn du immer schon digital warst, ist es ein ganz anderes Denken, als wenn du analog bist, oder warst und jetzt digital werden willst. Diese Transformation, behaupte ich, kann jemand aus der reinen Rocket-Rolle oder Frank eben aus der reinen Startup-Rolle sehr schlecht nachvollziehen.“

Über Deutschlands Konzerne:
„Wenn du 150.000 Mitarbeiter hast, du hast eine Mitbestimmung, Stakeholder, wo du hinschaust, es sind Sachen passiert, und du musst dich in diesem Rahmen bewegen, weil wir auch erwarten, und dass erwartet der Kapitalmarkt, die Politik, die Gewerkschaften und you name it, dass man sich entsprechend verantwortlich bewegt und nicht sagt: „Ach, das machen wir jetzt so, das machen wir jetzt so. So funktioniert die Welt nämlich in Wahrheit nicht. Und ich glaube, das gehört zur vollen Wahrheit dazu. Es ist wesentlich einfacher, auf der grünen Wiese Neues zu bauen, als etwas großes Bestehendes weiter zu entwickeln und zu überführen. (...)

Ich glaube, wir verkennen völlig, wie erfolgreich wir im Optimieren (sind), diese zwei Prozent, was er da sagt, das ist die Grundlage, um das Andere machen zu können, (...)

Du musst deine Value Chain optimieren, auch wenn das für uns ein bisschen Gaga wirkt, dass sie nicht in 200 Prozent Schritten denken, aber man muss auch mal eingestehen, dass unsere Konzerne in Summe dutzende Hundertmilliarden Gewinne produzieren, welches Startup kann das von sich behaupten? Trotzdem bleibt es richtig, dass man parallel eine gewisse neue Geschwindigkeit aufbauen muss, weil der Wettbewerb ist ja nicht nur schneller und technologisch beschleunigt, er ist auch ein globaler, weil die Globalisierung wirkt ja neben der Digitalisierung und das ist eine riesengroße Herausforderung. Ich würde nicht per se behaupten, dass das die Konzerne nicht hinbekommen. Es ist völlig okay, dass ein Daimler später dann bei MyTaxi einsteigt. (...) Diese Mischung ist es doch genau und das ist das, was ich als Berater eben heute anders sehe. Man muss Leute enablen, sie nicht per se bashen.“

Über die deutsche Automobilindustrie:
„Ich glaube schon, dass wir ein halbes Jahrzehnt, wenn nicht sogar ein Jahrzehnt an manchen Fragestellungen verloren haben, weil es zu gut lief. (...)

Ich würde sagen, sie sind absolut auf dem Weg. Ich würde ihnen jetzt noch keinen Versetzt, Bestanden, Alles ist gut geben. Dafür haben sie zu lange gebraucht, um in diesen Modus zu kommen, in dem sind sie jetzt aber. (...) Wenn ich mir anschaue, was ein Daimler, VW, Porsche, was die da als Konzept haben, das ist ja alles kurz vor Einführung und Umsetzung. Man kann das ja auch schon in den Testgeländen, da gibt es das ja schon, es ist noch nicht ausgerollt, weil wir diese Zeit verloren haben. Ich glaube, wenn es soweit ist, wie immer bei den Deutschen, sie brauchen ein bisschen, machen es ganz analytisch und wir machen gerade die ganz vielen kleinen Schritte, verkaufen das auch nicht Besonders gut, weil das ist nicht, was dem Deutschen zu Eigen ist, aber wenn es dann kommt, wird es sehr erfolgreich sein - und da hängt vor allem das Schicksal dieses Landes ab.“

Zur Bankenbranche:
„Das ist wesentlich schwieriger als die Autobranche, wenn du mich fragst, weil das Produkt am Ende auch nicht so anfassbar ist, das gibt uns ja immer die Stärke im Auto nochmal. Das, was anfassbar ist, das was ineinandergreifen muss, das können die Deutschen wie keine andere Nation, warum auch immer. Aber so rumtüfteln, das können wir. Bei den Banken hast du natürlich kein Produkt zum Anfassen, das ist ein virtuelles Produkt, was auf Plattformen aufsetzt, also der Veränderungsdruck viel größer. Da hast du auch den Kapitalfaktor oder der Faktor, wie erfolgreich man war und wie wenig man dann auch bereit ist, sich zu verändern, ist natürlich viel geringer. Da haben viel mehr Leute einen eigenen Weinberg und wie das so ist, hab ich früher mal als Beispiel genommen, wenn man Porsche und nen Weinberg hat, warum soll man sich ändern? Das Leben ist schön und wenn man so im Rhein-Main-Gebiet da unterwegs ist, kann man sich das ja ansehen, da ist das ja alles noch. Nur man muss sehen, niemand, in keiner Branche werden so viele Menschen arbeitslos und wahrscheinlich auch nie wieder einen adäquaten Job zu dem, was sie vorher hatten, finden, wie in der Bankbranche. Der Wandel ist voll im Gange.“

Über Politik und Gesellschaft in Zeiten der Digitalisierung:
„Was wir nicht zulassen dürfen ist, dass wir ein Zeitalter des Plattformkapitalismus segeln, wo quasi aus dieser Radikalität der technologischen Entwicklung auch eine Radikalität der gesellschaftlichen Entwicklung wird. Teile davon sehen wir jetzt politisch schon, und das ist nichts, was wir als Deutsche, als Europäer befördern sollten, sondern wir sollten unsere soziale Marktwirtschaft und das Miteinander hochhalten und am Ende, als letzter Punkt, glaube ich, darf man nicht vergessen, das eine ist, dass Technologie Dinge ermöglicht, die Wirtschaft umsetzt. Und das ist auch toll, wenn Gründer das machen, aber am Ende haben das Sagen immer noch Politiker, die Volksvertreter, die legitimiert sind im Namen aller zu sprechen. Das sind nicht Evangelisten aus dem Silicon Valley, die haben kein Mandat, für irgendwen zu sprechen und man sieht es doch auch jetzt beim Airbnb, nicht in Deutschland, es passiert in London, dass da genau quotiert wird, wie viel Prozent von Wohnungen eigentlich für Airbnb genutzt werden dürfen oder im Verlauf übers Jahr. Und ich glaube, die Politik ist an vielen Stellen noch die große Unbekannte. Und das ist nicht nur Damoklessschwert für Geschäftsmodelle, das ist auch eine große Hoffnung für eine Gesellschaft, die sich positiv nachhaltig entwickeln soll.“

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