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Deutscher Webvideopreis: Als ginge Tante Traudel mit aufs K.I.Z.-Konzert

Anja Rützel 15.06.2015

Ein Unterhemdbub am Klavier, putziger Hass und Let’s Plays aus dem Führerbunker — die Prämiertenspanne beim diesjährigen Webvideopreis war beachtlich. Und Ehrenpreisträger Gronkh zeigte, dass Fernsehen und YouTube unvereinbar bleiben.

Den Pflichtwitz über eine schon traditionelle Webvideopreis-Verulkungsfigur macht Moderator Christian Ulmen gleich zum Anfang: „Mein Name ist Sami Slimani und das bin ich ohne Makeup.“ Den Scherz über die manchmal beängstigende und darum dringend zu verwitzelnde Reichweite und Netzmacht solcher Menschen auf YouTube schiebt er ein paar Minuten später hinterher: „Hier sitzen Menschen, die haben insgesamt mehr Follower als der Islam.“

Was ist preiswürdiger: Gigantisches Wachstum oder das Einkuscheln in die innovative Nische?

Am 13. Juni wurde in Düsseldorf zum fünften Mal der Webvideopreis verliehen, die wichtigste Leistungsschau der deutschen YouTuber, die immer auch einen innenpolitischen Kitzelfaktor hat: Die Nomierungen werden von der Videopreis-Academy vorgeschlagen, die sich selbst aus aktiven YouTubern zusammensetzt — Preisträgern und Nominierten der vergangenen vier Ehrungsjahre. Ihre Prämierungsvorschläge, über die dann je zur Hälte von der Academy und dem YouTube-Publikum abgestimmt werden darf, sind darum auch ein Statement dazu, was preiswürdiger ist: Der gigantische Wachstum eines Kanals oder das Einkuscheln in die innovative Nische? Ehrt man technische Perfektion oder sympathisches Stümperwesen, monatelange Fitzeleditierarbeit oder mühelose Bäm-da-bin-ich-Präsenz? Den etablierten Dino, der sich weiterentwickelt hat, oder den frischen Springinsfeld, der einen ganz neuen Kanal erfunden hat, den umfangreichen Werkkatalog oder eine knapp skizzierte Idee? Wer beim Webvideopreis gewinnt, zeigt darum auch immer den aktuellen Wechselkurs dieser verschiedenen Youtuber-Werte.

Die dazugehörige Gala war deutlich größer aufgezogen als in den Vorjahren, sie wurde nicht nur live gestreamt, sondern auch im Fernsehen bei EinsPlus übertragen und tags darauf in diversen Dritten Programmen wiederholt. Doch in der inhaltlichen Gestaltung geriet die Show zum rumpeligen Zusammenführungsversuch von YouTube und „normalem“, linearem Fernsehen. Christian Ulmen und Show-DJ Friedrich Liechtenstein sind Menschen, die ohnehin in beiden Welten funktionieren, daneben moderierten Vertreter beider Branchen in teils wunderlichen Paarungen (Sophia Thomalla und Dagi Bee!) zusammen: Eurovisions-Schlachtross Peter Urban kommentierte gemeinsam mit dem 22-jährigen Let's-Player Hand of Blood, und News-YouTuber LeFloid laudatierte zusammen mit Tagesthemen-Sprecherin Pinar Atalay — was auf Twitter zu Irritationen führte: „Wer ist diese Moderatorin?“

Brauchen die Webvideo-Kreativen doch noch offizielles Schultertätscheln von den Etablierten?

Als dann noch — wie in der Preiskategorie „Journalismus“ — Belobigungs-Schnipsel von Offline-Fernsehmenschen wie Anne Will und diversen anderen Nachrichten-Sprechern eingespielt wurden, war das eine eher krampfige Zusammenführung. Brauchen die Webvideo-Kreativen jetzt doch offizielles Schultertätscheln von den Etablierten? Ist es wirklich nötig, zwischen beiden zu übersetzen? Und zu erklären, Let's-Plays auf YouTube anzuschauen sei im Kern auch nichts anderes, als sich sein Fußballländerspiel anzusehen? Gelegentlich wirkten diese Versuche, als ginge die betagte Patentante Traudel mit aufs K.I.Z.-Konzert. Vor allem, wenn die Witze der Offliner muffigste Netzklischees und den kleinsten gemeinsamen Popultur-Nenner bedienten — etwa den mehrfach bemühten Gähnscherz, am erfolgreichsten auf YouTube seien immer noch die Katzenvideos. Dabei waren gar keine Schnurrtiere unter den Preisträgern, das hätte den Fernsehleuten auffallen können.

Die Prämierten zeigten stattdessen, womit Youtube in seinen besten Momenten begeistern kann, fernab der Haul-Halde, der stumpfen Challenges, des plakativen Prollwesens. Marti Fischer etwa, der in der Kategorie „Journalismus“ mit der Hip-Hop-Folge seine Videoreihe „Wie geht eigentlich Musik?“ gewann. Oder der herzliche Hasser Michael Buchinger, der mit seinen monatlichen Brassvideos in der Kategorie Lifestyle siegte, ein deutliches Statement für mehr Befindlichkeitsvielfalt und weniger Grinsekonsumtipps.

Als bestes Musikvideo wurde „Barfuß am Klavier“ von AnnenMayKantereit ausgezeichnet, ein Clip mit schlichtestmöglichem Unterhemdknabe-an-Tasteninstrument-Setting. Trotz aller Professionalisierung und Verbranchung funktioniert das immer noch gut bei YouTube.

Genauso gibt es aber auch die bombastischen Mega-Projekte, spinnerte Ideen, die man groß denkt und dann — meistens — doch nicht umsetzt. Einige tatsächlich vollendete Konzepte wurden in den diversen Kategorien ausgezeichnet. MadBrickMotion etwa gewann den „Arthouse“-Preis für die Lego-Adaption von „The Walking Dead“.

Als bestes Video des Jahres wurde „TubeClash Episode 1“ von DarkVictory geehrt, ein riesiger YouTube-Metawitz: Die aufwändig gezeichnete Serie erzählt die Abenteuer einiger auf einer Insel gestrandeter Groß-YouTuber und gewann gleich noch den Preis für das beste Skript und die beste Animation.

Und dann wird zwischenrein einfach mal ein Trailer ausgezeichnet, eine aufwändig inszenierte Schnapsidee: „SiegHain“, zusammengesetzt aus den Namen der beiden Macher Fabian Siegismund und David Hain, ist ein Vorstellungsfilmchen für einen bisher noch nicht existenten Kanal, auf dem zwei im Bunker vergessene deutsche Soldaten Gaming-Videos präsentieren wollen — und mit schwerem deutschen Zischakzent beispielsweise grollend Spiele besprechen, in denen die Amerikaner überraschenderweise den Zweiten Weltkrieg gewannen: „Sett makes it a Fantasygame!“

Mitunter war a das Humorgefälle zwischen gelungenen Youtube-Videos und altväterlicher TV-Unterhaltung schmerzhaft spürbar - etwa wenn Comedian Thomas Hermanns bei seiner Laudatio im Satinanzug hilflos Witze über kopulierende Hunde machte oder Otto Waalkes den Menschen seinen jahrzehntealten Hollerä-idi-Jodler aufdrängte. Am übelsten geriet ein Einspielfilm, in dem ältere, ganz offensichtlich technikfremde Menschen auf der Straße mit Fragen wie „Was zieht man bei einem Shitstorm an?“ und „Sagen Sie mal ein paar Mediakraftausdrücke?“ klamaukisiert wurden. Um ein paar schäbige Lacher zu gewinnen, wenn ältliche Passanten auf die Frage nach den besten Instagram-Filtern verwirrt antworten: „Wir sind Nichtraucher!“

Die Frage, wer oder was denn bitte ein Gronkh sei, hat man den so Vorgeführten gottlob erspart. Erik Range, der unter diesem Kanalnamen mit 3,6 Millionen Abonnenten immer noch der größte deutsche YouTuber ist, wurde als Höhepunkt der Webpreisgala mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet: Er habe sich mit seinen Let’s-play-Videos „vom No-Name zum Webhero“ entwickelt, der inzwischen auch als „moralische Instanz“ fungiere. Auch wenn er, sehr oberflächlich betrachtet, in seinen Videos einfach nur Computerspiele spielt. Und dafür von seinen Fans solch überbordend euphorischen Zuspruch bekommt, wie es kein aktueller Fernsehstar je erfahren wird.

Spätestens hier dürfte die kulturelle Trennung zwischen YouTube und linearem Fernsehen dann doch nicht zu überwinden sein. Weil sich Netzphänomene eben nicht in alte Förmchen pressen lassen — trotz Räuberleiterversuche wie einer gemeinsamen Preisverleihung. 

Alle Preisträger finden sich auf https://webvideopreis.de

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