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In Berlin versuchte ein Hackathon, die Demokratie zu retten

Sofie Czilwik 29.08.2017

Kurz vor der Bundestagswahl hat die Factory Berlin die derzeitige Aufmerksamkeit für Demokratie genutzt und zum Hackathon für mehr Bürgerbeteiligung eingeladen. Developer, Designer und Politikwissenschaftler bastelten 24 Stunden lang an Software-Produkten, die die Demokratie stärken sollen. Das Gewinner-Team setzte sich gegen 17 andere durch.

„Ich weiß nicht, was wir erwartet hatten, aber bestimmt nicht, dass wir gewinnen“, sagt Jasmine Whaley. Die 26-Jährige hat gerade einen 24-Stunden-Hackathon hinter sich und steht jetzt noch etwas aufgekratzt vor der Tür, um erstmal Luft zu holen. Zwei Minuten hatte sie Zeit, um das Projekt zu pitchen. Am Ende setzte sich ihr Team gegen 18 andere durch und überzeugte die Jury.

Die Herausforderung: Der Startup-Campus Factory Berlin hatte zum Demokratie-Hackathon gerufen, um dem Populismus in Europa und den USA etwas entgegenzusetzen. Jeweils 24 Stunden hatten die Beteiligten Zeit, ihr Projekt zu programmieren. Das gelang am besten: Beyond the Vote, einer Internetplattform, die Demokratie auch abseits von Wahlen stärken will.

„Wir möchten zwei Gruppen miteinander verbinden: Einmal Organisationen, die für ein bestimmtes Problem eine Lösung vorschlagen. Und zweitens Bewohner einer Stadt, die sich für etwas einsetzen wollen“, sagt die US-Amerikanerin Whaley, die in Berlin Public Policy studiert. Von Petitionen für die Erhaltung von Grünflächen, über Tutorials zu Fahrrad-Aktivismus bis hin zu Nachbarschaftstreffen im eigenen Kiez – unterschiedliche Themen und Aktionsformen könnten auf der Seite Platz finden, die zusätzlich Nachrichten und ein breites Informationsangebot für politische Themen zur Verfügung stellen soll.

Das Gewinner-Team: Jasmine Whaley, Omosola Odetunde, Jeanna Hamilton, Esther Rizo, Shoshannah Richards, Yolanda Rother (v. l. n. r.)

Whaleys Team: eine Designerin, zwei Entwicklerinnen und drei Politikwissenschaftlerinnen, alle Mitte 20. „Die Kombination hat für uns gut funktioniert“, sagt Omosola Odetunde, die als Entwicklerin für ein Berliner Startup arbeitet. „Auch wenn Coden auf einem Hackathon ganz anders ist, als im Job. Normalerweise versucht man, den besten Code zu schreiben. Hier versucht man etwas zu entwickeln, was in kurzer Zeit am besten funktioniert.“

Hackathons haben den Ruf, nerdige Tech-Veranstaltungen zu sein, mit denen sich gern mal Konzerne schmücken, um an ihrem Image zu feilen. Automobilkonzerne etwa, oder Banken, weil dort junge Talente aus der Entwicklerszene in kurzer Zeit neue Software-Produkte entwickeln. Dass Hackathons den Schwerpunkt auf Politik und Gesellschaft legen, ist noch recht neu. Der Letzte viel beachtete in Deutschland wurde im März von der SPD veranstaltet.

„Vor dem Hintergrund der bevorstehenden Bundestagswahl und angesichts von Trump, AfD oder dem Brexit wollten wir an der Schnittstelle von Politik und Digitalisierung neue Konzepte zur Stärkung der Demokratie fördern“, sagt Organisatorin Rebecca Krum von der Factory. Die Vorgaben an die Hacker-Teams wurden bewusst knapp gehalten. „Wir wollten nicht, dass alle an einer bestimmten Anwendung arbeiten. Wir hätten es auch begrüßt, wenn eine Gruppe gesagt hätte, wir gründen eine Partei!“

Dazu kam es auf dem Hackathon nicht. Dafür machten viele Teilnehmer Vorschläge, wie sich Fake News und Wahlmanipulationen im Internet eindämmen lassen: Eine Plattform, auf der User Journalisten bewerten, eine Website, die die Verbreitung von Fake News visualisiert oder ein Plugin, das Usern anzeigt, in welchem Ausmaß sie das Ziel von politischer Werbung sind.

Das Team von Who Targets Me? bei der Arbeit

Das Gefühl, die westlichen Demokratien befänden sich zurzeit im Abwind, war auch der Grund, warum sich Jasmine Whaley und ihre Freundinnen für den Hackathon angemeldet haben: „Nach den letzten US-Wahlen hatte ich Angst, dass wir in den USA bald Race Riots erleben würden. Dann kam der rechte Anschlag in Charlottesville“, sagt sie. „Für mich ist das kein Spiel, ich will wirklich etwas bewegen.“

Wie wichtig den TeilnehmerInnen das Thema Demokratie ist, wird auch dadurch deutlich, dass alle Gruppen vollständig angereist sind. „Das ist einzigartig und zeigt, dass es hier um die Sache geht und nicht ums Geld“, sagt Michael Strobl vom Berliner Startup Hackerbay, der die Teams während des Hackathons beim Coden unterstützte.

Geld gab es ohnehin nicht. Die Gewinner erhalten einen Gutschein für Kurse an der privaten Online-Akademie Udacity und Unterstützung aus dem Startup-Netzwerk der Factory, um ihr Projekt weiter zu entwickeln und idealerweise auf den Markt zu bringen. „Ich bin gespannt wie es jetzt weitergeht, es wäre wunderbar, wenn unser Projekt wirklich etwas verändern könnte“, sagt Jasmine Whaley.