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Das Marvel Universum kommt nicht vom Fleck – Gebt uns neue Helden!

Dominik Schönleben 26.05.2017 Lesezeit 4 Min

Marvel-Filme erzählen stets das Gleiche. Öde! Unser Angry Nerd hat einen Vorschlag, wer das Marvel Universum jetzt noch retten könnte: Captain Britain.

Dieser Artikel stammt aus WIRED-Ausgabe 02.2017. Wenn ihr die Ersten sein wollt, die WIRED-Artikel lesen, bevor sie online gehen: Hier könnt ihr unser Magazin testen.

Superhelden sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Zum Beispiel die von Marvel. In den 60er-Jahren haben Stan Lee und Jack Kirby ein Sammelsurium an frühen Leggingsträgern erschaffen, von denen die einstige Comic-Marke und heutige Disney-Tochterfirma bis heute zehrt: Spider-Man, Iron Man, Thor, Hulk.

Comics guckt sich zwar KEINER mehr an, Blockbusterfilme dafür JEDER. Weshalb es die mit Superhelden längst in Serie gibt, bis ins Jahr 2020 hat Marvel seine Kinofilme durchgetaktet. Das hat was von sozialistischem Fünfjahresplan, nur dass der von Marvel als kapitalistische Geldmaschine konzipiert ist. Der Effekt ist aber der gleiche: Eine ursprünglich gute Idee geht kaputt. 

Ein sozialistischer Fünfjahresplan, nur dass er als kapitalistische Geldmaschine konzipiert ist

Wirklich jeder männliche Superheld – Frauen sind bei Marvel nur Beiwerk – bekam eigene Filme. Ein Typ, der sich auf die Größe einer Ameise verkleinern kann? Gekauft, Ant-Man ist auch was für die Kleinen! Drei Verbrecher, die mit einer Topfpflanze und einem Waschbären zu 90er-Musik tanzen? Lasst uns gleich den zweiten Teil von Guardians of the Galaxy machen! Die Avengers-Filme? Wirken wie Best-of-Alben: Man kennt längst alle Songs auswendig.

Doch wen hat Marvel vergessen? Uns Europäer. Alle Überwesen, die der Comic-Gigant aus seinem Archiv holt, sind Amerikaner. (Okay, manche auch Götter oder Aliens.) Statt 2019 den vierten Iron-Man-Film zu drehen, sollte Marvel sich eines echten Themas annehmen. Dafür hätte es den perfekten Helden auch im Archiv: Captain Britain. Der Mann fürs annus horribilis 2019, das Jahr, in dem Großbritannien die EU verlassen wird.

Niemanden braucht die Welt gerade so wie Brian Braddock, der vom Magier Merlin mit dem Amulett der Rechtschaffenheit ausgestattet wurde, statt mit König Artus’ Schwert. Denn Braddock taugt nicht zum Krieger. Er ist quasi der Jurist unter den Superhelden. Während ihm als Captain Britain 1976 noch die Aufgabe zufiel, die Gesetze des Empires zu wahren, stünde er heute vor einer kolossalen Entscheidung: Unterwirft er sich dem Willen des Volkes und tritt für ein Großbritannien ein, das Europa den Rücken kehrt? Oder prügelt er sich so lange durchs britische Parlament, bis das den Exit vom Brexit beschließt?

Noch nie stand ein Superheld vor einem größeren moralischen Dilemma! Doch nach Marvel-Art würde Captain Britain vs. die Torys auf jeden Fall so enden: Theresa May würde sich an Superheld Brian Braddock festhalten, sie würden als Traumpaar ins Abendrot entschwinden, damit am Ende wieder alles wie am Anfang wäre. Der Brexit wäre nur ein böser Traum gewesen.

Das Versprechen: Zum Schluss kommt der Payoff. Tut er aber nicht

Ursprünglich sollte jeder Marvel-Film als Teil einer großen Erzählung einen Metaplot vorantreiben. Egal ob Iron Man, Thor oder Captain America, alles sollte im selben Universum spielen und eine gemeinsame Geschichte ergeben. Die Enttäuschung kam schnell, denn eine wirkliche Veränderung gab es nie. Die Welt war, nachdem sie in jedem Film kurz vor der Zerstörung gestanden hatte, zu Beginn jedes neuen wieder so wie zuvor. Die größte Entwicklung von Thor nach drei eigenen Filmen und zwei Auftritten in der All-Stars-Truppe zum Beispiel lautet: Er lässt sich die Haare schneiden. BÄMM! Äh, gähn. 

Marvel-Comics waren oft so, klar. Doch die sind zu einer Zeit entstanden, in der auch Fernsehserien noch auf der Stelle treten durften. Heutige haben komplizierte Plots und streben einer Auflösung entgegen. Obwohl sich Marvel-Filme vorgeblich daran orientieren, quälen sie ihr Publikum in Wahrheit mit den immer gleichen Erzählmustern und besänftigen es mit dem Versprechen: Zum Schluss kommt der Payoff. Tut er aber nicht.

Jede Serie muss enden. Sonst ergeht es ihr wie den sozialistischen Fünfjahresplänen: Erst nehmen die Leute sie nicht mehr ernst. Dann wollen sie nur noch die Flucht ergreifen.

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