/Gadgets

Modulare Gadgets scheitern nicht, sie legen gerade erst los!

David Pierce 11.08.2017

Modulare Gadgets hatten es bisher schwer auf dem Markt. Die Nintendo Switch hat das geändert und zeigt, wohin die Zukunft des Gadget-Designs führt.

Das sind alle Orte, and denen ich in den letzten zwei Wochen Mario Kart gespielt habe: Auf der Couch. Im Bett. Im Zug. Im Taxi. Im Flugzeug. In einem Hotel in Las Vegas. Im Hundepark. In einer ungewöhnlich langen Schlange im Supermarkt. Und, natürlich, auf der Toilette (häuftiger als ich zugeben möchte). In jedem Fall musste ich nicht mehr tun, als meine Nintendo Switch zu zücken, ein oder zwei Knöpfe zu drücken und schon war ich auf der animierten Rennstrecke.

Wie viele Menschen bin ich ein bisschen spät dran mit der Switch. Nintendo hat die Konsole schon Anfang des Jahres veröffentlicht, ich spiele Mario Kart und Breath of The Wild und Splatoon also erst seit ein paar Wochen. Es ist die beste Gaming-Erfahrung meines Lebens.

Das Beste an der Switch ist ihre Wandlungsfähigkeit. Man kann die Joy-Con-Controller an die Seiten des 6,2 Zoll großen Bildschirms stecken und hat einen Breitbild-GameBoy. Klappt man den Ständer auf der Rückseite des Displays aus und schnappt sich die beiden Controller, funktioniert die Switch wie eine Wii mit Mini-Bildschirm. Steckt man die Switch in die Ladestation und verbindet sie mit dem Fernseher, spielt man, wie es schon die Menschen in alter Vorzeit getan haben, von der Couch aus.

Es gibt Spiele, die man mit einem Joy-Con in jeder Hand spielen muss, andere nutzen nur einen Controller. Es ist Bewegungs-Controller, klassisches Gamepad und Pseudo-Kinect in einem. Man kann zusammen über einen Bildschirm spielen oder eine LAN-Party schmeißen.

Selbst die Software der Switch unterstützt das Gefühl der unendlichen Möglichkeiten. Das Gerät ist in wenigen Sekunden hochgefahren, ein pausiertes Spiel fortzusetzen, dauert keine Sekunde. Der super-simple Home Screen sieht auf sechs Zoll genauso aus wie auf 60 und lässt sich mit dem Controller oder dem Finger bedienen. Falsche Eingaben gibt es nicht. Die Switch ist die erste Spielekonsole, die einfach überall funktioniert. Wer noch nach starken Argumenten für modulare Gadgets sucht – solche mit formbaren, austauschbaren und Hot-Swapping-Teilen – der blicke einfach nur zu Nintendo.

Die Tech-Industrie versucht seit Jahren modulare Gadgets einzuführen – ohne Erfolg. Googles Project Ara begann als inoffizielle Smartphone-Idee, wurde dann ein echtes Produkt und verschwand schließlich wieder. Motorola hat die Idee über die Ziellinie getragen und mit dem Moto Z ein Telefon entwickelt, an das sich andere Accessoires magnetisch anheften lassen. Sehr viel Aufsehen hat es aber nicht erregt. LGs G5 war modular und scheiterte. Essential entwickelt gerade ein Smartphone mit einem magnetischen Anschluss für eine 360-Grad-Kamera und anderen Extras, während Facebook angeblich selbst an einem modularen Telefon arbeitet.

Bestenfalls überzeugen modulare Gadgets damit, dass sie sich an jedes Bedürfnis problemlos anpassen können. Nur die Teile, die ein Upgrade brauchen, bekommen auch eins. Kurzum: Ein Gerät, das auf einen Nutzer persönlich und nicht eine Milliarde anderer Menschen zugeschnitten ist. Wenn Module nicht funktionieren, dann sind sie unhandlich und dazu hässlich und kompliziert. Tech-Blogger John Gruber hat es treffend ausgedrückt, als er über Project Ara sprach: „Wie kann so ein Ding massentauglicher sein, als einen PC selbst zusammenzubauen?“ Kann es eben nicht. „Bei einem Mobilgerät“, sagt Gruber, „sind Größe und Gewicht viel zu wichtig. Die Verringerung von beidem ist nur möglich, wenn man Teile miteinander verflechtet.“ Also das Gegenteil von Modularität.

Tatsächlich kommt auch die Switch nicht ohne einige Mängel aus. Die Verbindung zwischen Controller und Konsole ist etwas fummelig. Wenn sich Nintendo nicht so sehr um 4K Fernseher Gedanken gemacht hätte, hätte es der Switch auch etwas mehr Prozessorleistung und Akkulaufzeit verpassen können. Der Tisch-Modus ist manchmal recht wackelig und eine wirklich tragbare Konsole wäre eigentlich etwas keiner. All das verblasst allerdings hinter der Möglichkeit, das Spiel auf dem TV zu pausieren und Minuten später vom Rücksitz eines Taxis weiterzuspielen.

Nintendo hat noch längst nicht alle modularen Ideen umgesetzt. Mehrere Hersteller haben eine Tastatur entwickelt, die zwischen die Joy-Cons gesteckt wird. Sie ist für Spiele wie Dragon Quest X gedacht, bei denen man mehr tippen als drücken muss. Nyko hat eine portablere Version des Docks gebaut, mit der man die Switch einfacher mit einem Hotel-TV verbinden und sie besser mit zu Freunden nehmen kann. Jedes Add-On hat so seine Berechtigung im Switch-Kosmos. Die Konsole, einst am besten für Shooter und Jump-and-Runs geeignet, könnte viel größer werden, als es sich Nintendo jemals vorgestellt hat. Jeder, der das Zeug dazu hat, kann die Software und Hardware immer weiter verbessern und erweitern.

Eine Zeitlang wollten Unternehmen die alleinige Kontrolle über die einzelnen Module des jeweiligen Geräts haben. Diese Vorstellung ist allerdings verrückt. Nintendo hat irgendwann die richtige Entscheidung getroffen, nur die Grundlagen perfektioniert und genug Leistung, Akku und Bildschirmdiagonale in ein einfaches, erweiterbares System verbaut. Den Rest überlässt Nintendo Anderen. Und genau das ist es – und kein einzelnes Spiel oder Feature – was die Switch so besonders macht.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com.
Das Original lest ihr hier.

Jetzt WIRED Member werden und mit uns in die Zukunft starten!

Mit im Paket: 4 Magazin-Ausgaben im Jahr und der Member-Zugang zu exklusiven Inhalten auf WIRED.de sowie weitere Vorteile nur für Member.

Member werden