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Die Nintendo Switch ist eine Konsole ohne Fokus – und das ist gut so

Dominik Schönleben 01.03.2017

Die Nintendo Switch versucht, die Balance zwischen Spielzeug und Zocker-Gadget zu halten. Doch wie erfolgreich kann eine Konsole sein, die sich nicht spezialisiert? Wir haben es für euch getestet.

Als die Nintendo Switch in die WIRED-Redaktion kam, veränderte sie sofort unseren Büroalltag. Zwei Kollegen zockten immer wieder abwechselnd das neue Zelda, wenn sie gerade auf den nächsten Text zum Korrekturlesen warteten. Am Schreibtisch über die Konsole gebeugt erinnerten sie ein wenig an zwei Kinder, die sich einen Game Boy teilen.

Doch dann zeigte sich, was sich seit den 90ern verändert hat: Als alle Arbeit erledigt war, gingen die beiden rüber in den Konferenzraum, steckten die Switch in ihre Docking-Station und spielten einfach übergangslos weiter. Links Abenteuer in Breath Of The Wild wurden auf dem Beamer fortgesetzt – und auch später noch auf dem Weg nach Hause in der S-Bahn. Schon da wurde klar, dass sich die Nintendo Switch als Kombination aus Handheld und stationärer Konsole einfach gut anfühlt. Vor allem deshalb, weil sie auch unterwegs kein Kompromiss ist.

Die Nintendo Switch ist eine gute Konsole für zwischendurch

Die neue Konsole von Nintendo ist ein Gadget, das sich schwer einordnen lässt. Man spielt mit ihr zu Hause am Fernseher, unterwegs im Bus, auf einer Party mit Freunden im Local-Multiplayer oder allein. Sie will dabei einerseits etwas für Gamer sein, die viel Zeit mit komplexen Titel verbringen, andererseits aber auch für Menschen, die in ihr eher ein Spielzeug sehen. Aber kann eine Konsole wirklich gut sein, wenn sie sich auf nichts spezialisiert?

Was die Switch von anderen Spielekonsolen abhebt, ist die Art und Weise, wie sie sich sich für jeden ihrer Anwendungsfälle umbauen lässt: Das Kerngerät ist etwa so groß wie ein iPad mini – bei doppelter Dicke. Die zwei Controller, Joy-Cons genannt, können direkt an den Seiten eingesteckt werden, so wird die Switch zum Handheld. Wer zu Hause spielt, kann die Joy-Cons aber auch in eine Halterung stecken, damit sie sich zu etwas verbinden, das an einen übergroßen Xbox-Controller erinnert. Bei Games für zwei Personen bekommt hingegen jeder Teilnehmer eine Hälfte. Neben den Controllern ist auch die Konsole modular: Zu Hause kann die Switch in eine Basisstation gesteckt werden, die mit dem Fernseher verbunden ist.

Die Switch fühlt sich durch ihr Touch-Display wirklich ein wenig wie ein Tablet an. Da ist es umso verwunderlicher, dass sie kein Bluetooth unterstützt. Kopfhörer müssen weiterhin über die Klinke angesteckt werden – überraschend archaisch. Ein weiteres Manko ist die kurze Akkulaufzeit. Wer abends im Bett noch eine Runde spielt und vergisst die Switch in die Basisstation zu stecken, dem geht am nächsten Tag unterwegs schnell der Strom aus. Doch das sind nur Kleinigkeiten, im Großen und Ganzen macht die Konsole technisch einen sehr guten Eindruck.

Nicht cool, sondern zugänglich

Bereits die verspielten, neonfarbenen Controller der Switch zeigen, wie sehr sie ein Spielzeug sein möchte. Sie versucht nicht cool zu sein wie ihre Konkurrenten Xbox One und PlayStation 4, sondern etwas, das niemanden einschüchtert und für jeden zugänglich ist. Das gelingt: Auf einer kleinen Party mit Freunden wird die Switch schnell zum Mittelpunkt, ein Spektakel, an dem alle Gäste teilhaben wollen statt in der Küche abzuhängen. Dafür sind Titel wie Just Dance 2017 und 1-2-Switch verantwortlich. Spiele, die vor allem die Bewegungssensoren der Joy-Cons nutzen und so eben auch Menschen einbeziehen, die sonst überhaupt nichts mit Videospielen am Hut haben.

Das macht die Switch zu einer Konsole, die stark an die ersten Erfahrungen mit der Wii erinnert. Diese war Nintendos erste Konsole, bei der Motion-Controller im Zentrum standen und die mit der Minispielsammlung Wii Sports ausgeliefert wurde. So wurde die Wii besonders für Familien mit jüngeren Kinder attraktiv – oder eben als Party-Gadget.

Die Switch geht hier weiter und bindet Smartphones mit ein, indem sie sie zu zusätzlichen Controllern werden lässt. Zum Beispiel in Just Dance 2017, wo auf diese Weise bis zu sechs Spieler mitmachen können. (Wie gut das funktioniert, konnten wir leider noch nicht testen, weil die Funktion erst zum Release der Nintendo Switch freigeschaltet wird.)

Zum Laden wird die Nintendo Switch einfach in ihre Basisstation gesteckt

Smartphones als Controller, das macht deutlich, dass die Switch sich nicht nur an Kinder richtet, sondern auch an Mittdreißiger, die sich noch gut an ihre Jugend mit SNES oder N64 erinnern. Bisher werden Smartphones bei der Switch nur als zusätzliche Motion-Controller und Kommunikations-Devices für den Online-Modus verwendet. Es dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein, bis Entwickler innovative Partyspiele erfinden, die auch den Handybildschirm für Spielinhalte nutzen. Ähnlich wie etwa bei The Jackbox Party Pack für den PC, bei dem mit dem Finger auf dem Smartphone gemalt wird und die Ergebnisse für alle auf dem Monitor zu sehen sind. Auf einer Konsole wäre ein solcher Titel noch zugänglicher.

Wenn es um Partyspiele oder einen gemütlichen Abend mit Freunden geht, ist eine mobile Konsole besonders praktisch. Schnell aus der Basisstation gezogen und in den Rucksack gesteckt, wird die Switch nicht zum unnötig schweren Klotz und es gibt auch kein Kabel-Wirrwarr. Doch kaum am Ziel ausgepackt, offenbart sich auch das größte Problem der neuen Nintendo-Konsole: Ohne ihre Basisstation kann sie nicht an einen Fernseher oder Beamer angeschlossen werden. Das ist enttäuschend, weil der kleine Monitor völlig ungeeignet ist, um mit mehr als zwei Personen daran zu spielen. Schnell kommt der Wunsch auf, wie zu Hause das Bild auf einen großen Schirm zu übertragen.

Weil die Docking-Station der Switch nur ein Stück Plastik mit einem HDMI-Anschluss ist und keine weitere Prozessorpower hinzufügt, gibt es eigentlich keinen Grund, warum es nicht auch einen Reiseadapter geben sollte. In den meisten Hotelzimmern gibt es heute zum Beispiel Fernseher mit HDMI-Port, das könnte sich die Switch zu Nutze machen, um sich einen Flexibilitätsvorteil gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen.

Die Joy-Cons werden durch die mitgelieferte Halterung zum vollwertigen Controller

Doch die neue Nintendo-Konsole will mehr als nur ein Partyspielzeug sein. Das macht nicht nur die komplett schwarze Variante deutlich, sondern auch der Umstand, dass sie komplett ohne Spiele ausgeliefert wird. Ein mitgelieferter Launch-Titel sagt meist viel über ein Gerät aus, nicht umsonst kam die Wii mit dem Motion-Control-Titel Wii Sports. Doch weil die Switch eben so viel gleichzeitig sein will, könnte es ein falsches Signal senden, wenn etwa die Minispielesammlung 1-2-Switch gleich mit der Konsole ausgeliefert würde.

Zum Switch-Launch erscheint der neue Zelda-Titel Breath Of The Wild. Ein Game, das zwar zugänglich ist, aber gleichzeitig auch sehr komplex und vom Spieler viele Stunden Konzentration verlangt. Folgen soll ein neues Mario, kein weiterer 2D-Plattformer mit Multiplayer wie es für die Wii und Wii U mehrere gab, sondern ein Spiel, das mehr den anspruchsvolleren 3D-Titeln Super Mario Sunshine oder Galaxy gleichen soll.

Viel Potenzial, das aber noch bewiesen werden muss

Nintendo will die Switch auch für passionierte Gamer attraktiv machen, nicht nur für Leute, die gern zu Just Dance tanzen. Deshalb werden Titel wie Skyrim auf die Switch portiert. Neben den verspielten Joy-Cons wird es außerdem einen Pro-Controller geben, der sich vom Layout klar an den Pendants von Xbox und PlayStation orientiert. Aber auch an das aus Joy-Cons zusammengebastelte Gerät gewöhnt man sich schnell.

Bisher gibt es vor allem einen Grund, die Switch zu kaufen: das neue Zelda. Ein großartiges Spiel, das einfach Spaß macht (mehr dazu bald in unserem Test) – und im Gegensatz zu vielen der anderen Titeln, die um den Launch herum erscheinen, eben kein Remake oder Update eines bereits für ältere Konsolen erschienen Games. Wem das nicht genug ist, der wird von der Switch aber vermutlich (vorerst) enttäuscht sein.

Alternativ kann man mit den Joy-Cons auch im Nunchuk-Style spielen

Die Nintendo Switch ist eine logische Fortsetzung ihrer beiden Vorgänger Wii und Wii U. Sie verbindet beide Konsolen zu einem stimmigen Konzept. Der tragbare Monitor der Wii U hatte keinen praktischen Nutzen, außer vielleicht zum Spielen im Bett, wenn die Konsole nah genug am Schlafzimmer stand. Und die Motion Controller der Wii verloren nach den ersten Wochen schnell ihren Reiz. Bei der Switch wird es voraussichtlich anders sein, weil sie einfach auf so viele Arten genutzt werden kann.

Die neue Nintendo-Konsole ist auf nichts spezialisiert, was oberflächlich wie eine Schwäche wirkt – aber in Wirklichkeit ihre Stärke ist. Wer ein leistungsstarkes Gaming-Gerät sucht, wird zwar enttäuscht, aber alle anderen werden begeistert sein. Vor allem deshalb, weil die Switch immer auf die entsprechende Situation, Spielerzahl oder Stimmung angepasst werden kann. Das einzige, was jetzt noch fehlt, sind genug Titel, die genau diesen neuen Gaming-Lifestyle unterstützten.

Die Nintendo Switch ist eine Konsole mit viel Potenzial, die sich jedoch noch beweisen muss. Das gilt vor allem für das Spiele-Lineup und für den angekündigten Online-Service. Für unseren Test war dieser leider noch nicht freigeschaltet. Doch alles, was wir bisher von der Switch gesehen haben, hat uns überzeugt. Sie könnte wirklich Nintendos bisher beste Konsole werden – weil sie die perfekte Balance zwischen Gaming-Gadget und Spielzeug gefunden hat.

WIRED: vereint die besten Features der Wii und Wii U // flexibel genug für jede Situation
TIRED: kein Bluetooth // kaum neue Spiele zum Launch // kann ohne Basisstation nicht mit dem Fernseher verbunden werden

Die Nintendo Switch erscheint am 3. März zum Preis von 330 Euro. 

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