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Fashion trifft Tech: „Technologie macht Selbstdarstellung flexibler“

Joely Ketterer 29.09.2016

Bei der Fashion Fusion Challenge in Berlin arbeiten Modespezialisten mit Technikexperten zusammen. Das Ziel: intelligente Kleidung. WIRED hat mit Jury-Mitglied Paul Lukowicz gesprochen. Als Professor für Künstliche Intelligenz kennt er die Herausforderungen für die Wettbewerber. Eine davon: Elektronik mag keine Waschmaschinen.

Beim Wettbewerb Fashion Fusion Challenge geht es um visionäre Konzepte für die Verknüpfung von Hightech und Mode. In der Jury sitzt neben WIRED-Chefredakteur Nikolaus Röttger auch der KI-Professor Paul Lukowicz. Wir haben ihn gefragt, zu was intelligente Mode heute schon in der Lage ist und wie eine smarte Fashion-Idee wirklich überzeugen kann.

WIRED: Woher kommt Ihr Interesse für Mode?
Paul Lukowicz: Ich habe vor 15 Jahren angefangen, Elektronik in Textilien einzuarbeiten. Das war primär von der technischen Seite motiviert. Im Sinne von: Wenn ich bestimmte Sensorik in die Kleidung einbaue, bekomme ich bessere Signale, dann ist das für den Nutzer komfortabler – ich kann also davon ausgehen, dass er diese Stücke immer trägt.

WIRED: Und was reizt die Modewelt an Künstlicher Intelligenz?
Lukowicz: Mode ist nichts anderes als Selbstausdruck. Durch die Elektronik, die ich einbaue, kann ich aus diesem statischen Kommunikationsmittel, das einmal am Tag eine Message sendet, etwas machen, das sich verändern kann. Etwas, das dynamisch ist, sich der Situation oder dem Mensch anpasst. Die Farbe kann zum Beispiel wechseln, je nachdem mit wem ich zusammen bin, wie ich mich fühle, in welcher Umgebung ich mich befinde. Ich kann diese Selbstdarstellung flexibel gestalten. Das ist der Reiz der Technologie für Fashion-Leute.

WIRED: Welche intelligenten Materialien gibt es schon? Was können sie?
Lukowicz: Anfangs hat man leiterbare Stoffe in Textil eingewebt – meistens waren das einfach Metalldrähte. Zu dieser Zeit war man stark durch EM-Shielding motiviert. (Electromagnetic-Shielding ist eine Technik mit der magnetische Felder ferngehalten werden, Anm. d. Red.) Die klassischen Dinge, die heute anfangen in Richtung Produkt zu gehen, sind EKG-Gurte und Puls-Gurte, die nicht mehr aus Plastik sind, sondern aus Textil. Dann zum Beispiel auch Drucksensoren, mit denen man Muskelaktivität misst oder die genaue Belastung von Körperteilen.

WIRED: Woran forschen Sie im Moment?
Lukowicz: Die meisten Sachen werden – von der Entwicklung des Materials bis zum Aufbau der Elektronik – für einen sehr speziellen Zweck kreiert. Meistens stellt man kleine Stückzahlen her, was extrem teuer ist. Die Frage ist, wie man Sensorik, EKG oder Pulsmessung in den Stoff einarbeiten kann, der an der Haut anliegt. Wir brauchen etwas, das leitet und wie Elektrode funktioniert, also das Signal vom Körper aufsammelt. In einem T-Shirt oder in einer Jacke verwendet man Textilleitungen – in einer Tasche wird dann die Elektronik aufbewahrt, die den Puls misst. Sie muss das besser und unauffälliger machen, als ein Plastikgurt das könnte.

WIRED: Was kann man sich unter „Materialien der Zukunft“ vorstellen?
Lukowicz: Wir forschen zum Beispiel an Textilien, die ein engmaschiges Gitter an Drucksensoren haben. Man kann sich das so vorstellen: Zwischen einem Gitter von Leitungen ist ein Material, das seine Leitfähigkeit verändert, wenn man darauf drückt. Wenn man sich das in eine Sporthose einbauen lässt, kann man die Muskelaktivität erfassen. Ist der Muskel angespannt, spürt man das in der Hand. Mit einem feinen Drucksensor können die Formveränderungen des Muskels erfasst werden. Dadurch erfährt man, ob man den Muskel richtig belastet und in wie weit er ermüdet – das sind einfach Signale, die man anderweitig schwer erfassen kann. In einem Versuch mit Adidas haben wir ein Textil in das Schuhobermaterial eingebaut, das messen kann, wann der Schuh den Ball trifft. Auch, mit welcher Geschwindigkeit, mit welcher Kraft, in welchem Winkel.

WIRED: Wann wird intelligente Kleidung die Norm sein?
Lukowicz: Ich denke, dass es im Verlauf der nächsten fünf bis zehn Jahre immer mehr geben wird. Es wird nicht von heute auf morgen passieren. Gerade im Bereich der hochpreisigen Sportklamotten wird es immer mehr eingebaute Funktionalität geben – intelligente Kleidung kommt einfach sehr stark über den Sport. Ähnlich wie bei den Smartwatches: Sie kamen zuerst einmal als Fitnesstracker. Schuhe kann man jetzt schon kaufen – manche Adidas- und Nike-Modelle haben bereits eingebaute Sensoren. Es wird mit Sicherheit noch lange nicht die Norm sein, dass jedes T-Shirt irgendwelche Elektronik eingebaut hat. Aber in funktionaler Kleidung steckt schon ganz viel Technologie: „Lässt Wasser nur in eine Richtung durch“, „Lässt kein Wind durch“ – im Prinzip ist das alles Technologie. Und diese Technologie wird immer mehr nicht nur Materialwissenschaft, sondern auch Elektronik involvieren.

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WIRED: Was sind die Schwierigkeiten im Entwicklungsprozess?
Lukowicz: Zunächst ist es das alte Thema: Waschbarkeit. Beim Waschen wird Kleidung immer ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Sie wird nass gemacht, auf 60 Grad erhitzt, mechanisch gerieben: alles keine Dinge, die Elektronik so gerne hat. Designs zu kreieren, die 30, 40, 50 Waschzyklen überstehen, ist nicht einfach. Dazu kommt das Thema der Integration mit der Standardproduktion: Es ist ein Unterschied, ob ich im Labor in Handarbeit irgendwelche Elektroden, Sensoren oder Solarzellen in ein Textil einarbeiten kann, oder ob ich eine Methode habe, tatsächlich in der Masse herstellen zu können. Zu vernünftigen Preisen und vorzugsweise ohne, dass die Textilindustrie ihre jetzigen Maschinen wegschmeißen und durch neue ersetzen muss. Es sind diese praktischen Dinge, die den Unterschied machen zwischen vielem, das heute im Labor schön zu zeigen ist und Dingen, die wirklich preisgünstig, robust und massentauglich herstellbar sind.

WIRED: Was braucht eine Mode-Idee bei der Fashion Fusion Challenge, um Sie zu überzeugen?
Lukowicz: Es müsste eine Anwendung sein, bei der die Verheiratung von Elektronik und Fashion dem Benutzer tatsächlich etwas gibt, was sonst nicht funktioniert. Bei der Fashion Fusion geht es weniger um eine zündende Idee. Viele Ideen kennt man schon, aber die Frage ist, wie man sie umsetzt. Das spannende bei der Fashion Fusion ist, dass Teams und Leute, die einen ganz stark technischen Hintergrund haben mit Fashion-Designern und Textiltechnikern zusammengebracht werden und somit gemeinschaftliche Produkte verbessern können. Und umgekehrt: Wir haben einige Teams, die ganz klar aus der Fashionwelt kommen und gute Ideen und Designs haben, aber technologisch noch nicht wirklich sinnvoll realisierbar sind. Die werden dann mit der Technik versehen. Es ist eben die Verheiratung dieser beiden Welten: Das ist es, woher tatsächlich Fortschritt kommen kann.

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