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Wo intelligente Mode entwickelt wird: Besuch im Fashion Fusion Lab

Joely Ketterer 28.09.2016

Beim Ideenwettbewerb Fashion Fusion sollen innovative Ideen aus der Technik mit Konzepten aus der Mode verbunden werden. Zwölf Teams sind im Finale. Bis zur Schlussrunde können sie bei Workshops in Berlin ihre Fähigkeiten ausweiten und sich austauschen. WIRED hat das Lab besucht und sich angeschaut, wie die smarte Kleidung von morgen aussehen könnte.

Bei der Fashion Fusion arbeiten Teams mit technischem und modischem Hintergrund Seite an Seite. Ins Finale des internationalen Ideenwettbewerbs der Telekom haben es die verschiedensten Konzepte geschafft: von Kleidungsstücken, die durch digitale Features erweitert wurden, bis hin zu Accessoires mit intelligenten Servicetechnologien.

Die Jury besteht aus Experten beider Gebiete: Fashion und Hightech. Auch WIRED-Chefredakteur Nikolaus Röttger ist dabei. Im Januar 2017 wird die Sieger-Idee gekürt. Dann werden auch die Prototypen auf der Berliner Fashion Week präsentiert. Bis es soweit ist, können die Teilnehmer Workshops in Berlin besuchen und ihr technisches und modisches Knowhow erweitern.

An den Nähmaschinen sitzen an diesem Tag Software-Developer, Hardware-Experten und Marketing-Strategen. Im anderen Teil des Labs lernen Mode-Designer gerade Löten. Die Atmosphäre ist entspannt, offen und doch angespornt, an den vielen Tischen sitzen kleine Gruppen, die sich angeregt unterhalten, sich gegenseitig ihre Arbeiten zeigen. Dass es hier um einen Wettbewerb geht, ist kaum zu spüren. Es ist eher ein Werkstatt-Treff, ein kollektives Brainstorming: Die meisten möchten Leute und Inspiration finden, um die Idee, die sie mitgebracht haben, voranzutreiben.

Die Jungs von poqit.berlin vereinen in ihrem Team technisches Wissen mit Marketing-Verständnis und haben einen Geldbeutel mit integrierter Powerbank entwickelt. Wenn man das Haus verlässt, checkt man meistens seine Taschen nach Schlüssel, Smartphone, Geld. Ladegerät? Wird oft vergessen. Mit poqit kann man sein Smartphone unterwegs mit Strom versorgen: dazu wird es einfach auf das smarte Portemonnaie gelegt. Via Bluetooth weiß man so immer über den Ladezustand Bescheid – und, ob der Geldbeutel in der Nähe ist.

Im Moment gibt es einen Prototyp aus Leder: „Aus ethischen Gründen wollten wir eigentlich gar kein Leder verwenden“, sagen die drei Erfinder. Ab einem gewissen Preis, der bei so einem Gadget unvermeidbar ist, erwarten die Leute aber einfach ein Produkt aus gewissen Materialien, erklären sie. Das hat eine Umfrage des Startups ergeben. Für die Entwicklung neuer Modelle, hoffen sie bei der Fashion Fusion Input zu bekommen. Vielleicht sogar einen Designer für ihr Unternehmen.

Auch Teilnehmer mit Background im Modedesign können ihre Skills im Lab der Fashion Fusion weiterentwickeln: Bei den Workshops lernen sie, wie man 3D-Drucken kann, wie Laserschneiden funktioniert und welche besonderen Techniken es gibt, verschiedene Materialien zu verarbeiten. Pyrates ist ein Startup für Sportkleidung aus natürlichen und smarten Textilien. Die verwendeten Stoffe werden aus natürlichen Proteinen und Aminosäuren hergestellt, die vor UV Licht schützen oder die Blutzirkulation und das Immunsystem anregen.

„Wir möchten eigentlich vor Technik schützen“, sagt Regina Polanco von Pyrates. Angesichts einer Umwelt, von der wir wissen, dass sie unseren Organismus großem Stress aussetzt, hat ihr Unternehmen eine schlaue Idee: Intelligente Materialien, die den Körper schützen und pflegen. Das Konzept des Teams steht – während der Fashion Fusion geht es für sie vor allem darum, ein Netzwerk mit Profis aus der Industrie und Influencern der Modewelt aufzubauen. Berlin ist dafür ein besonders spannender Ort, sagen die Gründerin aus Spanien und ihre Kollegin aus Tschechien. Der Hauptsitz des Labels liegt in der Schweiz.

Nicht jedes Team im Finale ist schon so weit wie Pyrates, die sich bereits auf dem Markt etablieren. Manche möchten hier erst einmal herausfinden, wie viel Potential ihr Produkt hat. Die Truppe von Trainwear entwickelt Sportklamotten, die den Trainer ersetzen sollen. Mithilfe des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz möchten die drei Technik-Fachmänner Sensoren entwickeln, die an verschiedenen Körperteilen die Performance überwachen.

Durch Druckerkennung in der Kleidung sollen Informationen gesammelt werden – Atmung, Muskelanspannung, Balance und Puls –, aber auch erkennbar sein, ob man die Übungen richtig durchführt. Via Augmented-Reality-Brille oder anderen Endgeräten soll man diese Daten in Echtzeit erhalten und die Möglichkeit haben, die eigene Leistung und Körperhaltung zu verbessern.

Obwohl es einen Preis gibt, sagt Gernot Bahle von Trainwear: „Den Wettbewerbscharakter empfinden wir hier eigentlich gar nicht. Jeder möchte einfach seine Idee umsetzen.“ Manche gucken dazu nach ganz bestimmten Leuten, die sie an Bord nehmen können, weil ihnen bestimmte Expertise fehlt: Sei es Hilfe beim Marketing oder Unterstützung von Technikexperten – manchmal fehlt noch die zündende gestalterische Idee für ein innovatives Konzept. Wie Paul Lukowicz, Professor für Künstliche Intelligenz und Mitglied der Jury, zu WIRED sagte: „Es ist die Verheiratung der beiden Welten – Fashion und Hightech. Das ist es, woher tatsächlich Fortschritt kommen kann.“

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