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#FASHIONTECH / Phoebe Heess entwirft Hightech-Mode für Cyberkrieger

Sonja Peteranderl 20.01.2015

Cybermagie, ganz in Schwarz: Mit „Black Current“ hat die Modedesignerin Phoebe Heess eine futuristische Kollektion entworfen, die mit der Vielfalt von High-Tech-Material experimentiert. Im WIRED-Germany-Interview zur #FASHIONTECH-Konferenz erklärt Heess, die auch für Adidas designt, was sie an schwarzer Mode fasziniert, wie die Digitalisierung die Modewelt verändert und was sie vom aktuellen „Health Goth“-Trend hält.

Phoebe Heess

WIRED: Was fasziniert Sie an Schwarz so sehr, dass Sie Ihre Kollektion komplett monochrom gestaltet haben?
Phoebe Heess: Schwarz ist immer ein Statement. Es transportiert eine Aussage. Die kann introvertiert und verletzlich aber auch extrovertiert und selbstbewusst sein. Stark ist das Statement aber immer — und Technologie gibt uns die Möglichkeit, diese Effekte noch zu akzentuieren.

Farben sind etwas für Leute, die nicht designen können.

Phoebe Heess

WIRED: Was inspiriert Sie bei Ihrer Arbeit?
Heess: Am meisten inspirieren mich Pierre Soulages und Yohji Yamamoto. Soulages ist ein französischer Künstler, der ausschließlich in Schwarz malt und das Licht durch unterschiedliche Oberflächen in verschiedene Farbspektren bricht. Yamamoto fasziniert mich, weil er durch sein monochromatisches Design seinen Fokus auf die wahre Kunst legt, nämlich die Schnittführung. Überspitzt gesagt, sind Farben etwas für Leute, die nicht designen können.

Heess' Kollektion experimentiert mit verschiedenen Hightech-Materialien — Hauptsache sie sind schwarz.

WIRED: Sie beschreiben Ihre Kollektion als „Cybermagie“. 
Heess: Mit dem Begriff Cyber-Magic arbeite ich, seit ich mir einen zugrunde liegenden Erzählstrang überlegt habe. Diese Story beruht auf den Werken von Soulages, also dem Spannungsfeld zwischen Dunkelheit und Licht, Gut und Böse, Sein und Nicht-Sein oder um in der digitalen Welt zu bleiben: Null und Eins. So kam ich auf meine Protagonisten, die zwar in einer dunklen, dystopischen Welt leben, in der es aber durch Lichtmagie trotzdem Hoffnung gibt. Für diese Protagonisten designte ich dann Technologie, Wearables, die sie unterstützen.

WIRED: Wen stellen Sie sich als Träger vor?
Heess: Weil Schwarz eine so hohe Bandbreite an Aussagen in sich trägt, kann man auch seine Träger nicht so leicht kategorisieren. Das geht vom Bühnenoutfit einer Industrialband bis zu einem „Health Goth Kid“ im Fitnessstudio oder einem „Trustfund Fashion Victim“ in Korea.

Ich möchte, dass sich die Träger meiner Kleider stark und unverwundbar fühlen.

Phoebe Heess

WIRED: Mit welchen High-Tech-Materialien haben Sie bei „Black Current“ experimentiert?
Heess: Karbon, Kevlar, Reflective Black, 3D-Mesh und High-Performance-Neopren, aber auch LEDs, Sensoren und ein Blutdruckmessgeräten. Karbon ist ein Material, das extrem widerstandsfähig und gleichzeitig leicht ist, es kann seit Neuestem sogar von 3D-Printern gedruckt werden und wird dadurch massenmarkttauglich. Aus Kevlar fertigen wir einen Pullover, der stichfest gegen Messerattacken schützt. Reflective Black ist ein auf den ersten Blick schwarzes Material, das aber mit faszinierenden Lichtreflexen auf unterschiedliche Lichtwellenlängen reagiert. 

WIRED: Welche Botschaft soll Ihre Kleidung vermitteln? 
Heess: Ich möchte, dass sich die Träger meiner Kleider stark und unverwundbar fühlen, sobald sie sie anziehen. Eine Art Rüstung für die Außen-, aber auch die Innenwelt.

WIRED: Mit ihrer monochromen Hightech-Kollektion könnte man Sie als Pionierin des aktuellen „Health Goth“-Trends einordnen, der durch eine Facebookseite aufkam...
Heess: Ich habe auch schon in meiner ersten Kollektion 2011 sehr ähnlich designt. Ein Blog schrieb damals, ich würde „Sport Goth“ machen. Dadurch haben wir die „Health Goth“-Facebookseite schon sehr früh bemerkt, also ging die Entwicklung eigentlich parallel. Wir haben an dieser Seite viel Freude, vielleicht machen wir ja auch noch mal etwas zusammen.

Manche denken, dass sich ‚Health Goth Kids‘ bereit machen für den unausweichlichen Kollaps unseres Systems.

Phoebe Heess

WIRED: Im Moment gilt „Health Goth“ als der spannendste Trend im Schnittbereich von Fashion und Tech. Sehen Sie das auch so?
Heess: Ich stehe in regem Kontakt mit den Jungs und ich glaube, auch wenn der Look technische Anmutungen transportiert, haben die Kleidungsstücke selber noch nicht wirklich eine technische Komponente — in dem Sinne, dass sie strombetrieben wären. „Health Goth“ ist eine Meme-Ästhetik, die — und das passt sehr gut zu Schwarz — eine Oberfläche zur Projektion bietet. Manche sehen darin den Trend zu einer neuen Körperlichkeit, manche Markenfetischismus, manche eine Kritik durch Übersteigerung und manche denken, dass sich die Kids bereit machen für den unausweichlichen Kollaps unseres Systems. Aber eines ist es auf jeden Fall: das erste Mal seit langem eine vollkommen neue Art der Mode, die durch die Demokratisierung des Business entstand und Trendzyklen, wie wir sie von den Big Playern kennen, zu Grabe trägt.

WIRED: Wie verändert sich das Verhältnis von jungen, unabhängigen Designern und etablierten Labels oder Herstellern durch die Digitalisierung?
Heess: Die disruptive Eigenschaft des Internets ist jetzt in der Modewelt angekommen. Das bedeutet, dass auch kleine, eigenständige Designer in der Lage sind, selber zu produzieren und zu vermarkten. Man muss sich nur einmal anschauen, was gerade bei Instagram passiert. Das erinnert mich an die Frühzeiten der Computerbranche, als Firmen wie Apple oder Microsoft in Garagen entstanden. Für die Branche sind das wahnsinnig spannende Zeiten.

WIRED: Sie designen auch für Adidas. Der „Healh Goth“-Trend wird gerade von größeren, kommerziellen Playern aufgenommen, wie eben bei Adidas oder mit der Kollektion von Alexander Wang für H&M. 
Heess: Es wird sich zeigen, wer von den großen Playern in der Lage ist, seine Prozesse auf diesen äußerst volatilen Markt auszurichten. Das Rennen fängt gerade erst an.

Bald wird man seine Kleidung an jeder Ecke ausdrucken können, wie im Copyshop.

Phoebe Heess

WIRED: Wie sieht denn Ihre Zukunftsvision für Fashion-Tech aus?
Heess: Das Internet of Things ist, was Kleidung angeht, interessant, aber der Game Changer wird 3D-Printing sein. Noch können das nur ein paar Menschen. Bald aber wird man seine Kleidung, analog zum Copyshop, an jeder Ecke ausdrucken können — und irgendwann auch zu Hause. Entweder die großen Brands werden zu Google, oder sie werden zu Agfa.

WIRED: An was arbeiteten Sie für 2015?
Heess: Ich zeige zur nächsten Berlin Alternative Fashion Week Ende März eine neue Kollektion, die auch ein paar wirklich spannende Wearables beinhaltet. Außerdem nehme ich die Skalierung der Marke in Angriff und konzentriere mich besonders auf den asiatischen Markt.

Eindrücke von der Konferenz:

WIRED war Medienpartner der #FASHIONTECH 2015. Zur Konferenz haben wir ein Interview mit Designforscher Fabian Hemmert geführt, der gerade ein lebendiges Handy entwickelt hat. PREMIUM-Chefin Anita Tillmann erklärt, wo sie die Schnittstelle zwischen Mode und Technologie sieht. Stilnest-CEO Julian Leitloff verrät, wie sein Startup mit 3D-Druckern das Schmuckdesign hacken will. Und Modemacherin Phoebe Hess behauptet: „Farben sind etwas für Leute, die nicht designen können.“ 

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