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Problem Solver / Urban3D will per 3D-Druck der Slum-Bevölkerung helfen

Katharina Nickel 30.12.2016

Ein gutes Produkt löst ein großes Problem, lautet eine Startup-Weisheit. WIRED stellt regelmäßig Unternehmen, Menschen und Ideen vor, die diesem Grundsatz folgen – Problem Solver eben. Diesmal: Urban3D will das Slum-Problem lösen, indem es Häuser nachhaltig und kostengünstig druckt. 

Das Problem? Ein Drittel der Bevölkerung lebt heute in Slums. Den Vereinten Nationen zufolge wird die Zahl der Slum-Bewohner bis 2020 von 1 Milliarde auf 1,4 Milliarden Menschen ansteigen. Laut Prognosen wird 2034 die Hälfte aller städtischen Bewohner in informellen Siedlungen leben müssen.

Damit rechnete auch der Architekt Rainer Hehl: Zwar hätten soziale Projekte vor allem in lateinamerikanischen Favelas die öffentliche Versorgung verbessert. Noch immer gebe es jedoch Defizite in der medizinischen Versorgung, Unterkunft und Beschäftigung der Slum-Bewohner. Die informellen Städte entwicklen sich oft ohne Planung, was eine nachhaltige Entwicklung erschwere. Gleichzeitig wollen viele Stadtverwaltungen die Baukosten für dauerhafte Behausungen nicht tragen oder übersehen auf der anderen Seite gar die wirtschaftliche Bedeutung der Slums. Die Bewohner selbst können die Wohnungskosten finanziell nicht tragen. 

Die Lösung? Ein brasilianisches Startup namens Urban3D, das mit modernsten Technologien wie dem 3D-Druck die großen Probleme in den Slums lösen will. Der Druck soll die Material- und Baukosten um bis zu 80 Prozent reduzieren und Häuser damit kostengünstiger und vor allem nachhaltiger herstellen als bisher.

Anielle Guedes will mit ihrem Startup Urban3D die Obdachlosigkeit in den nächsten 15 Jahren beseitigen

Die Technologie verbindet High-Tech-Materialien mit 3D-Druck und Robotik sowie einer Management-Software. Guedes will recycelbare Verbundstoffe nutzen, die ihre strukturellen Eigenschaften bei der Verbauung behalten und allein 30 Prozent günstiger sind als herkömmliche Bausubstanzen wie Zement. Eine neuartige Betonmischung soll als erster Verbundstoff Verwendung finden. Dieser Spezialbeton wird keine kostenintensive Metallverstärkung wie klassischer Baubeton besitzen.

Die Verarbeitung des Materials im Konstruktionsprozess übernimmt dann ein digital gesteuerter Roboterarm. Dieser erledigt die Arbeit schneller, günstiger, sauberer und effizienter. Einen Prototyp dieses Arms hat das Team bereits produziert.

Wer steckt dahinter? Die Brasilianerin Anielle Guedes glaubt, dass die versorgungstechnischen Probleme und Fragen untrennbar mit der Frage nach Wohnraum verknüpft sind, die eine wesentliche Bedeutung in unserem gesellschaftlichen Leben habe.

Aus einem zehnwöchigen Kurs an der Singularity University am Ames Research Center der NASA entstand ihre Idee zu Urban3D. Sie studierte Physik und Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Sao Paulo und konnte ihr Startup bereits den Vereinten Nationen vorstellen. Mit im Team sind außerdem Ricardo Napoli als Robotics and 3D Printing Director sowie Victor Angel als Biotechnology and Materials Director. 

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Wer glaubt daran? Guedes hat nach eigenen Angaben bereits Partnerschaften mit verschiedenen internationalen Unternehmen und Privatpersonen eingehen können. Spezialisten aus der Chemie-Industrie, der Robotik und dem Maschinenbau sollen das sein. Auf Ihrer Website listet sie vier Berater auf, die im Bereich Urban Development, Foreign Relationships und Business Development tätig sind oder waren. Ansonsten sollen Unternehmen aus den USA und Brasilien und auch drei deutsche Firmen unter den Kooperationspartnern sein. Genauere Informationen über ihre Partner will sie noch nicht preisgeben.

Daneben hat die Urban3D-Gründern bereits mehrere Auszeichnungen gewonnen, unter anderem das Gifted Citizen fellowship 2014, ein Stipendium, das Startups vor allem finanzielle Unterstützung bietet. 2015 war sie dann unter den „Innovators Under 35“ der MIT Technology Review. Zuletzt gewann sie das Global Urban Innovators fellowship 2016, eine Initiative der New Cities Foundation, die Zugang zu einem großem Netzwerk gewährt. Zu den Mitgliedern der Community gehört auch Cisco.

Braucht man das wirklich? Der von Guedes entwickelte Konstruktionsprozess ist genauso innovativ wie spekulativ. Für die Gründerin könnte das vor allem in puncto Sponsorengewinnung problematisch werden.

Zudem existieren – wenn auch vereinzelt – andere Unternehmen, die dasselbe machen wie Urban3D. Auf der „Formnext Start-up Challenge“ wurden vor Kurzem mehrere Wettbewerber im Bereich der 3D-Druck-Innovationen ausgezeichnet. Additive Elements beispielsweise ist ein Startup, das den Druck von Kunststoffteilen in hoher Qualität kostengünstig ermöglicht. Ein italienische Gemeinde plant derweil, ein gesamtes Dorf per 3D-Druck entstehen zu lassen. Und in Singapur lässt ein von der Regierung mit 150 Millionen Dollar bezuschusstes 3D-Druckzentrum eine komplette Siedlung aus Sozialwohnungen entstehen.

Die Konkurrenz ist umtriebig. Das Know-How und die Kontakte, die Guedes durch ihre Auszeichnungen und Partnerschaften bereits gewinnen konnte, können ihr helfen. Um diese Ressourcen jedoch weiterhin nutzen zu können, muss sie mit dem Markt mithalten und zeitnah erste Bauprojekte realisieren.

Wie geht es weiter? Das erste Bauprojekt wird ein fünfstöckiges Gebäude sein, das Urban3D innerhalb weniger Wochen aufbauen will. Die Baukosten liegen bei ein paar tausend US-Dollar, auch hier hält sich die Gründerin bedeckt.

Zukünftig plant Guedes noch enger mit sowohl Regierungen als auch Entwicklern zusammenzuarbeiten, um – so ihre Vision – die Obdachlosigkeit in den nächsten 15 Jahren ausrotten zu können. Der Konstruktionsprozess, den Urban3D entwickelt hat, soll zukünftig ein Zehntel der bisherigen Baukosten einsparen, zehn Mal schneller geschehen als bislang und nachhaltige Materialien nutzen, die keinen Abfall hinterlassen und die Natur damit schonen.

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