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Mit dieser Tasche rettet ihr beim Einkaufen ein Stück Regenwald

Benedikt Plass-Fleßenkämper 28.02.2017

Das Berliner Startup Bonsum will nicht nur den Müllberg verkleinern, der durch Plastiktüten verursacht wird, sondern gleich auch noch den Regenwald retten – mit der Goodbag, die das junge Unternehmen als „Tasche 4.0“ bezeichnet. Wie diese Erfindung funktioniert, erklärt Mitgründer Frederik Betz im WIRED-Interview.

REWE, Penny oder Lidl, immer mehr Supermarktketten schaffen die Plastiktüte ab. Damit soll Müll vermieden werden, denn jeder Deutsche nutzt laut dem Umweltbundesamt 71 Plastiktüten pro Jahr, jeder Bulgare sogar 421 Stück. Weltweit produzieren die Hersteller jährlich eine Billion Einwegkunststofftüten. Nur ein Bruchteil davon wird wieder benutzt, recycelt oder zur Energiegewinnung verbrannt, der Rest landet auf Mülldeponien oder in der Natur. Das Resultat: ein gigantisches ökologisches Problem – das unter anderem das Startup Bonsum aus Berlin lösen will. Das junge Unternehmen hat die Goodbag erfunden und kürzlich der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Goodbag ist eine rund zehn Euro teure Stofftasche aus Bio-Fairtrade-Baumwolle, in die ein NFC-Chip integriert ist. Hält der Besitzer seine Tasche beim Einkaufen an der Kasse an einen Scanner, rettet er automatisch ein Quadratmeter Regenwald. Dieses System nennt Frederik Betz „Tasche 4.0 – eine Tasche, die Gutes tut“. Betz ist Mitgründer und Marketing-Manager von Bonsum und einer von drei Mitgliedern des Kernteams, das von einem großen Pool an Freelancern unterstützt wird. Gemeinsam wollen sie ihre Einkaufstaschen so smart und ökologisch machen, dass die Konsumenten auf Plastiktüten verzichten und gerne zur Goodbag greifen.

Frederik Betz (l.) und Michael Weber haben 2014 das Berliner Startup Bonsum gegründet

Doch bis das gelingt, hat Bonsum noch einen weiten Weg vor sich. WIRED sprach mit Frederik Betz über die Hindernisse, die noch zu meistern sind, damit die Kunden, der Einzelhandel und die Natur gleichermaßen von der Goodbag profitieren.

WIRED: Die Goodbag mag umweltfreundlich weil biologisch abbaubar sein, der NFC-Chip ist es sicher nicht. Wie lösen Sie dieses Problem?
Frederik Betz: Für die Ökobilanz einer Baumwolltasche ist ganz entscheidend, wie häufig sie verwendet wird. So ist eine Baumwolltasche aus Produktionssicht erst dann umweltfreundlicher als eine Plastiktüte, wenn sie mindestens 30 Mal verwendet wurde. Gleiches gilt für den NFC-Chip. Je häufiger dieser verwendet wird, desto nachhaltiger wird er. Zudem sorgt durch den Kauf von Regenwaldfläche quasi für seinen eigenen Ökobilanz-Ausgleich und trägt ganz wesentlich dazu bei, dass auch die Baumwolltasche häufiger verwendet wird. Bei der Auswahl der NFC-Chips haben wir zudem auf Langlebigkeit geachtet. So kann die Goodbag etwa bedenkenlos mit dem Chip gewaschen werden.

WIRED: Ein Quadratmeter pro Scan – ist Regenwaldboden so günstig?
Betz: Die Grundstückspreise sind natürlich nicht vergleichbar mit denen westlicher Innenstädte. Die Gebiete im Regenwald sind unerschlossen und sollen genau das auch bleiben. Indem wir alle Einkäufe mit einer Goodbag bündeln, können wir in Kooperation mit unserem Partner World Land Trust tatsächlich große Mengen Regenwald zu vergleichsweise geringen Kosten finanzieren.

Den Impact, also die Anzahl der Scans und die gerettete Regenwaldfläche , kann man online abrufen

WIRED: Von welchem Wald reden wir konkret, wo liegen die Grundstücke?
Betz: Der Großteil der Flächen liegt in Brasilien. Hier unterstützen wir einheimische Gemeinden und Organisationen beim Kauf von Regenwaldflächen. Die genauen Regionen, in denen wir Flächen kaufen, werden wir regelmäßig veröffentlichen und mit unseren Partnern teilen.

WIRED: Wird die Spendensumme dem Kunden an der Kasse aufgeschlagen oder bezahlt der Einzelhändler den Betrag?
Betz: Für jeden Scan zahlen die Einzelhändler eine kleine Gebühr an Bonsum. Aus dieser Gebühr werden dann auch die Projekte unterstützt. Für den Kunden entstehen durch den Einkauf mit einer Goodbag also keine Mehrkosten – und dennoch lässt sich mit jedem Einkauf etwas Gutes tun.

WIRED: Stichwort Businessmodell: Womit verdient Bonsum zukünftig Geld?
Betz: Bonsum finanziert sich durch einen Teil der oben beschriebenen Gebühr. Zukünftig wollen wir insbesondere den Plattform-Gedanken hinter Bonsum weiter ausbauen. Für die Nutzung unserer Plattform und die angebotenen Dienstleistungen werden dann auch weiterhin faire Gebühren für unsere Partner anfallen.

WIRED: Welche Daten werden bei jedem Scan übermittelt? Sind sie personalisiert wie zum Beispiel beim Payback-System?
Betz: Anders als Payback und Co. erfasst Bonsum keine personenbezogenen Daten. Zur Registrierung einer Goodbag reicht eine E-Mail-Adresse. Mit dieser lässt sich dann der aktuelle Impact, also die Anzahl der Scans und die gerettete Regenwaldfläche einzelner Nutzer, abrufen. Weitere Daten werden durch die Goodbag nicht übermittelt. Ehrlicher Datenschutz war uns schon bei der Gründung von Bonsum wichtig.

Daten, wie sie Payback und Co. liefern, können und wollen wir gar nicht erfassen

WIRED: Einzelhändler erfahren über eigene und fremde Bonusprogramme schon sehr viel über ihre Kunden. Was erfahren sie durch die Goodbag Neues?
Betz: Bei der Goodbag geht es nicht primär darum, etwas über den Kunden zu erfahren. Die Daten, die Payback und Co. liefern, können und wollen wir mit der Goodbag gar nicht erfassen. Es geht vielmehr darum, den Kunden aktiv in die CSR-Projekte (Corporate Social Responsibility, Anm. d. Red.) der Unternehmen einzubinden. Gerade die großen Einzelhändler spenden jedes Jahr Millionen Euro an soziale oder ökologische Projekte. Als Kunde erfahre ich von diesen Projekten aber höchstens, wenn ich aktiv auf deren Website unter Nachhaltigkeit nachsehe. Mit der Goodbag kann ich als Kunde nun aber konkret an diesem Prozess teilhaben, indem ich beispielsweise mit jedem Einkauf nicht nur Plastikmüll vermeide, sondern zudem auch soziale und ökologische Projekte unterstütze.

WIRED: In welchen Städten und bei welchen Supermarktketten kann die Goodbag derzeit verwendet werden?
Betz: Die Goodbag haben wir erst kürzlich auf der Messe BioFach in Nürnberg als absolute Produktneuheit vorgestellt. Seitdem freuen wir uns über großes Interesse von kleinen bis großen Einzelhändlern. Starten werden wir in den nächsten Wochen mit den ersten Läden. Vermutlich erst einmal in Berlin, wobei auch konkrete Anfragen aus anderen großen Städten vorliegen. Wo genau es losgehen wird, werden wir zeitnah noch kommunizieren.

WIRED: Nehmen wir an, die Goodbag kommt in den Handel und verbreitet sich über Deutschland, wie soll es dann weitergehen?
Betz: Mit Bonsum haben wir uns das Ziel gesetzt, Konsum nachhaltiger zu gestalten. Neben unserem Bonusprogramm ist die Goodbag ein weiterer Ansatz, um unsere Einkaufsgewohnheiten positiv zu verändern. Beide Projekte sollen später einmal in einer Plattform für nachhaltiges Handeln und Wirtschaften zusammenfließen. Grundlage für die Plattform soll dann die digitale Währung Goodcoin werden.

WIRED: Goodcoin?
Betz: Die Goodcoin wird ähnliche Eigenschaften haben wie die bekannteste digitale Währung Bitcoin, aber gleichzeitig einen sozialen Mehrwert beinhalten. Wir entwickeln sie gerade gemeinsam mit der Humboldt-Universität Berlin, gefördert wird sie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die Entwicklung ist bis 2018 angesetzt. Bis dahin sollte sich die Goodbag dann natürlich entsprechend verbreitet haben.

WIRED: Stecken hinter Ihrer Goodbag und der Goodbag aus Österreich die gleichen Erfinder?
Betz: Beide Teams haben in den letzten sechs Monaten an einer gemeinsamen Lösung gearbeitet, sich dann aber entschieden, getrennte Wege zu gehen. Letztendlich hatten wir wohl unterschiedliche Vorstellungen von der Zusammenarbeit. Wir bedauern das sehr, schauen nun aber nach vorn.

WIRED: Was ist der Unterschied zwischen den Konzepten?
Betz: Beide Teams haben das Ziel, den Verbrauch von Plastiktüten zu reduzieren. Dabei liegt der primäre Fokus sicher in den jeweiligen Heimatmärkten der Teams, also Deutschland und Österreich. Als Berliner Unternehmen konzentrieren wir uns derzeit voll auf den deutschen Markt.

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