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Der Nachfolger des Bitcoin-Erfinders will die Währung radikal verändern — um Kreditkarten Konkurrenz zu machen

Dominik Schönleben 27.08.2015 Lesezeit 5 Min

Die Bitcoin-Szene ist gespalten: Gavin Andresen, der Nachfolger des Bitcoin-Erfinders, plant eine zentrale Änderung im System der Währung. Diese Anpassungen sollen nötig sein, damit Bitcoin eines Tages Kreditkarten ablösen kann. Doch andere Hauptverantwortliche glauben, dass Andresen damit das digitale Geld in Gefahr bringt.

Das Bitcoin-Whitepaper muss für Gavin Andresen wie die Verkündung des Evangeliums geklungen haben. Eine anonyme Person, die sich selbst Satochi Nakamoto nannte, veröffentlichte 2008 in einem Forum die Lösung für ein mathematisches Problem und eine wirtschaftliche Vision zugleich: Wie könnte eine dezentralisierte, digitale Währung im Internet funktionieren? Er hatte die Antwort.

Gavin Andresen möchte, dass Bitcoin Kreditkarten ablöst.

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Es war der Tag, an dem Bitcoin geboren wurde. Und schon nach kurzer Zeit scharte Satochi seine Jünger um sich: Die Cypherpunks, die Zentralbank-Kritiker, die Libertären hatten ihren Heiland gefunden. Unter ihnen auch Gavin Andresen, der in der Folgezeit zahllose E-Mails mit dem Crypto-Erlöser austauschte, sein Vertrauter wurde und sich angeregt an den Diskussionen beteiligte. „Satochi war die Vision, die mich inspiriert hat“, sagt Andresen im Gerspräch mit WIRED Germany.

Als Satochi kurz darauf auf genauso mysteriöse Weise verschwand, wie er erschienen war, gab es für ihn nur einen Nachfolger: Gavin Andresen war der Fels, auf dem er seine Kirche bauen wollte — der Bitcoin-Petrus. Und so übergab Satochi den Zugriff auf den Code an ihn, bevor er im Netz verschwand.

Seit knapp fünf Jahren verwaltet Andresen schon das Lebenswerk Satoshis, holte weitere sogenannte Core Maintainer an Bord und wird heute als der wahre Vater von Bitcoin bezeichnet. Er ist Gründungsmitglied und Chief Technical Officer der gemeinnützigen Bitcoin Foundation, die sich dem Ziel widmet, die Währung zu fördern. Nun aber plant Andresen einen radikalen Schritt, den die anderen vier Core Maintainer ablehnen — jene Programmierer, die er einst selbst in den Kreis der Eingeweihten aufnahm.


„Es ist lächerlich, dass die maximale Block-Größe immer noch ein Megabyte beträgt“, sagte Andresen. Diese technische Limitierung hemme das Wachstum von Bitcoin und könne die Währung ins Chaos stürzen. Die Größe der Blocks — die Abschnitte aus denen das globale Registers aller Bitcoin-Transaktionen besteht — ist nämlich unter anderem für die Anzahl von möglichen Überweisungen im Netzwerk verantwortlich. Derzeit können nur maximal knapp 400 Transaktionen pro Minute durchgeführt werden.

Noch reicht das aus, doch spätestens 2017 würden laut Prognosen von Software-Entwickler Mike Hearn Transaktionen verloren gehen oder langsam und zu teuer werden. Ein Megabyte ist für Andresens angesichts moderner Computer lächerlich gering: „Die durchschnittliche Internet-Seite ist zwei Megabyte groß. Wenn man also im Internet mit einer höheren Geschwindigkeit als einer Seite pro 20 Minuten surft, lädt man mehr Daten herunter als in einem Block gespeichert sind.“


Es ist lächerlich, dass die maximale Block-Größe immer noch ein Megabyte beträgt.

Gavin Andresen, Chief Technical Officer der Bitcoin Foundation

Andresen hat deshalb der Bitcoin-Community einen Vorschlag unterbreitet: Acht Megabyte groß sollte ein Block seiner Meinung nach sein. Dann könnten nicht nur ausreichend viele Transaktionen pro Minute durchgeführt, sondern auch weitere Features ohne große Probleme in die Software integriert werden. Einen solchen Änderungsvorschlag nennt man in der Software-Entwicklung eine Fork — die Stelle, an der sich der Weg gabelt. Andresens hat die Richtung, die er mit Bitcoin einschlagen will, BIP 101 getauft.


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BIP 101 ist aktuell noch keine direkte Änderung am Code der Währung, sondern vielmehr eine Art Versionsnummer, die Bitcoin-Nutzer angeben können, wenn sie eine Transaktion durchführen — um zu zeigen, dass sie Andresens neue Version unterstützen. Erst wenn mehr als 75 Prozent der User das getan haben, wird BIP 101 offiziell Teil des Bitcoin-Codes. Es ist so etwas wie eine Urabstimmung der Bitcoin-Jünger.

Januar 2016 hat Andresen als Deadline für das Ende der Abstimmung angesetzt. Dann soll BIP 101 live gehen. Sollte es bis dahin nicht mit der Dreiviertelmehrheit klappen, glaubt Andresen, würde er auch danach nicht mehr genug Leute von seinem Plan überzeugen können.


BIP 101 ist ganz allein davon motiviert, Bitcoin skalierbar zu machen.

Gavin Andresen, Chief Technical Officer der Bitcoin Foundation

„BIP 101 ist ganz allein davon motiviert, Bitcoin skalierbar zu machen“, sagt er. Andresen wünscht sich, dass die Währung eine unabhängige Alternative zu Kreditkarten wie VISA oder Mastercard wird. Dafür braucht er vor allem die Hilfe von Bitcoin-Händlern, Exchange-Plattformen und Minern — diejenigen, die durch das erstellen neuer Blocks ständig neue Bitcoins erschaffen. Wenn sie alle BIP 101 annehmen, werden auch die restlichen Nutzer folgen, glaubt Andresen. Bisher macht die Versionsnummer BIP 101 aber laut ihm nur ein bis zwei Prozent des Netzwerks aus.


Die von Andresen vorgeschlagene Änderung wird oft mit Bitcoin XT gleichgesetzt. Dabei handelt es sich um eine Weiterentwicklung der Währung von Andresens Kollege Mike Hearn, die dem Bitcoin-Protokoll weitere Features hinzufügen soll. Eine Voraussetzung dafür wäre ebenfalls größere Blocks. Nach dieser Vergrößerung der Blocks könnte Bitcoin XT dann parallel zur normalen Bitcoin-Version verwendet werden und würde nicht in direkter Konkurrenz stehen. Das wäre bei BIP 101 der Fall — und könnte die Community spalten.


Das entspricht nicht meiner Definition von Zwang.

Gavin Andresen, Chief Technical Officer der Bitcoin Foundation

Einige der Core Maintainer seien ganz schön sauer auf ihn, gesteht Andresen. Durch BIP 101 habe er ihnen die Urabstimmung aufgezwungen, sagen sie. Ihnen sei es aber lieber, wenn das Problem erst später in Angriff genommen werde, damit Bitcoin sich zuerst weiter etablieren könne. Gavin Andresen sieht es weniger kritisch: „Das entspricht nicht meiner Definition von Zwang. Ich habe zu niemandem gesagt: Benutzt diesen Code oder es passiert was!“ Wenn weniger als 75 Prozent der Nutzer BIP 101 annehmen, passiere im Zweifelsfall nämlich einfach gar nichts. Dennoch könnte Andresen durch BIP 101 entweder zur Schande der Bitcoin Foundation werden — oder sich eben zum Retter der Crypto-Währung aufschwingen.

Was nun passieren soll, müssen die Nutzer entscheiden. Mit einer Dreiviertelmehrheit — mehr als in Deutschland für eine Änderung des Grundgesetzes nötig ist.

Update 29.08.15: Im Artikel wurden die Begriffe Blockchain und Blocks synonym verwendet. Dies wurde korrigiert.