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E-Mobilität: „Eine Ladesäule vor dem Rathaus reicht nicht“

Christina zur Nedden 14.06.2017

Es regnet und man sitzt auf dem Rad, man will mit dem Auto zum See und die Fahrraddemo blockiert den Verkehr – solche Überraschungen soll es bald nicht mehr geben. Marcus Willand arbeitet an einer Künstlichen Intelligenz für Mobilität, die zu jeder Zeit weiß, wie man sich täglich am besten fortbewegen sollte. Die Voraussetzung? Bus, Bahn, Carsharing und autonome Autos müssen zusammenarbeiten und ihre Dienste gebündelt in einer App anbieten.

Wenn der Verkehr fließt, sind Menschen glücklich. Schnell kommt man bei der Arbeit an, schnell ist man wieder im Feierabend. Termine wollen eingehalten und die Freizeit optimal ausgenutzt werden. Aber, und das lernen wir täglich, der Verkehr fließt eben nicht. Meistens stockt er, manchmal stoppt er – und das nervt. Es gibt deshalb so einige Anbieter, die uns den besten Weg durchs Verkehrschaos versprechen: Da wäre GoogleMaps, wo Nutzer zwischen Auto, Bus, Fahrrad, Taxi und zu Fuß gehen wählen können oder die Mobilitäts-App Moovit, die anstrebt die weltweit erfolgreichste App für den öffentlichen Nahverkehr zu werden. 

Marcus Willand aber will noch weiter gehen: Der IT-Berater möchte, dass die Anbieter des öffentlichen Verkehrs zusammenarbeiten, sei es Deutsche Bahn, Uber, städtische Verkehrsnetzwerke oder private Autovermieter. Ihre Angebote will Willand in einer einzigen App bündeln. Eine Künstliche Intelligenz soll ihre Daten über aktuelle Ereignisse in einer Stadt zusammenfassen und dem User die perfekte Route mit dem perfekten Mittel der Fortbewegung vorschlagen.

Dauert ein Stau vielleicht schon einige Stunden, und die U-Bahn ist überfüllt, könnte die KI den nächsten Fahhrad-Verleiher anzeigen. Ist schlechtes Wetter angesagt, empfiehlt sie vielleicht doch die S-Bahn. Nach einem Jahr soll sie eine Stadt so gut kennen, dass sie sogar Zukunftsprognosen für deren Verkehr machen können soll, behauptet Willand. 

Marcus Willand arbeitet für ein Tochterunternehmen von Porsche, er ist Partner bei der Management- und IT-Beratung MHP. WIRED traf ihn auf der OPELxWIRED future.mobility Conference in Rüsselsheim zum Interview. 

WIRED: Ich frage mich manchmal, ob ich mit dem Auto, Fahrrad oder doch lieber mit der Bahn zur Arbeit, fahren soll. Gibt es solche Probleme in der Stadt der Zukunft morgens überhaupt noch?
Marcus Willand: Ja, aber wir möchten den Menschen Empfehlungen geben, welches Transportmittel an diesem Tag am sinnvollsten ist. In Zukunft sollen Auto, Bahn, Bus, Fahrrad etc. beliebig miteinander kombiniert werden können. Gibt es in einer Stadt wie Stuttgart, die für ihr Stau- und Emissionsprobleme bekannt ist, zum Beispiel gerade einen Feinstaubalarm? Spielt der VFB, oder gibt es eine andere Großveranstaltung? Wer sich in der Stadt bewegen will, bekommt dann eine Empfehlung, wie und womit er am besten fahren sollte. Der Kunde muss nicht selbst entscheiden, die Künstliche Intelligenz übernimmt.

WIRED: Wann wird dieses Szenario Wirklichkeit?
Willand: Wir planen gerade daran, öffentliche und private Mobilitätsanbieter miteinander zu vernetzen und ihre Angebote zu bündeln. In Stuttgart kann man derzeit über 30 verschiedene Mobilitäts-Apps nutzen, niemand will die alle einzeln auf dem Handy haben. 

WIRED: Dazu bräuchte es aber einiges an Kooperation zwischen den Anbietern.
Willand: Städte sind bereit zu kooperieren. Das liegt vor allem an einem sich aufbauenden Handlungsdruck. Disruptoren wie Uber oder Lyft, die finanzstark aus den USA zu uns rüberkommen, werden den Markt bald erobern. Sie funktionieren einfach nicht nach veralteten Geschäftsmodellen. Wenn private und öffentliche Anbieter hierzulande nicht zusammenarbeiten, werden sie auf der Strecke bleiben.

WIRED: Gibt es Länder, wo diese Zusammenarbeit schon funktioniert?
Willand: Ja, ein gutes Beispiel ist Finnland. Da gibt es die Transport-App Whim, die eine Mobility-Flatrate anbietet. Mit ihr kann man alle ÖPNV-Leistungen nutzen, fünf Tage im Monat einen Mietwagen bekommen, oder zehn Taxifahrten usw. Der Nutzer kann also selbst entscheiden, welches Verkehrsmittel er heute nutzen möchte. Deutschland hinkt international gesehen hinterher. Wenn hierzulande eine Ladesäule vor dem Rathaus – die Bürgermeister-Säule – aufgebaut wird, ergibt sich daraus keine neue Mobilität. Mobilität muss ganzheitlich gedacht werden.

WIRED: Gilt das auch auf dem Land?
Willand: Im Moment stürzen sich alle auf die Städte, urbane Mobilität liegt im Trend. Das liegt daran, dass Urbanisierung weltweit fortschreitet. Man geht davon aus, dass bis 2030 über 60 Prozent der Menschen in Städten leben. Doch was passiert mit den anderen 40 Prozent? Für sie muss es auch Lösungen geben, die sehen aber anders aus. Hier wird autonomes Fahren noch wichtiger sein als in der Stadt. Autonome Autos und Shuttles können on demand angefordert werden, wenn man sie braucht. Damit kann man dann bezahlbare door-to-door Mobilität im ländlichen Raum anbieten.

WIRED: Werden wir dann auch komplett emissionsfrei unterwegs sein?
Willand: Diese Überlegung ist in jedem Mobilitätskonzept verankert. Der Trend geht in Richtung Nachhaltigkeit. Auf EU-Ebene gibt es den Konvent der Bürgermeister, einen Zusammenschluss von 7000 Bürgermeistern, der bis 2030 die CO2-Emissionen in den Städten um 50 Prozent reduzieren will. Wenn wir in diesen Städten Mobilitätskonzepte einführen, müssen wir das immer berücksichtigen.

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