/Internet

Das Internet wird neu erfunden. Vom Erfinder des Internet.

Johnny Haeusler 02.10.2018 Lesezeit 4 Min

Der Erfinder des Web, Sir Tim Berners-Lee, hat mit Solid und Inrupt zwei neue Initiativen vorgestellt. Unser Kolumnist Johnny Haeusler erklärt, was sich dahinter verbirgt und warum er der Bundesregierung empfiehlt, einen Koffer voll Geld zu Berners-Lee zu tragen.

Sir Tim Berners-Lee hat 'nen Hals, die Faxen dicke, die Nase voll und echt genug.

Der Mann, der Anfang der 1990er Jahre mit der Erfindung der Hypertext Markup Language – kurz HTML – auch das World Wide Web begründet hat, äußert sich schon länger kritisch zu den Entwicklungen des Internet der letzten Jahre, in erster Linie zur Zentralisierung unserer Daten durch Facebook und Google. Denn so hatte sich Berners-Lee das nicht vorgestellt damals.

Doch als Informatiker schreibt und redet man nicht nur, sondern man programmiert auch manchmal. Und so hat Sir Tim Berners-Lee am vergangenen Wochenende seine Arbeit der letzten Jahre vorgestellt, für die er seine Pflichten beim World Wide Web Consortium, dem W3C, zurückgefahren und von seiner Stelle am MIT temporären Urlaub genommen hat: Ein Software-Konzept und ein Unternehmen, die die Online-Welt ein weiteres Mal revolutionieren sollen.

Ein solides Konezpt

Bei der Open-Source-Software handelt es sich um Solid, die Grundlage für die Rückkehr in ein dezentraleres – oder ja gar dezentralisiertes – Internet, wie es sich Berners-Lee vorstellt. Nutzerinnen können sich eine Solid-ID und einen dazugehörigen Pod anlegen. In einem Pod können alle möglichen persönlichen Daten gespeichert und miteinander verknüpft werden, also sowohl Adress- als auch Kalenderdaten oder Medien. Gespeichert wird der (oder das?) Pod auf dem eigenen Server, bei Solid oder bei anderen, noch entstehenden Anbietern.

Applikationen, also alle Arten von Anwendungen, die im Web oder auf dem eigenen Computer oder dem Smartphone funktionieren, können Solid nutzen und auf persönliche Pods zugreifen, wenn Nutzerinnen dies zulassen. Denn die gesamte Kontrolle der in einem Pod gespeicherten Daten liegt bei den Pod-Inhaberinnen. So sind dezentralisierte soziale Netzwerke umsetzbar, also ein Facebook oder ein Instagram oder auch ein WhatsApp, bei denen die Daten eben nicht bei Facebook oder anderen Anbietern gelagert und dort unter Umständen weitergegeben oder zweckfremd genutzt werden können, sondern immer bei der einzelnen Person.

Um die kommerzielle Entwicklung und das Entstehen neuer Unternehmen rund um Solid voranzutreiben, hat Berners-Lee gemeinsam mit dem Geschäftsmann John Bruce die Firma Inrupt gegründet, die als eine der ersten Applikationen auf Basis von Solid entwickelt und hier skizziert, wie diese Applikationen arbeiten können.

Der richtige Weg

Die grundlegende Idee einer dezentralen und sicheren Speicherung persönlicher Daten ist keine neue. Doch wäre ich die Bundesregierung, würde ich vielleicht weniger durch Roland Berger organisierte Online-Umfragen bei der Wirtschaft durchführen oder als Ministerin in chinesische Flugtaxi-Firmen investieren, sondern stattdessen Kontakt mit Inrupt aufnehmen und gleich ein paar Millionen mitbringen, um die Idee eines „Europäischen Google“ (oder was auch immer) mal so langsam Realität werden zu lassen. Und wäre ich ARD-Chef Ulrich Wilhelm und hätte ich wie er die Vision einer Alternative zu YouTube, dann würde ich das auch tun.

Denn eine Erneuerung des Webs, eine dezentrale Möglichkeit zur Verwaltung der eigenen Daten, die von ausgewählten Services in ausgewähltem Umfang genutzt werden können, ist definitiv der richtige nächste Schritt und die einzige realistische Chance auf tatsächliche Konkurrenz zu den großen Playern. Und Sir Tim Berners-Lee und seine neuen Unternehmungen sind genau der richtige Absender dafür, die einen Erfolg zwar nicht garantieren können, aber um einiges wahrscheinlicher machen als andere mögliche Absender.

Zudem bringt Berners-Lee die nötige Kampfbereitschaft mit. Auf die Frage, wie er mit den großen Spielern umgehen will, die aktuell Milliarden mit persönlichen Daten verdienen, antwortet der Gründer des World Wide Web Consortium: „Wir diskutieren nicht mit Facebook und Google darüber, ob wir eine komplette Veränderung einführen sollten, die über Nacht ihre Geschäftsmodelle auf den Kopf stellen wird. Wir bitten sie nicht um Erlaubnis.“

Wie gesagt: Sir Tim Berners-Lee hat 'nen Hals.