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Das Ende der Gedankenfreiheit: Tech-Firmen wollen mit unserem Gehirn Geld verdienen

Christiane Miethge 24.07.2018 Lesezeit 7 Min

An die Überwachung jedes Klicks, jedes Einkaufs, jeder Bewegung haben wir uns gewöhnt und denken, es könnte kaum schlimmer kommen. Doch nun sollen auch unsere Gedanken ihre Freiheit verlieren. Kommerzielle Unternehmen haben den Wert des menschlichen Gehirns entdeckt. Das Versprechen von Tech-Firmen wie Facebook: Eines Tages könnten wir unsere Handys, Computer oder auch Fernseher mit ihnen steuern. Doch was ist, wenn unser Gehirn dabei mehr preisgibt, als wir eigentlich wollen?

Ein breites Lächeln, Brille, Gel in den Haaren, so begrüßt mich Kai Markus Müller, CEO der Neuromarketing Labs in der Nähe von Stuttgart. Er erklärt mir, worum es heute geht. Per Elektroenzephalografie, kurz EEG, soll meine Zahlungsbereitschaft für einen Becher Starbucks-Café herausgefunden werden. Direkt aus meinem Gehirn. „Der große Vorteil ist, dass wir eine bessere Vorhersagekraft für das Verhalten von Menschen haben, weil wir unbewusste Prozesse mit messen. Das Gehirn lügt nicht“, sagt er und lächelt wieder. Tatsächlich: Bei Umfragen antworten Menschen regelmäßig das, was der Fragesteller gerne hören möchte. Gehirnströme kümmern sich nicht um sozial erwünschtes Verhalten.

Eine Mitarbeiterin der Neuromarketing Labs in Stuttgart setzt mir eine Art bunte Badekappe auf, daran stecken an langen Kabeln viele kleine Elektroden. Sie misst damit die Frequenzen meiner Gehirnströme auf der Schädeloberfläche. Auf einem Bildschirm erscheinen gezackte Linien. Wenn mein Gehirn mit einem Preis nicht einverstanden ist, verändern sich die Frequenzen in meinem Kopf – ganz unabhängig davon, was ich bewusst denke. Was der beste Preis für den Kaffee sein könnte, werde dann statistisch aus diesen so genannten „Mismatch-Signalen“ von mindestens 40 Studienteilnehmern berechnet.

Gehirne verraten die Zahlungsbereitschaft ihrer Besitzer

Das Ergebnis ist eine Kurve, die genau bei zwei Euro vierzig ihr Maximum erreicht. So viel sollen die Probanden also laut ihren Gehirnströmen bereit sein, für einen kleinen Becher Kaffee zu zahlen. Das ist deutlich mehr als die Testpersonen bewusst zugeben, wenn sie zur Kontrolle per Mausklick angeben müssen, welchen Preis sie als angemessen empfinden. Unbewusst ist die Zahlungsbereitschaft also offenbar viel höher als von den Probanden selbst vermutet. Die Gehirne verraten ihre Besitzer. Nachdenklich verlasse ich das Labor.

Unter Wissenschaftlern ist dieses Neuromarketing umstritten. Philipp Kellmeyer und Tonio Ball vom Neurotechnology Lab der Uni-Klinik Freiburg bezeichnen es gar als Voodoo. In den meisten Fällen seien die Messungen zu ungenau, die Stichproben zu klein, die daraus abgeleiteten Aussagen zu umfangreich. Aber ist es deswegen harmlos?

In Silicon Valley gilt das Geschäft mit unserem Gehirn schon als das nächste große Ding. Auf 100 Millionen Dollar und mehr wird das jährliche kommerzielle Investment in die Forschung an der Verbindung von Computer und Gehirn geschätzt. Nach dem Sharp-Brain-Index ist die Anzahl der Patente und Patentanmeldung in den letzten zehn Jahren um 500 Prozent gestiegen. Vorne dabei sind Firmen wie Microsoft, Accenture oder IBM. Die erste Universität im Ranking der Patentanmelder ist die New York University auf Platz 19.

Tesla-Chef Elon Musk will das Gehirn optimieren

Noch ist die größte Hürde für die kommerzielle Nutzung von Gehirndaten die klobige und oft zu ungenaue Technik. Kaum jemand setzt sich freiwillig eine klebrige Badekappe mit Elektroden auf den Kopf. Zudem sind die Störsignale durch Kopfbewegungen und Muskelanspannungen groß. Facebook hat daher angekündigt, mit so genanntem „Optical Imaging“ von außen ins Gehirn blicken zu wollen. Tesla-Chef Elon Musk oder der Privatinvestor Bryan Johnson arbeiten an Chips, die direkt ins Gehirn gepflanzt werden sollen. Begründet werden all diese Ansätze mit dem Mehrwert für den Nutzer – er soll mit seinen Gedanken tippen, Computerspiele steuern, Lichter an und ausschalten können. Elon Musk und Bryan Johnson träumen sogar davon, das Gehirn selbst zu optimieren. Etwa durch gezielte Impulse im Hippocampus soll der Mensch intelligenter werden, lustiger, sexier, so die vage Prophezeiung von Johnson. Nur mit einem solchen „Update“ könnten wir in Zukunft mit Künstlicher Intelligenz mithalten. Doch egal wie groß das Versprechen, Daten werden bei all diesen Anwendungen gesammelt – empfindliche, intime, unbewusste Daten aus unserem Gehirn.

BR-Doku Homo Digitalis: Ein Upgrade für Dein Gehirn?

Philipp Kellmeyer vom Neurotechnology Lab der Uni-Klinik Freiburg hat deshalb eine Aufklärungskampagne gestartet. Gemeinsam mit Kollegen renommierter Unis wie Harvard, Columbia, Stanford warnt er vor dem Handel mit unseren Gehirndaten. Denn aus seiner Sicht ist unser Gehirn nicht irgendein Organ. In Milliarden von Nervenzellen entstehen unsere Wahrnehmung, unsere Gedanken und Gefühle. Wer schafft sie zu lesen oder sogar zu manipulieren, könnte ein gefährliches Tool besitzen, um die Gesellschaft zu kontrollieren. „Gehirndaten sind hochinformative, biologische Daten. Sie könnten Informationen über Epilepsie oder andere versteckte Krankheitszustände enthalten, über die ich selbst vielleicht noch gar nichts weiß“, erklärt Kellmeyer. Andere sind in ihren Aussagen sogar noch drastischer: „Die Wirkung von Atombomben ist regional begrenzt. Die Wirkung und Manipulation von hunderttausenden und millionenfach verfügbaren neuronalen Daten ist aus meiner Sicht mindestens vergleichbar aber – voraussichtlich gefährlicher“, sagt der Datenschutzexperte Philipp Otto vom Berliner iRights.Lab.

Gehirnströme sollen Straftäter überführen

Im kanadischen Montréal zeigt Patrice Renaud vom Philippe-Pinel Institute, was man selbst mit der heutigen Technologie schon aus Gehirnen auslesen kann. Er konfrontiert Straftäter mit Bildern von nackten, oft kindlich aussehenden Avataren. Eine EEG-Kappe erfasst dabei die Veränderungen der Gehirnströme des mutmaßlichen Täters, ein Augen-Tracker verfolgt, wohin er blickt und ein kleiner Ring über dem Penis kontrolliert die Erektion. Aufgrund dieser Kombination aussagekräftiger Datenquellen könne er zu einem hohen Wahrscheinlichkeitsgrad sagen, welche sexuellen Präferenzen ein Straftäter habe, etwa ob er pädophil sei oder eben nicht, sagt Renaud.

Die Methode gilt in Nordamerika als so valide, dass sie vor Gericht als Teil eines psychiatrischen Gutachtens anerkannt wird. Die Gehirndaten entscheiden also mit, ob ein verurteilter Straftäter in Sicherungsverwahrung muss oder eben nicht. Patrice Renaud sieht keinen Grund, warum Facebook und andere Firmen nicht eines Tages ebenso in unseren Gehirnen lesen könnten, ob wir unbewusst lieber Kinder mögen oder Erwachsene, Männer oder Frauen, dicke oder dünne Menschen und vieles mehr.

Natürlich geht es Facebook dabei vor allem um unsere Gehirndaten. Sie würden das lieben.

Steve Hoffmann, Investor

Mir wird unheimlich. Um Gehirndaten schon heute zu nutzen, müssen Tech-Firmen nicht unsere Gedanken lesen. Auch technologische Wunder braucht es nicht. Es reichen oberflächliche Gehirnzustände in Verbindung mit all den anderen Daten, die es über uns gibt. Unsere Likes, unsere Klicks, unsere Shoppingprofile. Die Tech-Firmen müssen nur eine Technologie entwickeln, die wir ganz nebenbei gerne beim Surfen tragen wollen, um zum Beispiel, mit unseren Gedanken E-Mails oder Facebook-Nachrichten schreiben zu können. „Natürlich geht es Facebook dabei vor allem um unsere Gehirndaten. Sie würden das lieben“, bestätigt mir der Silicon Valley Investor Steve Hoffmann im Skype-Gespräch. „Sie haben bereits eine Maschine, die soviel persönliche Daten einsaugt wie nur irgendwie möglich. Wenn sie mit Hilfe von Gehirndaten ein Level tiefer gehen können, werden sie das natürlich machen.“

Tatsächlich sind Gehirndaten eine neue Art von Datenquellen – unbewusst, unverfälschbar, intim. Gelingt es Facebook, Google oder Amazon nur ein Prozent ihrer Milliarden Nutzer zu überzeugen, während des Surfens ihre Gehirndaten zu messen, wäre es die größte neurowissenschaftliche Studie, die es jemals gab. Und allein diese unglaubliche Zahl könnte sie befähigen, Dinge aus unserem Gehirn auszulesen, von denen Wissenschaftler nur träumen. Muster, die selbst den hochintelligenten Algorithmen der Tech-Firmen bisher verborgen waren. Einblicke in eine Welt der geheimen Wünsche und Ängste, die unser bewusstes Ich meist erfolgreich unterdrückt und verbergen möchte. Steve Hoffmann sagt: „Die großen Tech-Firmen dieser Welt – Facebook, Amazon, Google sind gerade dabei vorhersagende Datenbanken zu bauen. Dabei wollen sie in Zukunft nicht nur vorhersagen, was du bestellen wirst, am liebsten würden sie dir den ganzen Bestellvorgang abnehmen. Dazu brauchen sie Daten, die sie miteinander kombinieren können – unsere Gehirndaten, unsere Shoppingdaten, unsere Bewegungsdaten. So werden wir eines Tages bei Amazon shoppen ohne zu shoppen.“

Droht das Ende der Privatsphäre?

Shoppen ohne zu shoppen. Das ist die nächste Bastion. Der nächste Schritt der Tech-Firmen in unser Innerstes und damit das endgültige Ende dessen, was einmal Privatsphäre hieß. Gedankenlesen im eigentlichen Sinne ist dafür gar nicht nötig, es reichen scheinbar oberflächliche Informationen. Muster in den Frequenzen des Gehirns, die gerade in Kombination mit anderen Daten wertvoll sind.

Was aber passiert, wenn es Facebook und andere Tech-Firmen tatsächlich gelingt, so intime Daten zu erheben, dass sie uns besser kennen als wir uns selbst? Wenn sie unser Gewissen kennen, unsere Ängste, unsere Träume? Wenn sie dann für uns entscheiden, welche Produkte, welche Partner, welche Jobs am besten zu uns passen? Das wäre auf eine Art ein Ende der Gedankenfreiheit. Nur ganz anders als gedacht.