Chaos Communication Camp 2015: An diesen Zukunftsprojekten bastelten die Hacker

Sonja Peteranderl 18.08.2015 Lesezeit 7 Min

Landesverrat, Überwachung und Foodhacking: WIRED fasst zusammen, welche Trends die Hacker und Netzaktivisten beim Chaos Communication Camp 2015 beschäftigt haben.

Brainstormen im Grünen: Mehr als 4500 Hacker und Hackerinnen, Aktivisten und Neugierige hatten ihre Zelte vom 12. bis zum 17. August auf dem Ziegeleipark Mildenberg in Brandenburg aufgeschlagen. Zwischen Kabelgewirr, Musikanlagen, 3D-Druckern, Maker-Spaces und einem See wurde beim Chaos Communication Camp diskutiert, gelötet, gehackt und ein Bauplan für die Zukunft entworfen. WIRED war dabei — und hat sich nach Trends umgesehen.

Gemeinsam Zukunft gestalten: Die Hackerszene will diverser werden

#1 Diversity: Hacker entwerfen die Welt, in der wir leben — in Zukunft sollen noch vielfältigere Perspektiven beteiligt werden
Das Chaos Communication Camp, das alle vier Jahre stattfindet, will ein interdisziplinäres Ideenlabor „für alle Wesen dieser Galaxie“ sein — und Technologie für möglichst viele Menschen öffnen und nutzbar machen, von Künstlern und politischen Aktivisten bis hin zu hilfsbedürftigen Menschen, etwa Flüchtlingen. Das Sommercamp sieht Frank Rieger vom Chaos Computer Club als eine Erinnerung an Hacker, ihre speziellen Talente clever einzusetzen. Es habe zwar viele Fortschritte gegeben, findet Rieger. Dennoch ist die Hacker-Szene bis heute sehr weiß, westlich und männlich geprägt — so gestaltet eine Minderheit fundamentale gesellschaftliche Prozesse. Schwierigkeiten gebe es etwa immer noch dabei, „Frauen zum integralen Bestandteil der Community“ zu machen, sagt Rieger.

Das soll sich ändern. Ein Signal: In zahlreichen Talks präsentierten Frauen ihre Projekte, auch die Eröffnungsrede wurde von einer Speakerin gehalten: Fiona Krakenbürger fordert mehr Hacks, konkrete Lösungsansätze — statt aufgeheizter Diskussionen, die die Fronten verhärten. Krakenbürger engagiert sich beim CCC selbst dafür, Berührungsängste abzubauen: Das Programm der Chaospatinnen stellt interessierten Neulingen, Männern wie Frauen, eine Ansprechpartnerin zum Besuch des CCC-Kongresses zur Seite — im vergangenen Jahr waren die Hälfte der Interessierten Frauen. Das „Default Mindset“, das Code Männersache sei, müsse verändert werden. Frauen sollten etwa explizit angesprochen und zu Hacker-Veranstaltungen eingeladen werden. Ein Schneeballeffekt: Mehr sichtbare Vorbilder und Speakerinnen würde auch zu mehr Beteiligung von Frauen führen.

Bei zahlreichen Talks und Workshops wurde auch gezeigt, wie Technologie marginalisierte Communities unterstützen kann: Die von einem Flüchtling gegründete Initiative Refugees Emancipation bietet Internetzugang in Flüchtlingsunterkünften und IT-Kurse an, um die Isolation zu mindern. Mit Drohnen, Schiffen und Onlinekampagnen setzen sich die NGOs Women on Waves und Women on Web für Gesundheitsaufklärung ein und verbreiten Abtreibungspillen etwa per Drohnenpost in Ländern, in denen Abtreibungen illegal sind. Zara Rahman hat erforscht, wie marginalisierte Communities in Datenbanken repräsentiert werden — und wie Diskriminierung auf Datenbasis entsteht.

#2 Whistleblower: Die Landesverrat-Ermittlungen wurden eingestellt — doch der Skandal ist nicht beendet
Veröffentlichung von Verfassungsschutz-Dokumenten, Anklage wegen Landesverrat, Proteste, Ausweitung zum Polit-Skandal: Markus Beckedahl und André Meister von Netzpolitik.org ließen beim Camp das Geschehen der letzten Monate Revue passieren — und feierten einen Etappensieg. Doch die Landesverrat-Affäre ist nicht beendet: Jetzt will das Netzpolitik-Team herausfinden, ob es überwacht wurde und welche Verantwortlichen zu welchem Zeitpunkt von dem Vorgehen wussten. Denn die Netzpolitik-Affäre ist kein Einzelfall, sondern ein Exempel dafür, wie die deutsche Regierung mit Pressefreiheit und auch Whistleblowern und Whistleblower-Plattformen umgeht. Auch Wikileaks-Mitarbeiterin Sarah Harrison berichtete beim Camp bei einem Q&A von Herausforderungen beim Whistleblower-Schutz und dem Umgang mit komplexen Daten und Dokumenten bei Wikileaks.

#3 Überwachung: Die Hacker gehen in die Offensive — mit technischer Selbstverteidigung und vor Gericht
Gegen Überwachung kämpfen Hacker immer häufiger vor Gericht. Bei ihrem Talk zum Staatstrojaner-Prozess warnte Constanze Kurz vom CCC vor der im Bundeskriminalamtgesetz festgelegten sehr breiten Definition „informationstechnischer Systeme“, auf die sich Online-Überwachungsmaßnahmen beziehen. In Zukunft könnten möglicherweise auch IOT-Devices und Wearables wie Hörgeräte „abgeschnorchelt“ werden — was neben der Verletzung der Privatsphäre auch echte Körperverletzungen einschließen könnte. Für den Herbst erwartet Kurz ein „Sowohl auch auch“-Urteil zum Staatstrojaner, das den Behörden weiterhin weitreichende Überwachungsbefugnisse bei Ermittlungen einräumt.

Anne Roth gab einen Einblick in die Arbeit des NSA-Untersuchungsausschusses. Der ist einerseits weltweit einzigartig, andererseits hindern politische Manöver und die eingeschränkte Zugänglichkeit von Beweismaterial ihn an einer umfänglichen Aufklärung der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit bei der Massenüberwachung.

Technische Gegenmaßnahmen, Open-Source-Projekte und Verschlüsselung spielten auch bei Diskussionen im Zelt und technischen Talks eine wichtige Rolle. Der Hacker Linus Neumann kritisierte, dass der Staat beim Thema IT-Sicherheit versagt habe und auch die Gegenwehr der Open-Source-Community bisher nicht ausreiche. Der Exploit-Handel, an dem sich auch Behörden beteiligen, eröffne massive Sicherheitslücken. Institutionen wie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) könnten keine angemessene Kontrolle auf Ministerien und Behörden ausüben, weil sie nicht unabhängig seien.

Thorsten Schröder schlug eine Lizenz vor, die den Gebrauch von Open-Source-Software durch Militär, Sicherheitsfirmen und Polizei ausschließen sollte. Der italienische Überwachungsdienstleister Hacking Team hatte etwa in Malware, die an internationale Behörden verkauft wurde, Open-Source-Komponenten benutzt — für Schröder ein Missbrauch der ursprünglichen Idee freier Software.

Doch Metadaten sind nicht die einzige Gefahr: „Lily“ erzählte, wie es sich anfühlt, mit einem V-Mann zusammen zu sein. Zwei Jahre dauerte ihre Beziehung mit dem Undercover-Ermittler Mark Kennedy, der die Umweltbewegung in Europa ausspionierte. „Er war charmant, entwaffnend und teilte meine politischen Interessen“, erzählte die Aktivistin. Später erfuhr sie, dass ihr Freund Mark Kennedy niemals existiert hatte — ein Schock, der ihr Leben veränderte.

Auf dem Camp wurden auch akute Sicherheitslücken gefixt. Hacker reparierten spontan den Computer eines Dorfbewohners, die NGO Tactical Tech veranstaltete Cryptopartys und half bei Fragen zu verschlüsselter Kommunikation und IT-Sicherheit.

#4 Freifunk: Eigene Netzwerke sollen die Unabhängigkeit von staatlicher und kommerzieller Infrastruktur stärken
Für das Camp hatten die Veranstalter ein Glasfaserkabel in die brandenburgische Landschaft verlegt, WLAN und ein lokales Handynetzwerk aufgesetzt — während die meisten kommerziellen Handynetze versagten. Freifunk-Initiativen diskutierten über die Verbreitung von kostenlosem WLAN, viele Camps hatten eigene Netzwerke aufgesetzt. „So viele Piratenradios gibt es nirgendwo“, freute sich ein schottischer Hacker.

An alle Besucher und Besucherinnen wurde auch ein Software-defined Radio (SDR) ausgegeben, das sogenannte „rad1o-Badge“, mit dem in zahlreichen Frequenzbereichen gesendet und empfangen werden kann. Manche versuchten, GIF-Animationen für den Mini-Screen zu erstellen oder Radio zu hören, fortgeschrittene Hacker diskutierten, wie sich mit SDR Autos hacken lassen. Die rad1os sollen auch nach dem Camp ein Eigenleben entwickeln — Hacks und Fortschritte werden online geteilt.

#5 JustdoIt: Alles kann gehackt werden — vom Bier bis zur Raumfahrt
3D-Drucker, Fräsen, Tische voller Werkzeug: Bis spät in die Nacht werkelten die Bastler in vielen Zelten. Die kochbegeisterte Hacker-Vereinigung Foodhackingbase experimentierte mit Lebensmittel-Hacks und Küchenrobotern. DIY-Mate und Open-Source-Bier herstellen, DNA-Proben von Erdbeeren entnehmen, Lebensmittel an der Grenze der Haltbarkeit länger haltbar machen: Traditionelle Kochkunst wird mit Technologie oder neuen Strategien wie Open-Source-Ansätzen getuned. Wiener Hacker hatten einen Crepe-Roboter aus Komponenten wie Heizungsrohren mitgebracht, der automatisch Hunderte von Crepes rollte und mit Nougatcreme garnierte. Mit Erfindungen wie einem Open-Source-Inkubator wurden Fermentierungsprozesse beschleunigt, etwa bei der Herstellung von Kimchi oder Wellness-Drinks.

Andere wollten lieber den Weltraum erobern: Amateur-Initiativen, die Satelliten und Raumsonden bauen, stellten ihre Arbeit vor. Neben Raketen wurde auch ein Zeppelin auf dem Campgelände gelauncht, ein solarbetriebenes DIY-Gefährt fuhr auf den Lore-Schienen der Ziegelei durch das Camp.

 

#6 Early Adopter: Programmieren sollte ebenso selbstverständlich auf dem Stundenplan stehen wie Mathe — bis es soweit ist, fördern unabhängige Coding-Initiativen die IT-Kenntnisse der jungen Generation

Bunte Bälle und Programmier-Workshops: Im beruhigteren Familienbereich abseits der Party-Zelte campten Familien, Hunderte von Kindern waren Teil der Hacker-Zeltstadt — sie konnten Modellraketen bauen oder Coden lernen. Projekte wie die internationale Initiative Coder Dojo, die Kindern Technikwissen vermittelt, suchten beim Camp nach Mitstreitern und Mitstreiterinnen, die lokale Workshop-Hubs aufbauen wollen, und diskutierten darüber, wie sich Programmieren für Kinder spannender als Schulunterricht gestalten lässt. Die Initiative Flubber.Berlin hat Facebook und WhatsApp im Klassenzimmer den Kampf angesagt: Eltern und Kinder werden an Open Source-Software-Tools herangeführt.