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„Terroristen dürfen keinen Zugriff auf unsere Drohnen-Schwärme erhalten“

Max Biederbeck 24.10.2017

Was können Terroristen wirklich mit Verbraucher-Drohnen anrichten? WIRED hat mit dem Sicherheitsexperten Wolfgang Rudischhauser gesprochen. Er sagt: „Das Problem wird im System liegen."

Der Luftraum soll jetzt wieder dem Staat gehorchen. Seit Anfang Oktober gelten die neuen Regeln für Drohnen im deutschen Luftraum, und die verlangen den Besitzern einiges ab. Die müssen von nun an Plaketten auf ihre Geräte kleben. Drohnen mit einem Gewicht von mehr als fünf Kilo brauchen außerdem eine Erlaubnis und ihre Halter einen Führerschein, um überhaupt in die Luft aufsteigen zu dürfen. „Tabu sind zudem Flüge über sensiblen Bereichen wie Einsatzorte von Polizei und Rettungskräften, Naturschutzgebiete und Menschenansammlungen“, heißt es bei der Bundesregierung.

Wer dagegen in die USA schaut, kann fast zeitgleich die ersten Ausnahmen von den überall noch frischen Drohnen-Regularien beobachten. Dort darf der Sender CNN jetzt ganz offiziell eine Kamera-Drohne über eine Menschenmenge steuern, um seine Aufnahmen zu machen. Experten sehen darin den ersten Schritt, um den vermehrten Gebrauch von professionellen Drohnen etwa durch Lieferdienste und Postzulieferer auf den Weg zu bringen. Momentan geht allein die deutsche Flugsicherung von rund einer Millionen privater Drohnen im deutschen Luftraum im Jahr 2017 aus – kommen Päckchen, Taxi und Pizza bald ferngesteuert oder autonom, wird diese Zahl geradezu explodieren.

In genau diesen Systemen sieht Wolfgang Rudischhauser ein Sicherheitsproblem auf die Staaten zukommen. Er ist Vizepräsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin und hat gerade ein Impuls-Paper zur terroristischen Gefahr von autonomen Fahr- und Flugzeugen veröffentlicht. Im Interview mit WIRED ist er überzeugt: Wir müssen schon jetzt die Regeln für ein sicheres kommerzielles Netzwerk an Drohnen-Schwärmen auf den Weg bringen.

WIRED: Herr Rudischhauser, 2013 landet in Dresden eine Drohne vor verdutzter Security und einer noch verdutzteren Bundeskanzlerin. Damals zum Glück kein Anschlag – so etwas kann heute nicht mehr passieren, oder?
Wolfgang Rudischhauser: In dieser Form nicht, nein. Es gibt genug Technologie, die wichtige Personen und Orte vor Terroranschlägen mit einfachen kommerziell erwerbbaren Drohnen schützen kann. Die Schwierigkeiten liegen eher im Schutz des alltäglichen Lebens.

WIRED: Weil der Luftraum unkontrollierbar geworden ist?
Wolfgang Rudischhauser: Wenn sie nie wissen, wo ein terroristischer Anschlag oder ein Attentat passieren könnte, dann ist das ein echtes Problem. Die EU-Kommission hat Städten und Kommunen gerade erst wieder empfohlen, sich besser gegen terroristische Attacken zu schützen, weil sie jederzeit und an jedem Ort stattfinden können.

WIRED: Eine Drohne klingt für einen Terroranschlag doch sehr aufwendig, wenn man stattdessen doch einfach ein Auto zur Waffe machen kann. Können Sie ein Beispiel für ein Szenario geben?
Rudischhauser: Nehmen Sie Orte, wo große Mengen von Personen auf kleinem Raum zusammenkommen. Rockkonzerte, Sportstadien, Karnevalsveranstaltungen. Und es geht nicht nur darum, dass ein Anschlag zu einer großen Zahl an Verletzen und Toten führen könnte, wenn etwa eine Drohne mit Sprengstoff in die Menge abstürzt.

WIRED: Worum geht es noch?
Rudischhauser: Um die Möglichkeit einer Panik. Der Einsatz einer Drohne, selbst wenn er wenig Schäden verursacht, kann leicht zu einer plötzlichen Hysterie führen – stellen Sie sich zum Beispiel vor, das Fluggerät versprüht eine Flüssigkeit in eine Menschenmenge. Dann spielt es keine Rolle mehr, ob Sicherheitsleute das Gerät neutralisieren können. Im Gegenteil, das könnte sogar noch mehr Panik verursachen.

WIRED: Wie aber das Unkontrollierbare kontrollieren?
Rudischhauser: Noch ist die Gefahr ja relativ klein, weil die Drohnen aus dem Handel selbst noch sehr klein sind. Sie könnten auch nur wenig Sprengstoff tragen. Auch ihre Reichweiten und Einsatzmöglichkeiten sind noch begrenzt, die Neutralisierung ist einfach möglich. Künftige Gefahren sehe ich vor allem dort, wo Drohnen im großen Stil zu kommerziellen Einsätzen verwendet werden.

WIRED: Sie meinen, wenn Amazon und die Post mit ihren eigenen Drohnen-Schwärmen die Post austragen.
Rudischhauser: In diesem Moment kommen systematisch autonome Fahr- und Flugzeuge zum Einsatz, die im großen Stil schwerere Lasten tragen können und größere Reichweite haben müssen. Diese Geräte müssen vor unbefugtem Zugriff geschützt werden – physisch aber auch vor Hackern. Genau bei Beispielen wie der Deutschen Post und Amazon sollten Kontrollmaßnahmen ansetzen. Die Industrie muss schon jetzt sensibilisiert werden. Es muss schon jetzt Registrierungs- und Kontrollpflichten geben oder es gilt, diese zu verschärfen, damit in zwei bis drei Jahren alles bereit ist, wenn der große Schwarm in die Lüfte aufsteigt.