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Windows oder Linux in München? Ihr stellt die falsche Frage!

Armin Hempel 20.02.2017

Bis Ende 2020 soll Linux von rund 15.000 Arbeitsplätzen der Münchner Verwaltung verschwinden und durch Windows ersetzt werden. Bei den Offiziellen herrscht großes Schweigen: keine Pressemitteilung, keine Antworten auf Anfragen, kein Kommentar. Über die Gründe dieser Entscheidung lässt sich also nur spekulieren – sinnvoll ist sie jedenfalls nicht, kommentiert WIRED-Admin Armin Hempel. 

Vor fast 15 Jahren entschied sich die Münchner Regierung dafür, vermehrt Open-Source-Software in der Verwaltung einzusetzen. Bis vor Kurzem galt das als ausgesprochen gute Wahl: Millionen an Lizenzgebühren und Hardwarekosten wurden durch den Umstieg von Microsoft-Produkten zu Libre Office und Ubuntu eingespart. München dient wegen dieses mutigen Entschlusses als internationales Vorbild für den Open-Source-Umstieg anderer Verwaltungen, etwa für Turin oder Valencia. Doch jetzt folgt die 180-Grad-Wende.

Vergangenen Mittwoch beschloss der Münchner Stadtrat, zu Windows und zu anderen „marktüblichen Standardprodukten“ (gemeint ist Microsoft Office) zurückzukehren. Basis dieser Entscheidung gegen das bisher eingesetzte Linux ist ein Gutachten der Microsoft-nahen Unternehmensberatung Accenture.

Armin Hempel ist System-Administrator, obwohl er Musik- und Theaterwissenschaft studiert hat. Wenn er nicht gerade mit Konsolen und Festplatten-Arrays ringt, schreibt er für WIRED Germany.

Erstaunlich dabei: Selbst die Windows-Freunde von Accenture sehen die Probleme der Münchner IT nicht beim LiMux-Projekt, sondern bei den katastrophalen Zuständen in der Verwaltungsstruktur und der Softwareentwicklung im Allgemeinen. Das interessiert die große Koalition in München aber nicht weiter, die möchte jetzt offenbar nur endlich die Linux-Periode beenden. 

Diese Kehrtwendung schlägt hohe Wellen in den Medien und die Debatte dazu versetzt einen in die längst überwunden geglaubten Foren-Diskussionen der Jahrtausendwende zurück: „Ohne Microsoft gehts im Büro nicht!“ schreien die einen, „Mit Linux wäre das nicht passiert!“ regen sich andere in einem endlos wirkenden Schlagabtausch über Sicherheitslücken auf. Die Fronten sind verhärtet, denn anscheinend kann auch heute noch kaum jemand über den Rand des eigenen Schreibtischs hinausblicken und sich vorstellen, dass verschiedene Menschen möglicherweise verschiedenen Betriebssystemen den Vorzug geben.

Das Münchner Problem wird früher oder später zum Problem aller Verwaltungen werden 

Das Münchner Problem wird früher oder später zum Problem aller Verwaltungen werden. Denn: Wenn in der deutschen Behördenlandschaft etwas nicht funktioniert, dann liegt das nicht am verwendeten Betriebssystem. Viel häufiger sind die Fachanwendungen und behördenspezifische Cloud-Dienste schuld. Diese Nischenprodukte werden von externen Dienstleistern für jede einzelne Verwaltungsinstanz in jedem Bundesland neu und voneinander unabhängig entwickelt. Das ist verschwenderisch, denn die Gesetze und damit die Anforderungen, denen diese Anwendungen und Dienste genügen müssen, sind oft bundesweit gültig.

Es liegt aber auch an den Verantwortlichen, die die Anforderungen für die Fachanwendungen formulieren – denn diese haben oft nicht den Hauch einer Ahnung davon, womit ihre Kolleginnen und Kollegen eigentlich gern arbeiten würden. Kompatibilität und Diversität fallen dann aus wirtschaftlichen Gründen gern unter den Tisch, obwohl die dadurch eingesparten Kosten oft nur einen winzigen Teil der Gleichung darstellen. Am Ende macht man es dann wie viele Behörden – man schreibt die Benutzung des Internet Explorers vor und sperrt damit kurzerhand alle Alternativen zu Windows aus. 

Liebes München, es geht um nichts Geringeres als die Zukunft! Die Antwort auf die Frage, welches Betriebssystem und welche Office-Anwendungen auf euren Clients eingesetzt werden sollten, lautet schlicht und ergreifend: So viele wie nötig!

Alle deutschen Behörden müssen Lösungen finden, um ihre marode IT-Infrastruktur so zu modernisieren, damit sie wenigstens mit den jeweils neuesten Versionen von Windows, macOS, mindestens einer Linux-Distribution, Android und iOS unfallfrei zusammenarbeiten kann. Dies gilt ganz nebenbei auch für Dokumentenformate und die Internetplattformen des öffentlichen Dienstes. Die Zeiten, in denen man sich darüber geärgert hat, dass man mit einem Mac oder einem Linux-Rechner bei der elektronischen Steuererklärung schlechte Karten hat, sollten langsam mal vorbei sein; Vielfalt ist besser als Einfalt. 

Sieht man sich abseits der Verwaltungen ein wenig um, wird das Bild deutlich klarer. Viele moderne Großunternehmen haben bereits vor Jahren bemerkt, dass ihre Angestellten wesentlich zufriedener sind, wenn sie sich ihr Arbeitsgerät selbst aussuchen können. Die Produktivität steigt und rechtfertigt so die im Vergleich dazu minimal steigenden Kosten für die Administration.

In München ignoriert man das und wagt die Rolle rückwärts: Man betreibt einen Millionenaufwand, um eine bereits heterogene IT-Landschaft zur Monokultur zurechtzustutzen.

Wie Dr. Florian Roth (Grüne), in der Münchner Vollversammlung zum Thema richtig bemerkt, würde der überhastete Schwenk zurück zu Microsoft darüber hinaus zu Lasten der E-Government-Pläne der Stadt München gehen und dafür sorgen, dass die Einführung moderner, bürgerfreundlicher Prozesse wohl noch etwas länger auf sich warten lassen wird. 

Es ist  gerade vier Monate her, dass Microsoft seine Deutschlandzentrale und damit 1500 Arbeitsplätze nach München verlegt hat 

Solange derartige Entscheidungen auf Basis von Gefühlen anstelle von Fakten gefällt werden, solange die Ergebnisse groß angelegter Umfragen ignoriert werden und solange Politiker lieber auf industrienahe Lobbyisten statt auf unabhängige Experten hören – solange braucht man sich in München nicht wundern, wenn erneut der Vorwurf der Vetternwirtschaft laut wird. Es ist übrigens gerade vier Monate her, dass Microsoft seine Deutschlandzentrale und damit 1500 Arbeitsplätze nach München verlegt hat. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Mir bleibt nur zu hoffen, dass der Stadtrat beim endgültigen Beschluss des letzte Woche in Auftrag gegebenen Konzeptes noch zur Weisheit findet und eine neuerliche Kehrtwende hinlegt: Die Mittel, die für den Schwenk zu Microsoft anfallen, könnte die Stadt München stattdessen in die Entwicklung einer modernen Behörden-Cloud investieren, die alle Bürgerinnen und Bürger unabhängig vom Betriebssystem mit der Verwaltung vernetzt und es so ermöglicht, zumindest die einfacheren Behördengänge online zu erledigen.

Das wäre bürgerfreundlich, München hätte sein nächstes Leuchtturmprojekt und könnte in Sachen Verwaltungs-IT weiterhin als internationales Vorbild dienen.

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