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„Roboter müssen menschenfreundlicher werden“

Anna Schughart 01.11.2017 Lesezeit 7 Min

Manche Menschen begegnen Robotern mit viel Skepsis und Angst, andere behandeln sie wie einen Menschen. Damit unser Zusammenleben mit ihnen in Zukunft besser funktioniert, sagt die Wissenschaftlerin Leila Takayama, müssen die Roboter unter anderem höflicher werden.

Roboter brauchen mehr Liebe von anderen wissenschaftlichen Disziplinen als der Robotik, findet Leila Takayama. Deshalb widmet sich die Kognitions- und Sozialwissenschaftlerin in ihrer Forschung der Beziehung zwischen Menschen und Robotern. Sie will herausfinden, wie man die Interaktion zwischen Mensch und Maschine verbessern kann. Wie müssen Roboter designt sein, dass wir Menschen sie akzeptieren? Welche Aufgaben können sie in Zukunft für uns erfüllen? Und müssen sie dafür zwingend wie Menschen aussehen?

WIRED: Wie steht es denn um die Beziehung zwischen Menschen und Robotern?
Leila Takayama: Gerade nicht sehr gut. Momentan träumen wir davon, dass wir Roboter einfach benutzen können, ohne dass es dafür ein spezielles Training braucht. Dass sie nicht mehr einschüchternd wirken, sondern Werkzeuge sind, mit denen jeder interagieren kann.

WIRED: Warum wirken Roboter so fremd und einschüchternd auf uns?
Takayama: Ein Grund ist wahrscheinlich die Science-Fiction. Vor allem in westlichen Kulturen gibt es viele dystopische Filme und Bücher über Roboter. Das scheint Angst in uns auszulösen. In Ostasien ist das anders, weil es dort andere Geschichten darüber gibt, wie Menschen und Roboter zusammenleben könnten. Aber wenn sie dann tatsächlich mit einem echten Roboter interagieren, merken viele Menschen, dass er eigentlich nicht so unheimlich ist.

WIRED: Man muss also einfach mal einen Roboter persönlich kennenlernen?
Takayama: Das kann helfen, ja. Dann merkt man, dass es bloß eine Maschine mit einem Computer im Inneren ist. Wenn man darüber nachdenkt, interagieren wir zu einem gewissen Grad ja bereits mit rudimentären Robotern. Wenn man Geld am Automaten abhebt zum Beispiel. Das ist eine sehr alltägliche Erfahrung und meiner Meinung nach auch die beste Form der Interaktion. Roboter machen unser Leben sicherer, einfacher oder auch besser. Dazu müssen sie nicht so auffällig sein, nach dem Motto: Oh mein Gott, das ist Rosie der Roboter, mit dem ich gerade interagiere!

WIRED: Stehen wir den Robotern nicht auch deshalb so skeptisch gegenüber, weil wir fürchten, dass sie uns die Jobs wegnehmen?
Takayama: Das verstehe ich, aber ich denke, da steckt der Teufel im Detail. Nicht jeder wird plötzlich 60 Prozent weniger Arbeit haben. Diese Vorstellung vereinfacht das Problem zu sehr. Es kommt sehr auf die jeweiligen Tätigkeiten an. Geldautomaten haben ja zum Beispiel nicht dazu geführt, dass es keine Bankangestellten mehr gibt. Stattdessen haben sich ihre Aufgaben verändert.

WIRED: Das Handwerk oder Jobs in Fabriken sind aber doch viel stärker durch die Roboter-Konkurrenz bedroht?
Takayama: Das betrifft auch hoch qualifizierte Arbeitnehmer, wie zum Beispiel Daytrader an der Börse. Aber wir denken immer, dass sich etwas ganz dramatisch ändern wird. Ich glaube eher, dass das Stück für Stück passieren wird. Die Jobs werden nicht plötzlich verschwinden, sondern die Aufgaben werden sich verändern. Das müssen wir aufmerksam verfolgen, denn es wird die Leben von Menschen verändern und sollte deshalb auch auf unsere Bildung und unser Training einen Einfluss haben.

Roboter müssen einfacher zu bedienen sein.

WIRED: Müssen wir also unsere Skepsis gegenüber Robotern überwinden?
Takayama: Es ist gut, skeptisch zu sein, dadurch verlieren wir nichts. Aber wenn wir unsere Angst nicht aufhalten, dann rennen wir nur davon. Das wäre wirklich schade, denn die Robotik könnte sehr hilfreich für uns sein.

WIRED: Wie können wir die Beziehung zwischen Roboter und Menschen denn verbessern?
Takayama: Die Hauptlast liegt auf dem Design der Roboter. Natürlich gibt es manche, die sagen, wir müssen die Menschen nur besser darüber aufklären, wie sie mit Robotern interagieren sollen. Aber ich denke, es ist wichtiger, dass wir sie so designen, dass sie unseren Ansprüchen, Limitationen und Fähigkeiten entsprechen. Ein etwas albernes, aber trotzdem sehr vielsagendes Beispiel sind Süßigkeitenautomaten. Du gibst dem Roboter deine Münzen, er fragt, welchen Schokoladenriegel du haben möchtest und schmeißt ihn dann so hin, dass du dich bücken musst, um ihn aufzuheben. Das ist ein sehr respektloses Mensch-Roboter-Interaktionsdesign. Wir könnten sehr viel besser darin sein, Roboter zu bauen, die menschenfreundlicher sind. Das nicht zu tun, ist bloß Faulheit.

WIRED: Müssten die Roboter nicht nur freundlicher, sondern uns auch ähnlicher sein, damit wir sie besser akzeptieren?
Takayama: Nein, Roboter müssen nicht zwingend wie Menschen aussehen. Wir gehen oft fälschlicherweise davon aus, dass sie Augen, einen Mund haben und sprechen müssen. Aber das hängt stark von ihrem Zweck ab. Vielleicht ziehen es Menschen vor, beim Einchecken in ein Hotel mit einem Roboter zu sprechen, der aussieht wie ein Mensch. Aber für einen Roboter, der in einem Büro Papiere ausliefert, kann ein Bildschirm mit Text ausreichen. Man will ja nicht, dass dieser Roboter durch den Flur läuft und mit jedem ein Pläuschchen hält.

Schon heute bauen wir ständig Bindungen zu Gegenständen auf.

WIRED: Würde eine menschliche Form die Roboter davor schützen, dass man ihnen den Stecker zieht? So wie es zum Beispiel in Krankenhäusern mit Robotern passiert, die zwar gut darin sind, Handtücher zu verteilen, dabei aber oft im Weg stehen?
Takayama: Die Akzeptanz von Robotern ist nicht von ihrem Aussehen abhängig, sondern davon, dass sie für Menschen designt sind. Ein Stück zur Seite zu gehen, ist reine Höflichkeit. Es ist möglich, diese sozialen Fähigkeiten in Roboter einzubauen.

WIRED: Jetzt haben wir viel über Skepsis und Angst gesprochen. Gleichzeitig gibt es auch die Möglichkeit, dass sich Menschen in Roboter verlieben, oder?
Takayama: Sicher wird es Menschen geben, die sagen oder fühlen, dass sie eine Maschine lieben. Schon heute bauen wir ständig Bindungen zu Gegenständen auf. Ich vermute, dass das mit interaktiven Objekten noch stärker ist. Aber dabei geht es um mehr als nur Liebe und Ehe. Das hat größere Implikationen, als die Möglichkeit, dass ein Mensch irgendwann irgendwo einen Roboter heiraten wird.

WIRED: Was meinen Sie damit?
Takayama: Menschen sind keine Maschinen, wir sind nicht komplett rational. Wenn wir die Welt verstehen wollen, nehmen wir Abkürzungen. Roboter-Entwickler könnten das zu ihrem Vorteil nutzen. Wenn uns beispielsweise ein Roboter überzeugen will, eine Jacke zu kaufen, könnte er bestimmte soziale Überzeugungstaktiken anwenden. Weil aber jetzt der Roboter der aufdringliche Verkäufer ist, sind wir vielleicht nicht gewappnet, um ihn abzuwehren. Diese Art von Druck wird unterschwellig sein. Damit das funktioniert, muss der Roboter nicht humanoid sein.

WIRED: Brauchen wir dann neue Regeln und Gesetze oder müssen wir einfach lernen, wachsamer zu sein?
Takayama: Dafür werden wir neue soziale Normen entwickeln, denke ich. Einer der Gründe, warum ich häufiger öffentliche Vorträge halte, ist, um mehr Menschen zu involvieren. Zum Beispiel auch politische Entscheidungsträger: Wenn es Dinge gibt, die reguliert werden müssen, dürfen sie davon nicht überrascht werden. Ein anderer Aspekt von Sicherheit ist das Bewusstsein für Verantwortung: Wenn ich für die Handlungen meiner Maschine vor Gericht verantwortlich bin, muss ich mir dessen auch bewusst sein. Ich muss mich um die Sicherheit der Menschen, die beispielsweise unter meiner Drohne stehen, kümmern.

WIRED: Welche Rolle werden Roboter in unserer Gesellschaft übernehmen?
Takayama: Ich fände es gut, wenn wir Roboter für Menschen bauen, die nicht unbedingt verstehen müssen, was ein Roboter ist und trotzdem von ihm profitieren können. Sie könnten zum Beispiel die Kanalisation unter der Stadt warten. Davon profitieren alle Menschen, ohne dass sie genau wissen, wie das funktioniert.

WIRED: Wie erreichen wir eine solche Zukunft?
Takayama: Roboter müssen einfacher zu bedienen sein. Derzeit braucht man dafür einen Doktor in Robotik. Das schränkt auch ihre Einsatzgebiete ein: Zur Zeit produzieren wir Roboter, um dreckige, gefährliche und langweilige Dinge zu tun. Aber was wäre, wenn wir Roboter bauen, die von Architekten, Künstlern oder Politikern genutzt werden können? Wenn wir diese Werkzeuge Menschen in die Hand geben, die ganz andere Fähigkeiten und Perspektiven haben? Ich denke, dann werden wir eine sehr interessante Zukunft erleben.

Leila Takayama ist auch eine der Speakerinnen auf der Falling Walls Konferenz am 8. und 9. November in Berlin.