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Vom ewigen Kampf gegen die Newsletter-Flut

Johnny Haeusler 08.11.2017 Lesezeit 5 Min

Je mehr sich unser Kolumnist bemüht, ungewollte Newsletter abzubestellen, desto mehr davon bekommt er. Zeitraubend, ärgerlich, kontraproduktiv. Sein Rat an die PR-Agenturen: „Stop it. Ich beginne mit der ersten Mail, euch scheiße zu finden.“

Vor einigen Wochen habe ich angefangen, mich um meine Emails zu kümmern. Genauer gesagt: Um die Emails, die man einfach so bekommt, ohne je darum gebeten zu haben. Die Emails, die keine Antwort benötigen, keine für mich hilfreiche oder wichtige Information beinhalten und die einfach überhaupt nichts mit mir, meiner Arbeit, oder meinen Interessen zu tun haben. Und dabei meine ich nicht den üblichen Spam, den ich eigentlich kaum noch zu Gesicht bekomme. Sondern durchaus von Agenturen bewusst versendete „News“.

Um ein tl;dr vorwegzunehmen: Je mehr ich mich darum kümmere, diese Newsletter abzubestellen, desto mehr davon bekomme ich. Und das raubt mir kostbare Zeit, ärgert mich in manchen Fällen sehr und nervt wie Sau.

Seit Jahren lasse ich meine nicht-geschäftlichen Mails von einem kostenpflichtigen Dienst vorsortieren, dem man allerdings für gutes Funktionieren Zugriff auf die eigenen Mails gewähren muss. Ich habe einen Folder namens „Later“, in der alle Mails landen, die nicht zu einer bereits geführten Konversation gehören und die eben warten können, und einen weiteren mit dem Titel „News“, in dem – Überraschung – alle Newsletter, PR und andere Massen-Infos landen. Was übrig bleibt, bleibt in der regulären Inbox.

Das funktioniert überraschend gut und hält meine Inbox recht übersichtlich.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es  an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Bei den anderen beiden Mailboxen sieht das anders aus. Mit den häufig völlig verrückten, oft endlosen „Leserbriefen“ kann ich leben als jemand, der in der Öffentlichkeit arbeitet. Schließlich will ich für die vernünftigen und interessanten Mail-Kommentare offen sein, die eben glücklicherweise auch kommen. Einen Idioten-Filter gibt es halt noch nicht, und schließlich sprechen wir in meinem Fall bei solchen Mails von echten Menschen von einem oder mal zwei Dutzend Mails täglich, das ist also überschaubar.

Mehrere hundert, an Freitagen auch gerne mal weit über eintausend News-Mails pro Tag sind jedoch nicht mehr zu ertragen. Klar könnte ich die wenigen Newsletter, die ich tatsächlich abonniert habe, erneut sortieren und die anderen automatisch löschen. Das kann aber zu „False Positives“ führen, es gibt ja tatsächlich auch einige News, die ich bestellt habe und die ich lesen möchte und diese ganzen Sortierungen und Filter dauernd zu betreuen ist mir zu anstrengend.

Ich sehe nicht ein, wieso ich die Arbeit anderer Leute machen soll

Ich sehe auch nicht ein, wieso ich die Arbeit anderer Leute machen soll, die schließlich genauen Gesetzesvorlagen unterliegen. In Deutschland gilt für E-Mail-Werbung, Newsletter und ähnliche Info-Mails das Opt-in-Verfahren, jede Mail müsste also von mir explizit bestätigt sein, ansonsten kann der Versender abgemahnt werden (als hätte ich nichts zu tun …). Leider ist dieser Umstand selbst vielen größeren PR-Agenturen nicht bewusst, in manchen News und Pressmeldungen gibt es auch den ebenfalls vorgeschriebenen Link zur schnellen Abbestellung nicht.

Dass mein Einverständnis in den entsprechenden Fällen nicht vorliegt, beweist in 100 Prozent der ärgerlichen Mails die Adresse, an die sie gehen. Sie ist auf einer Website angegeben, wird aber ansonsten nie benutzt, ich kann auf dieser Adresse zwar empfangen (sie wird umgeleitet auf einer meiner „echten“ Adressen), aber nicht senden. Ich kann diese Mailadresse daher auch niemals bestätigt haben.

Bevor ich zu weiteren Einstellungs- und Filtermaßnahmen greifen wollte, entschied ich mich also vor kurzem dazu, diese Mails nicht mehr in einem täglichen Schnell-Scan-Verfahren manuell zu löschen, sondern jede einzelne tatsächlich abzubestellen. Über den „Unsubscribe“-Link, wenn vorhanden, oder mit einer kurzen Mail.

Die Themenbereiche der News werden täglich absurder

Und ich werde das Gefühl nicht los, dass das ein großer Fehler war. Denn die Menge der Mails im Bereich der nicht angeforderten News hat nicht abgenommen, ganz im Gegenteil. Und nicht nur das: Die Themenbereiche der News werden täglich absurder. Ging es bisher immerhin hauptsächlich noch im weitesten Sinne um Musik, Technik, Interweb, Kultur, Kunst und andere Bereiche, die mich generell interessieren könnten, erhalte ich mittlerweile News zum Hotelmarketing in Südost-Tirol oder von chinesischen Fachverbänden in Deutschland.

Ich werde also wohl doch mehr Zeit investieren, Mailadressen ändern und noch mehr automatisiert sortieren bzw. löschen müssen. Dennoch interessiert mich natürlich, wieso Abbestellungen zu noch mehr Info-Spam führen, der nicht im Spam landet. Die großen Service-Anbieter im Newsletter-Bereich schließe ich aus beim Verdacht von Adressenweitergabe, ihr Ruf, ihr Geschäft hängt von sauberer Arbeit ab.

Auffällig waren bei einigen Abbestellungen per Klick diverse, nur manchmal sichtbare Re-Directs, also Aufrufe von Websites, bevor ich schlussendlich auf einer Seite landete, die meine Abmeldung bestätigte. Und nicht selten fiel mir dabei auf, dass Facebook-URLs aufgerufen wurden, bevor es weiterging zur Abmeldung.

Bitte NICHT per Mail

Nun kenne ich mich mit dem Newsletter-Versand via Facebook null aus, ich habe nicht einmal eine Ahnung, ob Facebook das überhaupt anbietet. Wieso aber sonst eine Newsletter-Abmeldung den Facebook-Umweg nehmen sollte, weiß ich auch nicht. Vielleicht haben Leserinnen und Leser mehr Ahnung (ganz bestimmt sogar), Hinweis nehme ich gerne per Twitter entgegen. Bitte NICHT per Mail …

Und an alle Agenturen, News- und andere Infoverschicker, die Mailadressen ohne Zustimmung in Listen eintragen oder gar kaufen, hier noch mein gut gemeinter Rat: Stop it. Ich bekomme persönliche Aversionen gegen eure Produkte oder Dienstleistungen, wenn ihr mir Meldungen schickt, um die ich nicht gebeten habe. Ich beginne mit der ersten Mail, euch scheiße zu finden. Ich erzähle meinen Bekannten, was für schlechte Waren ihr anbietet und dass ihr Katzen quält. Ich trage alle eurer Mailadressen auf Spam-Listen ein, engagiere russische Hacker oder hetze Trump-Anhänger auf euch. So.