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Unsere mobile Zukunft hängt auch von Grafikkarten-Herstellern ab

Benedikt Plass-Fleßenkämper 10.01.2017

Elektrisch, autonom und voll vernetzt soll die mobile Zukunft sein. Doch dieses Ziel können die Autobauer nur mithilfe der richtigen Hard- und Software-Hersteller erreichen. Ohne Nvidia, Intel oder Microsoft geht es offenbar nicht, das zeigte die CES 2017 ganz deutlich. WIRED gibt einen Überblick, wer bei Thema „Auto von morgen“ mit wem zusammenarbeitet – und warum.

Dass die deutschen Autobauer sich den Vorsprung des Silicon Valley nicht gefallen lassen wollen, war auch bei der gerade beendeten Tech-Messe CES in Las Vegas zu spüren: Mercedes, Audi, BMW und Co. überschlugen sich fast mit Neuankündigungen und Enthüllungen. Sie betrafen nicht nur die E-Mobilität, sondern etwa auch autonom agierende Fahrzeuge. Dabei gab es einen deutlichen Trend zu beobachten: Bei der Technik von morgen verlassen sich die PKW-Produzenten nicht mehr allein auf ihre eigene Ingenieurskunst, sondern setzen verstärkt auf Kooperationen mit Tech-Startups, Software-Unternehmen und Chipherstellern.

Denn neben der Elektrifizierung steht vor allem die Digitalisierung auf der Agenda ganz oben. Schalter und Knöpfe waren gestern, Touch-Displays und virtuelle Tasten wie beim HoloActive Touch-System von BMW sollen den Innenraum revolutionieren. Einerseits, um die Bedienung komfortabler und auch sicherer zu gestalten. Andererseits, weil die Autos von morgen verstärkt das Flair eines Wohnraumes vermitteln sollen. Dieser Schwenk geht mit einer weiteren Entwicklung einher: dem autonomen Fahren.

Den aktuellen Visionen nach soll der PKW der Zukunft immer seltener von Menschen gelenkt werden und stattdessen von intelligenten Bordcomputern. Dadurch kann sich das Auto auch in eine Art smartes Fuhrunternehmen verwandeln, es wird quasi zum Robotertaxi. Der eigene Wagen, von vielen bislang als Eigentum und Statussymbol angesehen, könnte so zum Gegenstand der Sharing Economy werden. Manche Autohersteller gehen dieses Konzept ganz offensiv an. Zum Beispiel Honda mit dem NeuV – einem Auto, das sich quasi selbst verleiht, indem es selbstständig neue Kunden zum Transportieren sucht.

Schlauer Zweisitzer: Hondas NeuV (New Electric Urban Vehicle) soll seinem Besitzer als intelligenter Carsharing-Partner Geld einbringen

Elektrisch betriebene, voll digitalisierte und vernetzte Fahrzeuge, die zudem autonom agieren – so stellen sich auch Deutschlands Autobauer die Zukunft vor. Ein Vorhaben, das sie aber nicht alleine umsetzen können. Das zeigen die letzten Monate und besonders die CES 2017. TechCrunch ist der Meinung, Nvidia gehöre zu den größten Gewinnern der Elektronikmesse. Denn der Konzern stellt nicht nur Grafikchips her, sondern auch Prozessoren für eine eigene Künstliche Intelligenz (KI). Die sogenannte Nvidia Drive PX2 kommt in selbstfahrenden Autos zum Einsatz, beispielsweise in denen von Audi.

Nvidia gab auf der CES eine Kooperation mit den Ingolstädtern bekannt, und auch die Konzernmutter Volkswagen will mit den Kaliforniern gemeinsame Sache machen. Außerdem arbeiten auch Daimler sowie Bosch und ZF mit dem „unscheinbaren Grafikkartenhersteller“ zusammen.

Ein anderer Chipfabrikant, der sich nun ebenfalls im Bereich der intelligenter werdenden Autos engagiert, ist Intel. Die US-Firma kooperiert mit BMW, um gemeinsam autonome Autos zu entwickeln. Diese werden unter anderem nördlich von München, in Unterschleißheim, konzipiert und getestet.

Doch nicht nur die Chip- und Hardware-Produzenten werden für die Autohersteller immer wichtiger, auch die Anbieter von Software-Lösungen profitieren vom Digitalisierungsboom. So will Mercedes seine Autos in Zukunft mit Google Home vernetzen, Renault-Nissan setzt auf Microsofts Azure-Cloud, VW möchte Amazons Sprachassistentin Alexa in seine Fahrzeuge bringen und ein Konsortium bestehend aus Audi, BMW und Daimler treibt den Google-Maps-Konkurrenten HERE voran, indem es seine Fahrzeuge untereinander vernetzt.

Vorreiter: Tesla arbeitet schon länger an digitalisierten und selbstständig agierenden Autos

Was zeigt uns das alles? Die Autobauer sind aufgewacht – oder besser: aufgerüttelt worden –, weil ihnen kleine, neue Konkurrenten gezeigt haben, wo die Zukunft des Autos liegt. Elektrische Fahrzeuge mit großen Reichweiten, digital vernetzt und mit einem – mehr oder weniger funktionierenden – Autopiloten. Das hat Tesla schon längst im Angebot. Private Fahrzeuge, die als Taxis dienen – das kennt man schon von Uber und Lyft. Und auch diese Anbieter wollen schnellstmöglich den Menschen hinter dem Steuer abschaffen und durch KIs ersetzen.

Die Autoindustrie ist in einem gewaltigen Umbruch und die alteingesessenen Player – auch die deutschen – hecheln den neuen Treibern hinterher. Der Startup-Seriengründer und -Investor Frank Thelen sieht das als beschämend und enttäuschend an, wie er es kürzlich im WIRED-Interview sagte.

Thelens Meinung ist nachvollziehbar. Denn man muss auch hinter die Fassade der Pressemeldungen und auf Hochglanz polierten Prototypen schauen: Die visionäre Zukunft von VW, Mercedes, Audi oder BMW beginnt nicht 2017 und auch nicht 2018. Wenn die Hersteller ihre vollmundigen Versprechen halten können, werden erst ab dem Jahr 2020 die ersten wirklich sinnvollen Elektroautos auf den Markt kommen. Und die autonom agierenden Fahrzeuge seien noch viele weitere Jahre von einer Serienfertigung entfernt, glaubt unter anderem Gill Pratt, der Leiter von Toyotas Research Institute. Den Autoherstellern und ihren neuen Partnern steht noch viel Arbeit bevor.

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