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„Mit Unternehmen lässt sich reden, mit Staaten nicht“: Tor-Chefin Shari Steele im Interview

Max Biederbeck 15.03.2016

Rund zwei Millionen Nutzer am Tag hat das Tor-Netzwerk nach eigenen Angaben. Es ist das weltweit bekannteste Tool, um sich im Internet unsichtbar zu machen und das Dark Web zu betreten. Während in den USA der Streit um die Entsperrung eines iPhones zwischen Apple und dem FBI eskaliert, ist Tor schon länger der geheime Staatsfeind der Behörden. Bekämpft wird er am Rande der Legalität und mit allen Mitteln. Wir haben Tor-Leiterin Shari Steele über die momentane Lage ihres Projekts gesprochen.

Das Tor Project hat viele Gegner. Sie sitzen in Behörden, arbeiten in großen Internet-Unternehmen und sie finden sich in der durch Terror verunsicherten Bevölkerung. Kritiker stellen die Frage: Ist ein Netzwerk, das einen rechtsfreien Raum im Internet eröffnet, wirklich eine gute Sache? Anderen geht Tor wiederum noch nicht weit genug. Sie befürchten, dass die verschlüsselte und maskierte Internetverbindung in Wahrheit immer unsicherer wird. Zu oft war das Netzwerk zuletzt wegen Hackerangriffen und Sicherheitslücken in den Schlagzeilen.

Gerade vergangene Woche etwa, als Programmierer Jose Carlos Norte in einem Blogpost erklärte, er könne Tor-Nutzer ohne Weiteres identifizieren. Er umging das System, indem er die CPU-Geschwindigkeiten, Bildschirmauflösung und das Mausrad-Verhalten der User festhielt – ein digitaler Fingerabdruck und für Norte eine gut gemeinte Fallstudie. Schon im Februar hingegen bewiesen Gerichtsdokumente, dass das US-Verteidigungsministerium die Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh dafür bezahlte, Software gegen das Tor-Netzwerk zu entwickeln.

Shari Steele, Leiterin des Tor Project

All diese Ereignisse fallen in eine turbulente Zeit. Vor allem in den USA wird gerade heftig darüber gestritten, wie stark der Staat in die digitale Privatsphäre seiner Bürger eingreifen darf. Und darüber, inwieweit ihm Unternehmen und Organisationen dabei helfen müssen. Am stärksten entzündet sich dieser Kulturkampf, die so genannte Going-Dark-Debatte, gerade am Wunsch des FBI, das iPhone eines der San Bernadino-Attentäter zu entschlüsseln. Apple weigert sich, dabei zu helfen. Diese Woche zeigten neue Dokumente, dass auch WhatsApp gezielt überwacht werden sollte. Der Streit ist schon soweit im Mainstream angekommen, dass sogar der Politsatiriker John Oliver sich des Themas in seiner Show „Last Week Tonight“ annahm.

Leben wir also in einer Zeit, in der Tor wichtiger ist denn je? Über genau diese Frage hat WIRED mit Shari Steele, der neuen Leiterin des Projekts, gesprochen.

WIRED: Sie waren fünfzehn Jahre bei der Electronic Frontier Foundation, jetzt kämpfen sie als Leiterin von Tor für Privatsphäre im Netz. Dennoch brauchte es ein Unternehmen wie Apple, um endlich den Mainstream auf das Thema aufmerksam zu machen. Neidisch?
Shari Steele: Ach was, kein Neid. Ich glaube, die haben brillantes Marketing gemacht. Es war schlau zu zögern und keine Informationen herauszugeben. Jetzt kann Apple sagen: Hey, wir legen wirklich Wert auf Privatsphäre.

Ich glaube nicht, dass Apple jemals wirklich kämpfen wollte.

WIRED: Also alles nur eine Marketing-Strategie?
Shari Steele: Wie viele andere Unternehmen handelt Apple im Eigeninteresse. Man hat dort erkannt, dass die Situation zu einem Dilemma werden kann. Gibt man die Daten heraus, könnte das Kunden verprellen. Gleichzeitig könnte das aber auch passieren, wenn Apple nicht bei der Aufklärung hilft. Aber wenn das Unternehmen nur ein bisschen die Muskeln spielen lässt und sich für die Sache einsetzt, um letztlich doch nachzugeben – dann sind am Ende alle zufrieden. Ich glaube nicht, dass Apple jemals wirklich kämpfen wollte.

WIRED: Das sind schwere Vorwürfe, Apple leistet doch wirklich erbitterten Widerstand.
Steele: Wenn Apple sich ärgert, dann doch darüber, dass aufwändiges Coding notwendig sein wird. Nur so können die Informationen beschafft werden, die das FBI haben möchte, Apple kann die Daten nicht einfach aus einer Cloud herunterladen und weiterreichen. Für mich als Bürgerrechts-Anwältin ist das frustrierend.

WIRED: Weil Sie selbst dafür kämpfen, genau solchen Forderungen nicht nachgeben zu müssen?
Steele: Richtig, wir würden einer Behörde nie eine Hintertür zu unserem System zugestehen.

Es muss immer Gruppen geben, die von außen kämpfen, und dazu gehören wir.

WIRED: Deshalb versucht es die Regierung bei Ihnen mit Gewalt. Ständig gibt es Versuche, das Tor-Netzwerk zu infiltrieren. Zuletzt etwa die finanzielle Unterstützung von Sicherheitsforschern der Carnegie Mellon Universität, die in Ihr System einbrechen sollten.
Steele: Nach 9/11 kam der Patriot Act und packte alle möglichen Überwachungsmaßnahmen, gegen die wir seit Jahren gekämpft hatten, in ein Gesetz. Das funktionierte, weil die Menschen Angst hatten. Emotionen sind ein starkes Instrument beim Thema Überwachung. Das hat sich auch nach Paris und San Bernardino wieder gezeigt. But Privacy has to fight back! Ich will den Menschen klar machen, dass Tor der Weg ist, unsere private Kommunikation vor staatlichen Behörden zu beschützen.

WIRED: Dabei stammt ein großer Teil ihrer Finanzierung noch immer von staatlicher Seite.
Steele: Wir versuchen gerade, das zu beheben und unsere Finanzierung breiter aufzustellen, etwa durch erfolgreiche Crowdfunding-Kampagnen.

WIRED: Die staatliche Unterstützung zeigt aber doch auch Wohlwollen für Ihre Idee, das haben Sie selbst immer wieder in Interviews betont. Vielleicht wäre bessere Zusammenarbeit ein Mittelweg?
Steele: Das geht nicht. Am Ende müssten wir Kompromisse eingehen, die zu weit gehen. Es muss immer Gruppen geben, die von außen kämpfen, und dazu gehören wir. Wir stellen Software her, die dir die Möglichkeit gibt, zu tun, was du willst. So etwas kann keinen Regierungsstempel bekommen, in keinem erdenklichen Szenario.

WIRED: Selbst, wenn Drogen über das Netzwerk gehandelt, Kinderpornos vertrieben und Anschläge geplant werden?
Steele: Selbst dann. Menschen sollen Tor nutzen, um ihre Meinung sagen zu können. In vielen Ländern droht ihnen dafür die Todesstrafe. Noch einmal, wir können nichts für Regierung und Polizei tun. Übrigens, das Thema Kinderpornografie wird schon lange für Schmierkampagnen gegen uns benutzt.

WIRED: Sie beziehen sich auf Beschuldigungen seitens der Staatsanwaltschaft aus dem vergangenen Jahr.
Steele: Richtig, nachweisliche falsche Beschuldigungen. Auch sehr schön: „Tor hat den Terroristen von Paris ermöglicht, ihre Anschläge zu planen“ – obwohl die Attentäter unser Netzwerk gar nicht verwendet haben.

Soziale Netzwerke sollten keinen Einfluss nehmen. Wenn dort etwas Illegales passiert, müssen die Behörden sich selbst darum kümmern.

WIRED: Klingt nach einem ziemlich dreckigen Spiel.
Steele: Eines meiner Hauptanliegen ist es, das zu entlarven. Niemand hier bei Tor will, dass Kriminelle das Netzwerk missbrauchen. Es geht uns allen um Freiheit. Ja, es gibt Verbrechen im Netzwerk. Und ja, es kann Kollateralschäden geben. Doch das FBI nutzt die Angst davor, um die öffentliche Meinung zu manipulieren und die eigene Agenda voranzutreiben. Die Leute müssen verstehen, dass wir neutral sind. Wir stellen nur die Technik.

WIRED: Ihre Einstellung erinnert ein wenig an die Debatte um Hatespeech und IS-Aktivitäten auf Facebook. Sehen Sie soziale Netzwerke nicht in der Verantwortung, etwas dagegen zu tun?
Steele: Nein, das ist nicht ihre Verantwortung, Netzwerke sollten keinen Einfluss nehmen. Wenn dort etwas Illegales passiert, müssen die Behörden sich selbst darum kümmern. Und zwar ohne das Netzwerk zu unterwandern, wie es in unserem Fall passiert ist. Ich weiß, dass das schwierig ist, aber Polizei und Geheimdienste müssen mit den legalen Mitteln arbeiten, die ihnen zur Verfügung stehen.

WIRED: Behörden sind die eine Sache, Unternehmen die andere. Immer mehr Websites sperren Usern den Zugang, wenn sie Adblocker benutzen – oder eben auch Tor. Denn Sie zerstören deren Geschäftsmodell, das auf Daten basiert.
Steele: Die Datensammelwut betrifft ja nicht nur uns, sondern macht allen Privacy-Aktivisten Sorgen. Aber ja, das ist ein neues Problem und auch wir haben damit zu kämpfen. Wir arbeiten gerade daran: An technischen Umgehungs-Strategien zum Beispiel. Wir reden aber auch mit den Leuten, die solche Probleme verursachen.

WIRED: Mit den großen Unternehmen lässt sich also reden, da gibt es plötzlich einen Mittelweg?
Steele: Wenn das FBI spezifische Informationen zu einer Person will, dann ist das keine Verhandlungsfrage für uns. Wenn eine Firma Tor blockiert, dann können wir eine Unterhaltung führen. Manchmal machen die Unternehmen das absichtlich, meistens wollen sie aber nur Spam, Bots oder Malware vermeiden. Wir verfangen uns bloß in diesem Netz, diese Seiten haben eigentlich nichts gegen Tor-User.

Es geht mir darum, dass Menschen sagen können, was sie wollen.

WIRED: Vielleicht doch, weil sie mit ihnen weniger Geld verdienen.
Steele: Selbst Datensammler verstehen das Anliegen von Tor, es geht ja auch nicht darum, ein Geschäftsmodell kaputt zu machen. Mit Unternehmen lässt sich über solche Dinge reden, mit Staaten nicht.

WIRED: Also ist es ok für Sie, wenn Facebook eine „Filiale“ im Tor-Netzwerk eröffnet?
Steele: Leute sind oft verwundert, das zu hören. Aber sehen Sie sich das ganze doch mal an: Facebook will Usern nur helfen, den Zugang zu seinem Netzwerk zu verbergen. Danach sind sie ja freiwillig Teil davon. Manchmal ist es gut, dass Menschen in autoritären Regimen Facebook im Geheimen aufrufen können, um darüber mit der Welt zu kommunizieren.

WIRED: Aber in dem Moment geben sie doch ihre Anonymität direkt wieder auf. Tipp des Tages: Behörden, vergesst Tor, konzentriert euch auf Facebook!
Steele: Ich glaube nicht, dass unsere Heavy-User viel bei Facebook unterwegs sind. Noch mal, Tors große Stärke ist seine Neutralität. Wenn User einen Facebook-Zugang wollen, können sie ihn haben, und wenn sie ein anonymes Dark Web brauchen, können sie auch das erschaffen. Wir haben vor keiner dieser Entwicklungen Angst.

WIRED: Freiheit über alles. Die amerikanischen Republikaner sollten eigentlich ihre besten Freunde sein.
Steele: Ja, ich glaube, da hat mich mein kultureller Hintergrund eingeholt. Ich habe als Anwältin für Meinungsfreiheit angefangen, Privacy-Themen kamen erst später dazu. Es geht mir immer darum, dass Menschen das sagen können, was sie wollen. Tatsächlich haben viele Republikaner ähnliche „Halt die Regierung aus meinem Leben heraus“-Ansichten. Und ich weiß schon, was jetzt in Ihrem Kopf vorgeht – aber nein, wir werden jetzt nicht über Donald Trump reden!

Mehr zum Thema: Das große WIRED-Special zum Thema Privatsphäre im Netz 

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