Tim Cannon über die Optimierung des eigenen Körpers und die Diskriminierung ihrer Verweigerer

WIRED Staff 10.10.2014 Lesezeit 3 Min

Tim Cannon ist Bio­-Hacker, Transhumanistund Mitbegründer des unabhängigen Labors Grindhouse Wetware. Für WIRED schreibt er über die Optimierung unserer Körper und seine Vision für die Cyborg-Gesellschaft.

Obwohl ich mich eigentlich eher als bodenständigen Programmierer und Softwareentwickler ver­stehe, fahre ich regelmäßig zu Kongressen, auf denen ich über Biohacking referiere. Es überrascht mich immer wieder, dass ich dort nur selten auf die technischen Details angesprochen werde, dafür umso mehr auf philosophische Aspekte.

Viele haben Probleme mit der Vorstellung, ihren eigenen Körper auf die eine oder andere Art zu optimieren – ich kann diese Zweifel nachvollziehen. Vergleichsweise leicht fällt es uns dagegen, zu akzeptieren, dass ein anderer Mensch in bestimmten Bereichen besser, stärker, talentierter ist als wir. Denn wenn wir uns nur genug anstrengen, glauben wir, können wir mit ihnen gleichziehen. Wie falsch diese Annahme sein kann, zeigt uns unter anderem der Fortschritt in der genetischen Forschung. Viele Olympiasieger, das wissen wir heute, haben in der Tat einen genetischen Vorteil, der von anderen durch Training nicht aufzuholen ist.

Ich bin überzeugt, dass Wearables zunehmend in den Körper hineinwandern, ihre Träger biologisch verändern werden.

Wenn Person A allerdings so viel besser ist als Person B, dass die Differenz auch durch Genetik nicht mehr zu erklären ist, wird es interessant. Sollten bestimmte Jobs in Zukunft nur noch an diejenigen gehen, die einer Optimierung ihrer Körper zugestimmt haben, ist Ärger vorprogrammiert: Man wird den Arbeitgebern (zu Unrecht) Diskriminierung vorwerfen. Heißt das langfristig, dass diejenigen, die sich dem Enhancement verweigern, ihr Standing in der Welt verlieren werden? Ich denke: Ja, absolut. Sie haben eine Entscheidung getroffen, die ihre eigene Relevanz für die Welt von morgen eindeutig mindert.

In den USA gibt es be­kanntlich Amish-Kolo­nien, die den technologischen Fortschritt wissentlichab­lehnen. Natürlich existiert ein gesellschaftlicher Konsens, dass jeder das Recht hat, nach eigener Fasson glücklich zu werden. So wird es in der Zukunft auch denen gehen, die auf die Erweiterung ihres biologischen Potenzials verzichten. Sie werden sich als Gleichgesinnte in Gruppen zusammenfinden, während der Rest der Gesellschaft den Weg des Fortschritts weiterverfolgt – die Innovationen werden letztlich allen zugutekommen.

Natürlich treffen in der Regel nur 20 Prozent unserer Prognosen wirklich ein: In Star Trek sah man zwar schon so etwas wie Handys, doch Captain Kirk spielte trotzdem nie Angry Birds. Dass die Wearables von heute aber zunehmend in den Körper hineinwandern, ihre Träger biologisch verändern werden – davon bin ich überzeugt. Auch Leute, die aus freier Entscheidung ohne Fernsehen oder Internet leben, wird es immer geben. Aber sie werden akzeptieren müssen, dass sie die gesellschaftliche Verantwortung an eine andere Gruppe abgegeben haben. Und die wird die Welt gestalten.