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Geht Google beim Thema Privatheit jetzt endgültig zu weit?

Johnny Haeusler 06.10.2017 Lesezeit 4 Min

Unser Kolumnist findet die neuen Produkte von Google einfach wahnsinn. Dennoch stellt er sich schmerzlicher denn je die Frage: Greift der Konzern jetzt endgültig zu viel in die Privatheit seiner Kunden ein?

Ein schickes neues Produkt-Lineup hat Google da präsentiert. Das Pixel gehörte schon vor der neuen Version 2 zu den besten Android-Smartphones, der Laptop-/Tablet-Mix Pixelbookund die In-ear-Kopfhörer Pixel Buds kommen äußerst elegant daher (und auch, wenn sich bereits andere Headsets an Simultanübersetzungen versuchen, könnte Googles Know-how und die Verschmelzung von Hard- und Software das System wirklich benutzbar machen), und überhaupt zeigt die ganze Produktpalette modernes, gar wohnliches, angenehmes Design und wirkt wie aus einem Guss. Jahre, nachdem Apple Technologie zu Lifestyle-Accessoires gemacht hat, gibt es nun endlich ebenbürtige Gadgets auch von Google, die sicher nicht nur Nerds ansprechen.

Warum die intelligente Mini-Kamera Google Clips, die sicher nicht nur mich an Dave Eggers The Circle erinnert, und das Pixelbook nicht in Deutschland verfügbar sein werden, wissen wir nicht genau, im Fall von Clips dürfte diese Nachricht aber keine Massentrauer auslösen. Von den Neuvorstellungen halte ich Clips für das einzige Produkt, das ein Flop werden wird. Die Notwendigkeit, eine externe Kamera (die dennoch manuell ausgerichtet werden muss) selbst entscheiden zu lassen, wann und wie Fotos gemacht werden, erschließt sich mir einfach nicht. Hätte Google eine kleine, leise Kamera-Drohne mit Motion Tracking für den Hausgebrauch vorgestellt, hätte ich einen Run auf das Produkt erwartet, bei Clips bin ich eher unterwältigt.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es  an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Und dann gibt es da ja noch diesen anderen Faktor. Mit Google Home-Lautsprechern platziert Google (wie auch Amazon, demnächst Apple und viele andere Hersteller) seine Ohren in unseren Wohnungen, mit Clips auch noch Augen. Ich weiß: Googles Lautsprecher übertragen nicht alles Gesprochene ins Netz, sondern warten auf das Signal „OK Google“ und starten dann ggf. eine Abfrage. Und bei der Präsentation von Clips wurde betont, dass die „Magie“, also die künstliche Intelligenz, nur innerhalb der Kamera stattfindet, nicht im Netz.

Doch ähnlich, wie Google die Metadaten unserer Mails für Werbezwecke nutzt, wird das auch der Fall von Sprache und Fotos sein. Bilder von Clips werden schließlich zum Smartphone gesendet und von dort in der Bilderwolke gespeichert, und es genügt Google, zu wissen, welche Motive (Katzen, Hunde, Kinder) mit welchem Gerät (Smartphone oder Clips) von welchen Nutzern zu welcher Zeit an welchem Ort gemacht wurden, um für Werbekunden relevante Informationen gesammelt zu haben. Das ist das Geschäftsmodell von Google, die größte Einnahmequelle, und darüber hört man nichts auf der Keynote.

Ich kenne genügend Menschen, denen das alles völlig egal ist. Und ich mag Google selbst ebenfalls genug, um bei sehr guten Produkten wie Gmail oder Google Calendars die Auswertung meiner Metadaten in Kauf zu nehmen. Doch je invasiver Technologien werden, je stärker sie Teil meiner sehr persönlichen Wohn- und Privatlebensbereiche werden, desto vorsichtiger werde ich, desto unangenehmer wird mir der Umgang mit ihnen, desto öfter frage ich mich, ob ich das alles wirklich will. Und die Antwort ist immer häufiger: Nein.

Also zahle ich weiterhin ein wenig mehr Geld, um auf ausführlich dargestellten und größtmöglichen Schutz meiner persönlichsten Daten zu hoffen. Und darauf, dass es sich irgendwann für weitere Unternehmen einfach mehr lohnt, mir eben diesen Schutz zu verkaufen, statt mein Verhalten an Werbekunden. Ich habe als Geek und Gadget-Freak nämlich wirklich Lust auf diese ganzen neuen Technologien, aber nicht auf die Geschäftspraktiken dahinter. Stop selling my data, take my money instead.