/Mobility

Deshalb brauchen wir Smart Cities in Deutschland

Benedikt Plass-Fleßenkämper 19.09.2017 Lesezeit 9 Min

Immer mehr Experten aus der Wirtschaft und Politiker fordern: Deutschland darf den digitalen Wandel nicht verpassen. Nicolas Sonder, Senior Manager bei KPMG Law und Spezialist für den technologischen Wandel im öffentlichen Sektor, erklärt im WIRED-Interview, warum Deutschland das Thema Smart Cities mit Nachdruck verfolgen muss.

Mehr Grünflächen, weniger Beton. Fahrradstreifen für E-Bikes statt mehrspuriger Autobahnen. Elektroautos anstelle von Benzinern. Drohnen, die lebensnotwendige Medizin zu Patienten transportieren. Und Züge, die mit Highspeed durch Röhren rasen. So stellt sich Ford die Zukunft vor. Doch nicht nur der Autobauer träumt von der City of Tomorrow, die bislang unerreichbar schien und nur in Science-Fiction-Filmen real wurde.


Seit einigen Jahren nehmen die einstigen Visionen zunehmend klarere Formen an. Zahlreiche Kommunen und Unternehmen arbeiten Hand in Hand, um weltweit Städte in Smart Cities zu verwandeln. Damit soll das Leben der Bewohner angenehmer werden. Und durch digitale Dienste könnten die Herausforderungen der Zukunft gelöst werden. Denn die sind gewaltig: Im Jahr 2050 wird es laut einer Studie der Vereinten Nationen voraussichtlich knapp zehn Milliarden Menschen auf der Erde geben, davon zwei Drittel in Großstädten.


Um Platzmangel, Staus, Luftverschmutzung, Engpässe bei der Wasser-, Strom- und Nahrungsversorgung und weitere aufkeimende Probleme zu lösen, müssen Infrastrukturen digital und intelligent zugleich sein. Zum Beispiel könnten elektrisch betriebene, vernetzte und autonom fahrende Autos den drohenden Verkehrskollaps verhindern.

„Eine Smart City zeichnet sich durch Entwicklungskonzepte aus, die darauf abzielen, Städte effizienter, technologisch fortschrittlicher, grüner und sozial inklusiver zu gestalten“, sagt Nicolas Sonder vom Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG Law. „Smart Cities sind dabei vernetzter, nachhaltiger und umweltfreundlicher als andere Städte.“ Der Rechtsanwalt und Dozent erklärt im WIRED-Interview, welche Nachteile es hat, wenn deutsche Städte und Kommunen den Anschluss beim Thema Smart City verlieren.


Nicolas Sonder ist seit 2012 Rechtsanwalt bei KPMG Law und Leiter des Bereichs „Technologischer Wandel im öffentlichen Sektor“.

WIRED: Deutschland liegt bei der Digitalisierung im internationalen Vergleich zurück. Bei den Smart Cities scheint es nicht besser zu sein, oder?
Nicolas Sonder: Es gibt in Deutschland durchaus Ansätze von Smart Cities, wie sie international verstanden werden. Allerdings besteht auch hier Nachholbedarf, ganz besonders in mittelgroßen Städten. Metropolen wie etwa Berlin sind hingegen schon weiter.

WIRED: Wo stehen andere Länder in Sachen Smart Cities?
Sonder: Der Grad der Digitalisierung ist in Europa höchst unterschiedlich. Oft kann man es gar nicht an bestimmten Ländern festmachen: Es sind einzelne Städte, die sich besonders hervortun. Barcelona, Santander, Wien und Kopenhagen sind beim Thema Smart City sicherlich schon sehr weit. Das gilt aber nicht für alle Städte in Spanien, Österreich und Dänemark.

WIRED: Meist wird nur von Smart Cities – also smarten Städten – geredet. Was ist mit den Gemeinden und Dörfern?
Sonder: Gemeinden und Dörfern schenkt man in der Tat weniger Beachtung, sie werden aber nicht vergessen. Ihre Interessen werden im Rahmen der Diskussion um sogenannte Smart Regions aufgegriffen und dort auch berücksichtigt. Dahinter stecken Initiativen, mit denen Gemeinden und Dörfer intelligent und digital vernetzt werden sollen.

WIRED: Was sind die wichtigsten Voraussetzungen, damit Regionen und Städte wirklich smart werden können?
Sonder: Ganz wichtig sind eine starke digitale Infrastruktur, eine digitalisierte Verwaltung, die sich als moderner Dienstleister für die Bürger versteht, und ein technologiefreundliches Klima für Unternehmen.


WIRED: Klingt gut. Aber wer trägt die Kosten für diese groß angelegte Digitalisierung?
Sonder: Bislang müssen die Städte einen hohen Teil der Kosten selbst tragen. Fördermöglichkeiten gibt es zwar – gemessen an der Bedeutung von Smart Cities für die Zukunft aber definitiv noch zu wenig. Hier sollten EU, Bund und Länder noch mehr tun. Hin und wieder finden sich auch private Partner und Sponsoren für einzelne Projekte. Und immer mehr wird auch durch Wettbewerbe versucht, Städten Anreize bei der Finanzierung zu geben.

WIRED: Darmstadt trägt als erste Stadt den Titel „Digitale Stadt“. Zu Recht?
Sonder: Darmstadt hat auf jeden Fall Potenzial für eine digitale Stadt der Zukunft. Den Bitkom-Wettbewerb „Digitale Stadt“ hat die Stadt nicht ohne Grund für sich entschieden. Sei es die Mängelmelder-App, mit der man etwa Schlaglöcher melden kann oder die Digitalisierung des Klinikums – Darmstadt ist smart.

WIRED: Aktuell sieht es so aus, dass jede Stadt an einer Insellösung arbeitet – die Menschen benötigen für jede Stadt andere Apps. Wie könnte man diese „Inkompatibilität der Städte“ vermeiden?
Sonder: Gefragt sind hier zum einen Multiplikatoren wie beispielsweise Verbände. Zum anderen braucht es aber auch Unternehmen, die die Apps entwickeln. Aber ein Schema F für alle funktioniert eben auch nicht. Jede Stadt hat natürlich ihr Eigenleben und eigene Charakteristika, sodass jede Stadt auch individuelle digitale Lösungen benötigt.


Mehr Grünflächen, weniger Beton. Fahrradstreifen für E-Bikes statt mehrspuriger Autobahnen. Elektroautos anstelle von Benzinern. Drohnen, die lebensnotwendige Medizin zu Patienten transportieren. Und Züge, die mit Highspeed durch Röhren rasen. So stellt sich Ford die Zukunft vor. Doch nicht nur der Autobauer träumt von der City of Tomorrow, die bislang unerreichbar schien und nur in Science-Fiction-Filmen real wurde.



Seit einigen Jahren nehmen die einstigen Visionen zunehmend klarere Formen an. Zahlreiche Kommunen und Unternehmen arbeiten Hand in Hand, um weltweit Städte in Smart Cities zu verwandeln. Damit soll das Leben der Bewohner angenehmer werden. Und durch digitale Dienste könnten die Herausforderungen der Zukunft gelöst werden. Denn die sind gewaltig: Im Jahr 2050 wird es laut einer Studie der Vereinten Nationen voraussichtlich knapp zehn Milliarden Menschen auf der Erde geben, davon zwei Drittel in Großstädten.


Um Platzmangel, Staus, Luftverschmutzung, Engpässe bei der Wasser-, Strom- und Nahrungsversorgung und weitere aufkeimende Probleme zu lösen, müssen Infrastrukturen digital und intelligent zugleich sein. Zum Beispiel könnten elektrisch betriebene, vernetzte und autonom fahrende Autos den drohenden Verkehrskollaps verhindern.

„Eine Smart City zeichnet sich durch Entwicklungskonzepte aus, die darauf abzielen, Städte effizienter, technologisch fortschrittlicher, grüner und sozial inklusiver zu gestalten“, sagt Nicolas Sonder vom Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG Law. „Smart Cities sind dabei vernetzter, nachhaltiger und umweltfreundlicher als andere Städte.“ Der Rechtsanwalt und Dozent erklärt im WIRED-Interview, welche Nachteile es hat, wenn deutsche Städte und Kommunen den Anschluss beim Thema Smart City verlieren.


Nicolas Sonder ist seit 2012 Rechtsanwalt bei KPMG Law und Leiter des Bereichs „Technologischer Wandel im öffentlichen Sektor“.

WIRED: Deutschland liegt bei der Digitalisierung im internationalen Vergleich zurück. Bei den Smart Cities scheint es nicht besser zu sein, oder?
Nicolas Sonder: Es gibt in Deutschland durchaus Ansätze von Smart Cities, wie sie international verstanden werden. Allerdings besteht auch hier Nachholbedarf, ganz besonders in mittelgroßen Städten. Metropolen wie etwa Berlin sind hingegen schon weiter.

WIRED: Wo stehen andere Länder in Sachen Smart Cities?
Sonder: Der Grad der Digitalisierung ist in Europa höchst unterschiedlich. Oft kann man es gar nicht an bestimmten Ländern festmachen: Es sind einzelne Städte, die sich besonders hervortun. Barcelona, Santander, Wien und Kopenhagen sind beim Thema Smart City sicherlich schon sehr weit. Das gilt aber nicht für alle Städte in Spanien, Österreich und Dänemark.

WIRED: Meist wird nur von Smart Cities – also smarten Städten – geredet. Was ist mit den Gemeinden und Dörfern?
Sonder: Gemeinden und Dörfern schenkt man in der Tat weniger Beachtung, sie werden aber nicht vergessen. Ihre Interessen werden im Rahmen der Diskussion um sogenannte Smart Regions aufgegriffen und dort auch berücksichtigt. Dahinter stecken Initiativen, mit denen Gemeinden und Dörfer intelligent und digital vernetzt werden sollen.

WIRED: Was sind die wichtigsten Voraussetzungen, damit Regionen und Städte wirklich smart werden können?
Sonder: Ganz wichtig sind eine starke digitale Infrastruktur, eine digitalisierte Verwaltung, die sich als moderner Dienstleister für die Bürger versteht, und ein technologiefreundliches Klima für Unternehmen.



WIRED: Klingt gut. Aber wer trägt die Kosten für diese groß angelegte Digitalisierung?
Sonder: Bislang müssen die Städte einen hohen Teil der Kosten selbst tragen. Fördermöglichkeiten gibt es zwar – gemessen an der Bedeutung von Smart Cities für die Zukunft aber definitiv noch zu wenig. Hier sollten EU, Bund und Länder noch mehr tun. Hin und wieder finden sich auch private Partner und Sponsoren für einzelne Projekte. Und immer mehr wird auch durch Wettbewerbe versucht, Städten Anreize bei der Finanzierung zu geben.

WIRED: Darmstadt trägt als erste Stadt den Titel „Digitale Stadt“. Zu Recht?
Sonder: Darmstadt hat auf jeden Fall Potenzial für eine digitale Stadt der Zukunft. Den Bitkom-Wettbewerb „Digitale Stadt“ hat die Stadt nicht ohne Grund für sich entschieden. Sei es die Mängelmelder-App, mit der man etwa Schlaglöcher melden kann oder die Digitalisierung des Klinikums – Darmstadt ist smart.

WIRED: Aktuell sieht es so aus, dass jede Stadt an einer Insellösung arbeitet – die Menschen benötigen für jede Stadt andere Apps. Wie könnte man diese „Inkompatibilität der Städte“ vermeiden?
Sonder: Gefragt sind hier zum einen Multiplikatoren wie beispielsweise Verbände. Zum anderen braucht es aber auch Unternehmen, die die Apps entwickeln. Aber ein Schema F für alle funktioniert eben auch nicht. Jede Stadt hat natürlich ihr Eigenleben und eigene Charakteristika, sodass jede Stadt auch individuelle digitale Lösungen benötigt.

#DigitaleStadt bedeutet #DigitaleMobilität - 94% der Stadtbewohner wünschen sich intelligente Verkehrssteuerung, 91% ein Parkplatzleitsystem pic.twitter.com/K2Ko6bchYA

— Digitale Stadt (@DigitaleStadt) 1. September 2017


WIRED: Warum ist es eigentlich so wichtig, dass es in Deutschland Smart Cities gibt?
Sonder: Die Bedürfnisse der Bürger konzentrieren sich immer mehr auf digitale Serviceangebote, innovative Mobilität oder auch auf ökologische Nachhaltigkeit. Die Wirtschaft wiederum benötigt ein Umfeld mit einer leistungsstarken digitalen Infrastruktur. Somit sind Smart Cities kein Selbstzweck. Die Entwicklung zur intelligenten Stadt erhöht ja zum einen die Lebensqualität für die Bürger und steigert zum anderen die Attraktivität der jeweiligen Stadt als Wirtschaftsstandort.


WIRED: Was wären die Folgen, wenn Deutschland und andere Länder die digitale Transformation der Kommunen verschleppen oder gar ganz unterlassen?
Sonder: Wir können es uns nicht leisten, den digitalen Wandel zu verschlafen. Deutsche Kommunen würden den eigenen Datenbedarf und den ihrer Bürger und Unternehmen nicht mehr in den Griff bekommen. Unternehmensabwanderungen und die Schwächung der Wirtschaftsstandorte dürften die Folge sein. Außerdem wäre mit einer weiteren Zuspitzung des demografischen Wandels zu rechnen, da immer mehr Menschen in die wenigen Smart Cities ziehen würden.