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Zukunft der Musik / Ryan Maguire recycelt Sounds, die andere wegwerfen

Jan Wehn 19.02.2015 Lesezeit 2 Min

Wenn Musik ins mp3-Format umgerechnet wird, geht eine Menge Information verloren. Ein Computerwissenschaftler hat aus diesem Klangmüll nun einen neuen Song komponiert. Und der klingt seltsam vertraut.

„Viele Leute nehmen nicht wahr, ob Musik stark komprimiert wurde“, erklärt Ryan Smith, Mastering Engineer in den legendären Sterling Sound Studios, im WIRED-Germany-Interview. „Menschen, die mit digitaler Musik aufgewachsen sind, haben unter Umständen gar keine Vorstellung vom Sound aus der analogen Zeit.“

Für sein Experiment wählte er die ‚Mutter aller mp3s‘.

Die wenigstens Musikfans hören ihre Lieblingslieder heute über teure High-End-Anlagen, sondern vielmehr durch Laptop-Boxen oder minderwertige Ohrhörer. Mp3-Dateien, Streams und schlechte YouTube-Rips ersetzen physische Tonträger wie CD und Vinyl. Damit das alles reibungslos funktioniert, werden die ursprünglichen Audiodateien aus dem WAV-Format auf ein Zehntel ihrer ursprünglichen Größe heruntergerechnet. Bei dieser Umrechnung ins mp3-Format wird gerne von einer „verlustfreien“ Kompression gesprochen. Das liegt daran, dass dabei nur Signale abhanden kommen, die das menschliche Gehör nicht wahrnehmen kann. Dabei gehen reihenweise — scheinbar unwichtige — Informationen verloren.

Doch Ryan Maguire, Doktorand für Komposition und Computerwissenschaften am Virginia Center for Computer Music, will genau diese Informationen nicht einfach so unter den Tisch fallen lassen. Er hat sich durch den reduktionsbedingten Musikmüll gewühlt und die achtlos wegkomprimierten Klangreste recycelt.

Für sein Experiment wählte er den Song „Tom’s Diner“ von Suzanne Vega aus dem Jahr 1987. Nicht ohne Grund: Die ursprüngliche Version des Songs gilt als „Mutter des mp3“, seit Karlheinz Brandenburg vom Fraunhofer Institut sie als Ausgangsmaterial für die Entwicklung des Kompressionsstandard verwendete.

Und was Maguire im Audio-Abfall so alles findet, ist dann doch erstaunlich. Erst vernimmt man nur eine geisterhafte Geräuschkulisse aus Wisperlauten und Flüstereien. Aber spätestens im Refrain kommen einem einzelne Passagen des Ohrwurms dann doch sehr bekannt vor. Um die Kompression noch mehr zu verdeutlichen, hat Maguire auch das Original-Video von „Tom’s Diner“ zu einer mp4-Datei umgewandelt und aus den Resten einen neuen Clip gebastelt:

Welche Sounds werden unsere Zukunft bestimmen? Wer wird sie für uns erschaffen? Und womit? Das erfahrt ihr den ganzen Februar lang in unserem Themen-Special „Zukunft der Musik“ auf WIRED.de.