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re:publica 15 / Wir haben die Kontrolle über die Technik verloren, warum gewinnen wir sie nicht zurück?

Max Biederbeck 05.05.2015

Auf der re:publica 2015 fordern Experten, dass wir uns mehr gegen den wachsenden Missbrauch unserer Daten wehren müssen. Den ersten Schritt sehen sie darin, das eigentliche Problem zu erkennen: Wir haben längst die Kontrolle über unsere Technik verloren.

Am liebsten geht Wolfie Christl auf große Werbe-Konferenzen, denn dort verraten sie sich. Tausende Unternehmer, deren Geschäftsmodell darin besteht, User zu verfolgen und auszuhorchen. Christl will diese Zustände aufdecken und hat deshalb ein Institut für kritische digitale Kultur gegründet: Cracked Labs. Mit dessen Hilfe spürt er den gesichtslosen Unternehmern hinterher. Der Österreicher ist sicher: „Untereinander reden sie ganz offen. Die finden es ja gut, wenn sie möglichst genau und möglichst alles über ihre ‚Kunden‘ wissen.“ Der User dagegen habe große Probleme damit, zu verstehen, wie stark er mittlerweile überwacht wird.

Sie wissen, was wir auf Facebook liken, was wir im AppStore herunterladen und welche Filme wir anschauen.

Die Überwacher tragen Namen wie Flurry, Atlas oder Axion und besetzen die Schnittstelle zwischen Werbeindustrie und großen Daten-Aggregatoren. Sie wissen, was wir auf Facebook liken, welche Apps wir über den Play Store und AppStore herunterladen und welche Filme wir uns im Netz anschauen. Und: In welchen Geschäften wir gerne einkaufen, in welchen Parks wir unseren Kaffee trinken, wie schnell wir unsere Stammstrecke entlang joggen und wie gut wir Autofahren können.

Was mit Google Analytics angefangen hat, verlagert sich immer mehr auf mobile Endgeräte. Das Smartphone in unserer Hosentasche ist schon längst zur Wanze geworden. Zum „wandelnden Terminator“, wie es Jérémy Zimmermann, Netzpolitikexperte und Mitbegründer von La Quadrature Du Net, beschreibt, der auf der re:publica sprechen wird. Durch die Entwicklung des Internet of Things, durch Fitness-Tracker, Smartwatches und andere Arten mobilen Trackings ist ein neuer Markt für Daten entstanden, der noch kaum zu überblicken ist.

Flurry überschaut über ein Drittel aller monatlichen App-Aktivitäten weltweit.

Ein Beispiel: Das Unternehmen Flurry sammelt nach eigenen Angaben Daten von über 500.000 Smartphone-Apps auf 1,3 Milliarden Devices. Die Firma überschaut angeblich „über ein Drittel aller monatlichen App-Aktivitäten weltweit“. Darauf aufbauend setzt sie Profile für jeden einzelnen User zusammen, die dann verkauft werden. Benutzer-Kategorien heißen „werdende Mütter“, „Social Influencer“ oder nur schlicht „Haustier-Besitzer“. Flurry bietet seinen Kunden außerdem maßgeschneiderte Kategorien an, je nachdem welche Zielgruppe erreicht werden soll.

Wozu dieses Tracking führen kann, zeigt der Fall der amerikanischen Supermarkt-Kette Target, deren Algorithmus die Schwangerschaft eines 16-jährigen Mädchens bereits identifizierte, bevor sie ihren Eltern davon erzählte. Die erfuhren die Neuigkeit durch einen Blick auf die personalisierte Werbung auf dem Bildschirm ihrer Tochter. „Man stelle sich auf sexuelle Identität oder politische Orientierung zugeschnittene Werbung vor, die automatisch aufblitzt, sobald ich im Büro den Bildschirm anmache“, führt Christl diesen Gedanken weiter.

Netzaktivist Zimmermann findet das gefährlich: „Wir haben im Verlauf der letzten zehn Jahre die Kontrolle über die Technik verloren. Auf der einen Seite stehen die Geheimdienste, auf der anderen die Unternehmen — nur der normale User kommt nicht mehr mit“, sagt er. Längst hätten Smartphones den technischen Stand der wildesten Science-Fiction-Fantasien überholt. Die Technologie entwickle sich aber eher immer weiter weg vom Menschen, als auf ihn zu. Die Folge: Unternehmen privatisieren mit technischer Expertise den öffentlichen Raum. „Wir erleben immer mehr Blackboxes, auf die wir als User keinen Einfluss haben“, sagt Zimmermann.

Einen Kontrollverlust beim Thema Technik kritisiert auch der Computerwissenschaftler Kave Salamatian, der sich seit Jahren mit der Ethik von Algorithmen auseinandersetzt. „Das verhält sich ähnlich wie mit einer Droge“, sagt er. Weil die Technik immer stärker in ihr Leben rückt, hätten die Menschen zunehmend den Eindruck, ihr gegenüber ohnmächtig zu sein.

Was ist aber die Lösung, um gegen den Terminator in unserer Hosentasche kämpfen zu können?

Was ist aber die Lösung, um gegen den Terminator in unserer Hosentasche kämpfen zu können? Sowohl Zimmermann als auch Christl glauben: Programme müssen wieder einfacher werden, der Code verständlicher. „Es ist einfach ein Irrglaube, dass Netzwerke wie Facebook benutzerfreundlich sind, Leute müssen nur die Angst vor den Alternativen verlieren“, sagt Zimmermann. Es gebe unzählige Beispiele die das zeigten, Freedom Box oder das Gnu-Net etwa. Christl nennt außerdem das wenig erfolgreiche soziale Netzwerk Diaspora.

„Die Möglichkeiten für den einzelnen Nutzer, sich zu schützen, haben ihre Grenzen“, sagt Christl. Stattdessen müssten auf breiter gesellschaftlicher Basis Rechte eingefordert werden und dezentrale Netzwerke mehr Unterstützung erhalten, um ihr Angebot ausbauen zu können. Auf der anderen Seite müsse sich das Wissen über die Praktiken der Marketingfirmen und deren Konsequenzen weiter ausbreiten. Vor Jahren hat Christl das schon einmal spielerisch versucht. In seinem Serious-Game „Datadealer“ kann jeder in die Rolle eines Daten-Brokers schlüpfen und so lernen, wie aus einer Person eine Nummer wird. 

Talks zum Thema

Wolfie Christl präsentiert am Donnerstag die Session Corporate Surveillance in the Age of Digital Tracking, Big Data & Internet of Things.

Jérémy Zimmermann präsentiert am Donnerstag die Session Fighting that Terminator in our Pockets.

Professor Kave Salamatian spricht am Mittwoch auf der Session Predicting War – Minority Report Meets World Politics.

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