/Mobility

Nissan: Autos sollen unsere Gedanken lesen

Michael Förtsch 04.01.2018 Lesezeit 3 Min

Das Gehirn sendet seine Kommandos schneller als sie der Körper ausführen kann. Daher will der Autobauer Nissan seine Fahrzeuge die Gedanken der Fahrer lesen lassen. Diese Technologie soll in wenigen Jahren alltagstauglich sein und Unfälle vermeiden.

Die Vorstellung, eine Maschine mit Gedankenkraft zu steuern ist alles andere als neu. Bereits seit Jahrzehnten wird daran geforscht, die Gehirnwellen mittels Elektroenzephalografie sichtbar zu machen, zu interpretieren und als Steuerkommandos nutzbar zu machen. Der japanische Fahrzeugbauer Nissan möchte nun, dass seine Wagen sich durch die Gedanken der Fahrer kontrollieren lassen. Wobei das Lenkrad weiterhin fest in der Hand und die Füße auf den Pedalen bleiben sollen. Denn es geht nicht darum, dem Fahrer die händische Steuerung zu nehmen, sondern ihn dabei zu unterstützen und eine direktere Kontrolle über das Gefährt zu ermöglichen.

Über ein kabelloses Headset, eine Haube mit zahlreichen Dioden, werden die Aktivitäten in der somatomotorischen Rinde des Gehirns überwacht. Eine Software, so Nissan-Forscher Lucian Gheorghe, die darauf angelernt wurde, diese Ausschläge zu interpretieren, könne auf diese Weise „die Steuerbewegungen des Fahrers vorhersagen.“ Ein semi-autonomes Fahrzeug könne dadurch Lenk- und Bremsaktionen einleiten, wenn sie im Gehirn aufflammen und nicht erst, wenn der Körper sie in Bewegungen umsetzt. Das soll das Fahren angenehmer und stressfreier gestalten – da hiermit eine unmittelbare Kontrolle möglich werde. Insbesondere sollen sich durch das System aber auch Unfälle verhindern lassen: Denn Ausweichmanöver und Notbremsungen würden damit nicht unerhebliche 0,2 bis 0,5 Sekunden schneller umgesetzt.

Die Technologie sei noch in einer „relativ frühen Phase“, soll aber bereits auf der kommenden Consumer Electronics Show in Las Vegas vorgestellt und demonstriert werden. Bei der Entwicklung arbeitet der Autobauer unter anderem mit der ETH Zürich, dem National Institute of Scientific Research in Kanada und Start-ups wie Bitbrain zusammen. Schon in fünf bis zehn Jahren könnten die ersten Wagen mit der Technik ausgestattet sein. Bis dahin soll das Headset natürlich noch kleiner und vor allem stylischer werden. Ebenso soll es letztlich auch nicht nur Bewegungen aus dem Gehirn auslesen, sondern auch feststellen, ob sich der Fahrer unwohl, gestresst oder müde fühle – und entsprechend den Fahrstil anpassen oder auf eine vollautonome Steuerung umschalten.

Dass die Elektroenzephalografie verwendet werden kann, um die Impulse im Gehirn in Kommandos zu übersetzen, wurde bereits mehrfach unter Beweis gestellt. Unter anderem auf dem Mensch-Maschine-Wettkampf Cybathlon, auf dem körperlich beeinträchtigte Athleten mit Gehirn-Computer-Schnittstellen verschiedenste Disziplinen meistern. Ebenso war es Studenten der University of Florida im Jahr 2016 gelungen, eine Drohne mit Gedankenkraft zu lenken und auch der Autobauer Renault hat bereits ein Hirnwellen-getriebenes Steuersystem entwickelt. Jedoch warnen nicht wenige Neurowissenschaftler auch davor, dass die Elektroenzephalografie eine zu ungenaue und fehleranfällig Methode sei, um sie als Basismechanismus für derartige kritische Systeme zu adaptieren.