Next Digital Leader Summit: Wie eine Zeche zum Spielfeld der Digitalisierung wird

24.11.2017 Lesezeit 6 Min

Stahl, Staub, Lärm, Rost und mittendrin: Menschen, die als stolze Kumpel am Fließband der Kohlenwäsche stehen.

Knapp hundert Jahre lang war das Alltag in der Zeche Zollverein in Essen, dem zeitweise leistungsstärksten Steinkohlebergwerk der Welt. Und heute? Da sitzen an gleicher Stelle junge Leute in Hemden und Sneakern und diskutieren leidenschaftlich über Blockchain, Artificial Intelligence und Cyber Security, während ihnen Professor Christian Bauckhage, führender Machine-Learning-Experte am Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme, rät: „Denkt exponentiell. Nicht linear. Lernt keine repetitive Arbeit mehr, denn diese Jobs werden schon bald der Vergangenheit angehören.“

Es gibt wohl wenige Orte, an denen sich so nahbar erleben lässt, wie der technologische Wandel zur Disruption einer ganzen Industrie führen kann, wie in dieser stillgelegten Zeche. Da waren sich alle 200 Studierenden und Young Professionals einig, die kürzlich aus ganz Europa kommend nach Essen gereist sind, um am Next Digital Leader Summit von PwC und WIRED teilzunehmen. Dabei markierten gleich die ersten beiden Speaker die Bandbreite der zweitägigen Veranstaltung. „Wir wissen inzwischen, wie sich beschleunigter technologischer Wandel auf unser Leben auswirkt. Und derzeit sehen wir zahlreiche Technologien, die noch nicht fertig entwickelt sind, aber es bald sein werden“, betonte Olaf Acker, Leiter im Bereich Digital Services bei PwC, als er die Herausforderungen und Trends der Digitalisierung umriss. „Was wir und viele Unternehmen jetzt brauchen“, so Acker, „sind junge Talente, die die Geschwindigkeit der Digitalisierung verstehen und damit verantwortungsvoll und ganz selbstverständlich umgehen.“

Die Summit Teilnehmer bei einer abendlichen Führung auf dem Gelände der Zeche Zollverein (Foto: PwC)

Mit welchen neuen technologischen Umwälzungen in den nächsten zehn Jahren zu rechnen ist, erfuhren die Summit-Teilnehmer anschließend von WIRED-Chefredakteur Nikolaus Röttger. „2027 werdet ihr kein Auto mehr besitzen. Ihr werdet womöglich gar kein Auto mehr benötigen. Aber ihr werdet mit Air Taxis und Hyperloops reisen“, sagte Röttger beispielsweise über die nahe Zukunft der Mobilität.

Derart motiviert, machten sich die jungen Leute nachmittags selbst aktiv an die Gestaltung der Zukunft. Unter Berücksichtigung neuester Creative-Thinking-Methoden aus der Ideenfabrik des WIRED Campus wurden zwei Dutzend Teams gebildet, die jeweils in Start-up-Manier konkrete Probleme mit technologischer Hilfe lösen sollten. Die Ergebnisse nach nur zwei Stunden Konzeption und Entwicklung waren durchweg beeindruckend. Am besten aber gefiel den Anwesenden, die mit ihren Smartphones per Live-Voting abstimmten, ein Konzept mit dem markenreifen Namen Travelchain. Dabei zeigte das fünfköpfige Gewinnerteam in seinem Pitch, wie der öffentliche Nahverkehr mithilfe einer Blockchain bargeld- und ticketlos funktionieren könnte. Passend dazu schilderte im Anschluss Andreas Kaim von Delivery Hero den Verlauf einer in die Tat umgesetzten digitalen Erfolgsgeschichte.

Anders als etwa Virtual-Reality-Spiele, die unter anderem an den Stationen des Tech Playground mit VR-Brillen von unterschiedlichen Herstellern getestet werden konnten, gestalten sich Blockchain-Anwendungen derzeit noch sehr abstrakt. Dennoch war die Vorfreude darauf, von Experten mehr über diese Technologie zu erfahren, unter den Summit-Gästen deutlich spürbar. So wie bei der 28-jährigen Janine Kerner aus Frankfurt: „Zu Künstlicher Intelligenz habe ich schon viele Business- und Use-Cases kennengelernt. Gerade Blockchain ist aber noch superspannend für mich. Da würde ich gerne verstehen, wie die Technologie dahinter funktioniert und was sie bringt.“

Das stolze Gewinnerteam des Summit Pitch (Foto: PwC)

Nach einem Talk von Pascal Keller, Google Cloud Country Lead CH & DE, und Joachim Müller, Leiter des PwC Experience Centers, zur fruchtbaren Kooperation zwischen PwC und Google, betrat mit der Wiener Wirtschaftsinformatikerin Shermin Voshmgir schließlich am zweiten Tag eine Expertin die Speaker-Bühne, die wohl alle Erwartungen erfüllte. Die Gründerin des BlockchainHub mit Sitz in Berlin glaubt fest daran, dass die neue Technologie nicht nur Bankgeschäfte und unsere Bürokratie revolutionieren wird, sondern im besten Fall das gesamte Internet. „Blockchain ist in vielerlei Hinsicht ein Game Changer. Wenn man so will, ist unser derzeitiges Internet auf fundamentale Weise kaputt. Denn wir leben in einer Welt, in der andere unsere Daten besitzen und wir keine Kontrolle darüber haben, was mit ihnen passiert“, erklärte Voshmgir. Das auf dezentralen Datenbanken basierende Konzept der Blockchain hat das Potenzial, unsere Datenstrukturen zu demokratisieren und uns wieder mehr Kontrolle darüber zu geben, was mit unseren persönlichen Daten geschieht. Nach anschaulichen Beispielen, die den Weg zum sogenannten Dezentralen Web begreifbar machten, und Gedanken zu neuen Initiativen wie dem Ocean Protocol gab es ausschließlich begeistertes Feedback der Summit-Teilnehmer. „Das war ein sehr inspirierender Talk mit vielen Hintergründen, die man an der Universität nicht erfährt“, lobte Iratxe González Garrido, die tags zuvor an der Entwicklung des Travelchain-Konzepts mitgewirkt hatte. Kritisch angeregt wurde hingegen von Damiaan Twelker aus den Niederlanden: „Das war alles neu und spannend für mich. Meiner Meinung nach sollten wir unsere natürlichen Ressourcen nur nicht zu sehr für die Anhäufung von Kryptowährungen verbrauchen. Da gibt es sinnvollere Einsatzfelder.“

Moderator Ole Tillmann fordert die Teilnehmer zur Interaktion auf (Foto: PwC)

Weiteres Expertenwissen vermittelten am zweiten Tag die in Kleingruppen abgehaltenen Breakout Sessions mit PwC-Mitarbeitern sowie ein tiefgehender Talk mit dem Cyber-Security-Spezialisten Matthias Muhlert. Zum Abschluss des Next Digital Leader Summit erhielten die Teilnehmer schließlich von Rajendra Sitompoel, niederländischer PwC-Direktor im Bereich Digital Services, noch einen ganz konkreten Ausblick auf unmittelbare digitale Veränderungen. „Wir stehen auf der Schwelle zu einer Zeit, in der AI unser neuer Antrieb ist, so wichtig wie heute Strom“, betonte Sitompoel. „Gleichzeitig werden wir schon 2018 merken: Im Zusammenhang mit User Interfaces geht es zunehmend um nahtlose Technologien, die durch bildschirmlose Interaktion gesteuert werden können. Auch Humanity 2.0 bleibt keine Zukunftsspielerei, sondern wird mehr und mehr zu unserer Realität.“


Das Next Digital Leader Network von WIRED und PwC:

WIRED und die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC rufen in Kooperation ein Netzwerk-Programm für junge Studenten und Young Professionals ins Leben, um die „Next Digital Leader“ in Deutschland zu fördern. Für die ausgewählten Mitglieder des Netzwerks gibt es diverse Veranstaltungen – von Hand-On-Support durch digitale Professionals über Lunch-, Dinner- und After-Work-Events sowie verschiedene Workshop-Formate bis hin zum großen Next Digital Leader Summit, einem Konferenzformat, auf dem die ausgewählten Mitglieder des Netzwerks mit nationalen und internationalen Größen aus der deutschen Wirtschaft zusammenkommen und sich ganz direkt austauschen können.

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