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Dieser Doktorand steuert seine Studenten mit Elektroschocks am Bein

Moritz Geier 09.04.2015 Lesezeit 4 Min

Ein bizarr anmutendes Experiment: Durch einen Park in Hannover streifen Menschen, deren Beine nicht ihnen selbst gehorchen — ein Wissenschaftler steuert ihren Gang mit dem Handy. Sein Navigationssystem bewegt die Muskeln der Probanden durch elektrische Impulse. Doch dem Forscher schwebt noch mehr vor: die Steuerung großer Menschenmassen bei einer Evakuation zum Beispiel.

Die Steuerung läuft automatisch ab, ohne kognitiven Aufwand.

Max Pfeiffer, Universität Hannover

Stellt euch vor: Ihr tippt in euer Handy eine Zieladresse ein. Dann geht ihr los, ohne über den Weg nachzudenken — eure Muskeln lenken euch von selbst in die richtige Richtung. Science Fiction? Nicht ganz: Ein Forscherteam um Max Pfeiffer von der Leibniz Universität Hannover arbeitet daran, diese Idee zu realisieren. Fußgänger sollen durch elektrische Muskelstimulation gesteuert werden.

 

„Das Problem ist, dass man heutzutage mit dem Handy so navigiert, dass man ständig auf das Display schaut und dadurch abgelenkt wird“, sagt Pfeiffer, Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gruppe für Mensch-Computer-Interaktion der Uni Hannover. Sein Projekt, das er Cruise Control nennt, soll das ändern: „Mit unserem System kann man sich ganz normal auf die Umwelt konzentrieren. Die Steuerung, wohin man geht, läuft automatisch ab — ohne kognitiven Aufwand.“

Wie das aussieht, zeigt ein Video, das die Forscher veröffentlicht haben. In einem Experiment steuert Pfeiffer Probanden durch einen Park. Der Wissenschaftler drückt dabei auf zwei Buttons auf einer Handy-App, um die Versuchsteilnehmer nach links oder rechts zu bewegen. Über Bluetooth werden seine Befehle an eine Klebeelektrode gesendet, die die Forscher am Oberschenkel der Probanden angebracht haben.

Danke, dass du mich um die Pfütze gesteuert hast.

Student zu Max Pfeiffer im Feedback-Gespräch

Wird die Elektrode aktiviert, stimuliert sie den Schneidermuskel, der den Fuß nach außen rotieren lässt. Ein Beispiel: Wenn Pfeiffer auf den rechten Button drückt, wird die Elektrode am rechten Oberschenkel aktiviert. In der Gehbewegung schert der Fuß so automatisch nach rechts aus. Die Gehrichtung wird beeinflusst. „Danke, dass du mich um die Pfütze gesteuert hast“, bedankte sich ein Student im Feedback-Gespräch.

Für die Stimulation der Muskeln verwendeten Pfeiffer und seine Kollegen ein handelsübliches Massagesystem. „Wir haben mit einer Technologie gearbeitet, die sich jeder bei Amazon bestellen kann“, sagt Pfeiffer. Derartige Klebeelektroden werden in der Medizin für Massagen, Schmerztherapien und Muskelaufbau genutzt. Mit ihrer eigenen Software schalteten die Forscher den Impuls an und aus und variierten die Stromstärke.

Alle Probanden äußerten sich überraschend positiv über das Experiment. An das Kribbeln im Bein, das die Impulse auslösen, gewöhne man sich schnell, sagt Pfeiffer. „Am Anfang ist das Stromgefühl relativ stark, aber wir bewegen uns weit unter dem Level, wo es schmerzhaft wird.“ Für die Teilnehmer sei es auch in Ordnung gewesen, sich dem Navigationssystem zu überlassen, weil sie die Kontrolle jederzeit wieder zurückerlangen konnten. „Das Signal ist jederzeit übersteuerbar“, erklärt Pfeiffer. „Der Mensch kann immer in den Zyklus eingreifen — ähnlich wie beim Tempomat im Auto.“

Bis wirklich eine Navigations-App auf den Markt kommt, die Fußgänger automatisch zum Ziel steuert, ist es aber noch ein langer Weg. Pfeiffers Ansatz bedarf weiterer Entwicklung. Das System benötigt zum Beispiel eine perfekte GPS-Erkennung der Umgebung. „Dass jemand vor einem geht und Hindernisse im Weg sind: Das gilt es noch zu berücksichtigen. Diesen Aspekt haben wir in dieser Arbeit nicht betrachtet“, sagt der Doktorand.

Die App macht den Menschen nicht zum Roboter.

Trotzdem fallen ihm zahlreiche Anwendungen für die Erfindung ein, die vor allem in den Bereichen Fitness, Sport und virtueller Realität liegen. Ein Szenario, das nach Pfeiffers Aussage noch weit in der Zukunft liegt, ist die Steuerung großer Menschenmassen: Das System könne bei Evakuationen von Fußballstadien zum Einsatz kommen, wenn Leute so schnell wie möglich zum richtigen Notausgang geleitet werden müssen.

Aber ruft die Vorstellung gelenkter Massen nicht auch ein mulmiges Gefühl hervor? Pfeiffer verneint: Der Mensch könne die Kontrolle über das System zu jeder Zeit wiedererlangen. Seine App mache den Mensch nicht zum Roboter, im Gegenteil: „Wir erweitern den Menschen. Wir instrumentieren ihn insofern, dass wir in seinen Geh-Apparat eingreifen. Aber die Kontrolle bleibt bei ihm.“