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Das digitale Kind: Wohlerzogen dank Künstlicher Intelligenz?

Jana Petersen und Max Biederbeck 26.05.2017

Kann eine App die Erziehung revolutionieren? WIRED hat es sechs Monate lang ausprobiert und dabei auch die Entwicklerin der Künstlichen Intelligenz Muse begleitet. Sie hat ihre eigenen Motive. Lest jetzt exklusiv die Titelgeschichte aus unserem aktuellen Magazin.

Es ist früher Abend, als ein kurzer Text in meinem iPhone mir eine Anweisung erteilt: Mein Sohn Matti soll sich ein Buch aussuchen, und ich soll ihm dann daraus vorlesen. Eine App erklärt mir also, wie ich mein Kind zu erziehen habe. Und ich folge.

Ich schicke meinen Viereinhalbjährigen in sein Kinderzimmer unserer Berliner Altbauwohnung, höre ihn kramen, dann kommt er mit einem Willi-Wiberg-Buch zurück. Geschichten über einen Jungen, der im Schweden der 8oer-Jahre mit einem alleinerziehenden Vater aufwächst. Wir kuscheln uns in mein Bett. An der Stelle, an der die Hauptfigur nicht mehr weiter weiß, fordert die App, soll ich mein Kind unterbrechen. Willi Wiberg ist verzweifelt. Andere Jungs hänseln ihn, weil er mit Mädchen spielt. „Matti“, soll ich mein Kind fragen, „was würdest du jetzt an Willis Stelle tun?“

Solche Aufgaben schickt mir Muse täglich, so heißt meine virtuelle Erziehungshelferin. Ihr Algorithmus hat einen Berg an Spielen und Erziehungsansätzen einprogrammiert. Immer wieder stellt sie mir Fragen:  „Schreibst du Tagebuch?“ – „Glaubst du an bedingungslose Liebe?“ Und: „Hilft Matti gern im Haushalt?“ Zu dem Zeitpunkt, da ich diese Zeilen schreibe, erziehe ich mein Kind bereits seit einem halben Jahr mit Hilfe von Muse.

Mit der Zeit hat das Programm viel über mich gelernt. Immer perfekter passen seine Fragen und Vorschläge zu Matti und mir – nach kurzer Zeit erinnert mich mein Kind sogar von selbst daran, die Aufgaben zu erfüllen. Ich ging nicht ohne Bedenken in diesen Test: Ich hasse es, mich Systemen unterzuordnen, und beschäftige mich seit Jahren mit dem Thema Erziehung. Aber ich bin neugierig. Ich will wissen, was Technologien wie Muse und die Entwickler dahinter mit meinem Sohn und mir vorhaben.

An einem kalten Novembermorgen quetscht sich Vivienne Ming mit Abertausenden Büroangestellten in die Londoner Rushhour und strebt schließlich auf den Bankenturm der HSBC-Zentrale in Canary Wharf zu. Anmeldung, Besucherausweis. Die Kalifornierin steigt in einen Glasaufzug. Die Menschen draußen auf der Straße schrumpfen vor den Augen der hochaufgeschossenen 44-Jährigen zu kleinen Punkten. Jeder hat eine bestimmte Rolle und einen bestimmten Platz.

Von oben betrachtet fragt man sich: Was hat die Menschen dorthin gebracht? Und: Wo haben ihre Lebenswege mal begonnen? Ming beschäftigt sich täglich mit diesen Fragen, sie hat Muse entworfen und die KI darin programmiert. US-Medien zitierten die Neurowissenschaftlerin einmal mit den Worten: „Wir können buchstäblich vorhersagen, wie lange ein Kind leben wird, wie glücklich es sein wird, wie viel es verdienen wird.“

Ihr Algorithmus brauche dafür nur hin und wieder ein paar Antworten, selbstgemalte Bilder und Mitschnitte von Unterhaltungen zwischen Eltern und ihrem Nachwuchs. „Das wirkt auf manche bedrohlich oder einschüchternd“, sagt Ming, „weil wir so tief in die Identität eindringen.“ Das ist Teil ihrer Mission: Ming plant, mit lernender Technologie den Charakter von Kindern auf der ganzen Welt zu beeinflussen – und sie in glücklichere und komplettere Menschen zu verwandeln.

Was für ein Claim! Während Politiker und Schulen in Deutschland gerade erst die digitale Bildung diskutieren, mischt sich die amerikanische Unternehmerin Ming mit Tech in einen noch heiligeren Bereich ein: ins Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Mit der Überzeugung des Valley, altes Denken und Tun müssten stets radikal infrage gestellt werden, strebt Ming die disruption der Erziehung an.

An diesem Londoner Morgen spricht Ming im Bankenturm der HSBC auf einer Konferenz für Manager aus der LGBT-Community. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen kommen aus Palo Alto, London, Singapur. Vivienne Ming ist selbst Transfrau, deshalb ist sie da, LGBT-Rechte sind ihr wichtig. Die Gäste der Out-Leadership aber erinnern sie an The Wolf Of Wall Street, zu viel Business und Investment-Banking, zu wenig Mensch: „Alles scheint sich bei solchen Veranstaltungen um wirtschaftlichen Erfolg zu drehen, nicht um Selbstverwirklichung“, sagt Ming später.

Ihr geht es genau um Letzteres. Darum, dass Menschen sich verwirklichen können. Über Jahre hinweg hat Ming für das Startup Gild als Chefentwicklerin neue Methoden gesucht, um Unternehmen dabei zu helfen, die richtigen Bewerber zu finden. Abschlüsse oder Prüfungsnoten waren ihr dabei egal: Sie suchte das „wahre Potenzial“ der Bewerber, wie sie sagt. Bei ihrem eigenen Unternehmen Socos, mit dem sie Muse entwickelt hat und dessen Slogan Maximize Human Potential lautet, ist das heute ähnlich. Statt um die Karriere von Erwachsenen geht es nun aber um die Erziehung von Kindern.

Vivienne Ming und ihr Sohn im Garten. Im Alter von zwei wurde bei ihm Diabetes diagnostiziert, woraufhin Vivienne und ihre Frau Norma eine Datensammlung seiner Blutzuckerwerte angelegt haben, um diese stabilisieren zu können

Der Gedanke, dass sich eine KI in das Wesen eines Kindes einmischt, wirkt gruselig. Eltern und Pädagogen kämpfen doch ohnehin schon mit der Frage, was der wachsende Dschungel an Technologie unmerklich mit den Kleinsten in unserer Gesellschaft anstellt: In den USA haben schon drei Viertel der Achtjährigen Zugang zu einem Smartphone, in Deutschland nutzten im Jahr 2014 bereits bis zu 25 Prozent der Grundschüler Telefone und Tablets ihrer Eltern, Tendenz stark steigend. 

Technologien entwickeln sich derart schnell, dass viele Erwachsenen nicht mehr mitkommen. Beim Bundesbildungsministerium heißt es, Eltern hätten hohen Beratungsbedarf bei digitalen Themen. Die Unsicherheiten reichen von Fragen wie „Ist es okay, Instagram-Bilder meiner Tochter zu posten?“ bis „Wie viel Zeit darf mein Kind vorm Bildschirm verbringen, ohne dass ich es im Internet ,parke‘?“ Zwischen Kapitulation vor der Technik und Internetverbot probieren Eltern alles durch. Ein Patentrezept aber gibt es nicht. Gerade deshalb fragen Pädagogen: Wie passen Erziehung und technologischer Fortschritt eigentlich zusammen?

Bildungspolitiker glauben, vor allem die Schulen müssten Kinder bereit für die digitalen Zeiten machen. Für Ming ist das nur ein kleiner Teil der Antwort. Sie möchte die Eltern mit ihrer App hacken, zum Wohle der Kinder.

Will ich das? Weiß ich nicht selbst, was für mich und mein Kind gut ist? Ist diese App nicht einfach nur übergriffig? Diese Fragen stelle ich mir als Mutter.   
Aber dann kommt ein verregneter Nachmittag und Matti fragt: „Können wir noch ein Spiel aus deinem Telefon machen? Das mit den Schuhen?“ Er liebt das Schuhspiel: Man sucht fünf einzelne Schuhe aus, stellt sie nebeneinander, Matti prägt sie sich ein. Dann verlässt er das Zimmer, ich verstecke einen Schuh, Matti kommt zurück und muss herausfinden, welcher Schuh fehlt. Er schafft es immer. Und jubelt, als hätte er gerade eine ferne Galaxie entdeckt. Später an diesem Nachmittag lernt Matti noch Zahlen von 1 bis 20 in die richtige Reihenfolge zu bringen. Und er diskutiert mit mir darüber, warum Menschen essen müssen und wie er neue Freunde gewinnen kann. Ich hake vier Muse-Punkte ab.

Nachmittage wie dieser erhöhen das Level der beantworteten Push-Mitteilungen in der App enorm. Nach ein paar Wochen merke ich, dass mein Sohn und ich uns anders verhalten. Ich mag keine Spiele mehr, in denen es darum geht, alleine gegen die anderen zu gewinnen. Ich frage Matti, was schöner ist: wenn einer sich freut und einer traurig ist – oder wenn beide sich freuen? Plötzlich verstehe ich: Für mich funktioniert die App.

Deren Erfolg scheint viele Eltern an Muse zu binden. 70 Prozent der User, so Ming, nutzten die App regelmäßig mindestens einmal in der Woche. Ein Drittel wenden Muse sogar täglich an. 

Eigentlich dachte ich, dass Eltern wie mir klar sei, worauf es ihnen bei der Erziehung ankommt. Anscheinend lag ich mit der Annahme aber falsch. Drei Viertel aller Mütter in Deutschland, so zeigt etwa eine Forsa-Umfrage, sind mit ihrer „Leistung“ als Elternteil unzufrieden. Deutschen geht es bei der Erziehung auch nicht primär um das selbstbewusste und glückliche Kind, wie ich glaubte. Stattdessen steht das Vermitteln bürgerlicher Tugenden im Vordergrund: Höflichkeit und gutes Benehmen etwa sollen die Kinder lernen.

Einer, dem deutsche Eltern vertrauen, ist der dänische Autor Jesper Juul. In den Amazon-Charts sind gleich drei seiner Ratgeber unter den meistverkauften Erziehungsbüchern. Juul hat eine klare Haltung, was Smartphones betrifft: Für ihn haben sie den Stellenwert von Familienmitgliedern, weil sie ähnlich viel Aufmerksamkeit geschenkt bekommen. Juul empfiehlt, Gadgets bewusst aus Situationen herauszuhalten, in denen Nähe zwischen Eltern und Kindern entsteht, beim gemeinsamen Essen etwa. Nähe und Aufmerksamkeit, so Juul, wirkten als Kitt in der Familie. Fehlt der, entstünden Gefühle wie Isolation und Traurigkeit bei Kindern wie Eltern. 

Für Juul hat die Art, wie wir Kinder behandeln, direkt mit der Zukunft der Welt zu tun. Er betrachtet Familie als System, genau wie Ming. Beide haben verstanden, dass Augenhöhe ein Schlüssel zum Aufbau von stabilen Gesellschaften ist. Diese Augenhöhe brauche „auch Offenheit und Toleranz“ und erfordere die „Akzeptanz von Verschiedenartigkeit“, schreibt Juul in Das kompetente Kind. Ming möchte genau das mit Technologie herstellen.

Ein anderer, dem deutsche Eltern vertrauen, ist Josef Kraus. Er ist der Präsident des Deutschen Lehrerverbands und Autor des Bestsellers Helikopter-Eltern. Kraus hat drei Sorten von Eltern identifiziert: Die, die sich um nichts kümmern; die, die sich um alles kümmern; und die zwei Drittel, die er als „bodenständig und verantwortungsbewusst“ bezeichnet. Die zweite Gruppe – die sich um alles kümmert – hat er „Helikopter-Eltern“ genannt. Deren wesentliche Angst sei, dass ihr Kind versagen könnte. „Diese Eltern wollen ein Premiumkind“, sagt Kraus, „eines mit Abitur und Studium.“ Wenn es dann in der Schule nicht so klappe, sagt er, schickten diese Eltern gern mal einen Anwalt – zur Schule. 

Wie passt Ming da hinein? Am ehesten erinnert mich ihr Ansatz an den libertären Pädagogen Francesc Ferrer. Der erfand Anfang des 20. Jahrhunderts die „Escuela Moderna“, die moderne Schule. Lehrer und Schüler sollten sich in dieser auf Augenhöhe begegnen, Schüler sollten selbst entscheiden, was sie lernen. Kinder sollten ihren eigenen Verstand gebrauchen. „Wir wollen Menschen schaffen, deren größte Stärke ihre geistige Unabhängigkeit ist“, schrieb Ferrer im Jahr 1908, „die sich nichts und niemandem unterwerfen.“ Ming erzählt bei ihren Auftritten, dass ihre App genau das anstrebe. Einverstanden.

Das Programm tut aber noch etwas: Alle Informationen, die ich ihm gebe, dokumentiert es und nutzt es als Feedback. Der Algorithmus sendet mir maßgeschneiderte weitere Inspirationen und Fragen zu – Muse wird immer schlauer. Damit wächst auch der Berg an Daten für Mings Unternehmen Socos heran, sie spricht von Tausenden Nutzern. Ming weiß jeden Tag mehr – auch über meinen Sohn. Sie sagt Sätze wie: „Mit unseren Daten können wir herausfinden, welche sexuelle Orientierung ein Kind hat, bevor die Eltern oder ein Kind das selbst wissen.“ Sie würde diese Information aber niemals missbrauchen oder den Eltern mitteilen, sagt sie.

Im Prinzip gefällt mir die Idee, auch wenn mir noch immer nicht klar ist, wie genau und aus welchen Daten Ming etwa die Homosexualität eines Kindes deuten will. Aber Muse, so ist mir nach wenigen Wochen klar, erweitert tatsächlich subtil das Bewusstsein von Eltern. Vielleicht ja auch bei den Themen Gender und Sex. Ming plant das genau so: Merkt die App, dass Kinder nicht in ein klassisches Rollenbild passen, soll Muse schon bald mit gezielten Fragen Aufklärung betreiben, ohne etwas zu verraten. 

Das klingt gut, aber auch manipulativ. Was tue ich meinem Kind eigentlich an, wenn ich einer fremden Unternehmerin so viel preisgebe, ihr derartige Macht verleihe?

Einen Tag nach der Londoner Out Leadership-Konferenz kommt Ming in ein Café in Covent Garden gespurtet, sie trägt noch ihre Trainingsklamotten vom Sport. Der Kellner hat ihre Bestellung noch nicht aufgenommen, da schwärmt sie schon von ihrem Plan, die Erziehung zu revolutionieren. 

„Mein Ziel ist es, mit Technologie bessere Menschen zu erschaffen“, diese Kernüberzeugung wiederholt Ming. Zwar werde nicht aus jedem Kind ein Genie. „Wir sind aber in der Lage, unsere Kinder produktiver, gesünder und kreativer zu machen. Diese Attribute lassen sich berechnen“, sagt Ming. Meta-Intelligenz nennt sie das. Kinder sollen Alleskönner werden, die sich von einer immer komplizierteren Welt nicht überfordert fühlen.

Ming steht mit dieser Idee in Gesprächen mit Stiftungen in Südafrika und Indien. Die Organisationen planen konkrete Projekte, in Indien etwa sollen schon bald Sozialarbeiterinnen mit Muse von Tür zu Tür gehen. „Von Favelas über Townships und Flüchtlingscamps bis in die Außenbezirke von Berlin und London: Ich will wissen, wie ich das Schicksal all dieser Kinder ändern kann“, sagt Ming. Sie alle sollen nicht durchmachen müssen, was sie selbst in ihrem Leben durchgemacht hat.

Das Ehepaar Ming zu Hause im kalifornischen Berkeley. Norma (links) hat die App Muse mit konzipiert

Vivienne Ming hieß 1984 noch Evan Campbell Smith und war ein zwölfjähriger Junge. Eines Tages stand er damals auf einem Sportplatz und erkannte, warum er sich selbst nicht verstand: Er schaute seinen Football-Kameraden zu und begriff, dass er kein Junge sein wollte. Schon davor hatte er manchmal heimlich Klamotten seiner Schwester anprobiert. Doch erst jetzt wurde Evan klar, dass er nicht einfach nur jemand anderes sein wollte. Sondern eine Frau.

Das Umfeld des Musterschülers aber drillte ihn auf Erfolg, und so behielt Evan seinen sehnlichsten Wunsch für sich. Doch mit dem Verbergen kam das Vorzeigekind seelisch nicht zurecht. Die Noten verschlechterten sich, Freundschaften gingen zu Bruch. Evan schaffte noch den Highschool-Abschluss, das Leben an der Uni aber wurde zur Qual. Er brach ab, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. „Mit 25 war mein Leben ruiniert und ich wohnte in meinem Auto“, erinnert sich Ming. Schließlich sei da diese eine entscheidende Nacht gewesen. „Ich konnte einfach nicht mehr, und ich hatte eine Pistole dabei, mit der ich mich umbringen wollte.“ 

Keine App und kein Algorithmus dieser Welt hätten ihren inneren Konflikt vorhersehen können, sagt Ming heute. „Aber Muse hätte mir und meinen Eltern einen anderen Weg zeigen, hätte uns erklären können: Alles wird gut.“ Evan entschloss sich in jener Nacht, weiterzumachen. Er drückte nicht ab.

Wenn er dieses Leben schon im falschen Geschlecht aussitzen müsse, dachte sich Evan, dann wenigstens richtig. Und so brachte er sich selbst zurück in die Spur, schrieb sich erst für Neurowissenschaften an der Uni in San Diego ein und begann dann seinen Doktor in Psychologie an der Carnegie-Mellon. Dort lernte er seine heutige Ehefrau Norma kennen.

Ihr gegenüber hatte Evan im Jahr 2005 sein Coming-out, mit ihr zeugte er zwei Kinder, bevor er den Prozess der Geschlechtsangleichung begann. Aus Evan Campbell Smith wurde Vivienne Ming. Zusammen mit Norma gründete sie 2011 das Startup Socos und den zugehörigen gemeinnützigen Verein Socos Foundation. Dahinter steckte bereits damals die Mission, Kindern mehr Macht über ihr eigenes Leben zu geben. Norma Ming ist eine anerkannte Expertin für Pädagogik und Lehrmethoden, hat in Berkeley geforscht und ist heute Research Supervisor des School District von San Francisco; und sie ist für einen Großteil der Inhalte von Muse verantwortlich. 

Vivienne Ming sagt, dass es das Schicksal gut mit ihr gemeint hat. Andere sollten sich auf das Schicksal aber nicht verlassen müssen. Allen will Ming lieber Technologie an die Hand geben. „Empowerment“ ist ein Wort, das sie oft benutzt.

„Jetzt das Reim-Spiel“, ruft Matti. „Okay“, sage ich, „was reimt sich auf Fisch?“ Mein Sohn ist ratlos. Ich helfe. „Tisch!“ Großer Applaus, das Kind freut sich. „Fisch – Tisch! Ja, genau. „Mama, was reimt sich auf Flieger?“ Er dreht das Spiel um, clever. „Hm. Tiger!“, sage ich. Matti will nachlegen. „Ja! Und: Mondrakete!“ Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Er ist sehr ernst bei der Sache, ist nicht mehr zu bremsen. „Mama! Lampe, Hampe, Pampe! Und Mama, was reimt sich auf Kakka?“ Jetzt hat er den Dreh raus. Ich spiele mit. „Tschakka!“ Wir lachen uns kaputt, schlagen ein. Tschakka!

Ich merke, dass Matti die Sache verstanden hat. Muse ist jetzt schon einige Monate bei uns, wir spielen das Reim-Spiel oft. Mattis Gefühl für Sprache hat sich erweitert. Er erlebt, mit jemandem zusammen Sprache zu erforschen. Er erfährt, dass Lernen Spaß macht. Spiele, zeigt die App, sind ein großer Lehrmeister. Vor allem, wenn sie mit einer bestimmten Intention erdacht wurden, wenn sie Resilienz, Gemeinschaft, Integrität stärken. Ich hätte auch selbst auf die Idee mit den Reimen kommen können. Bin ich aber nicht, und ich muss zugeben: Dafür bin ich Muse ein wenig dankbar.

Ich war anfangs skeptisch: Noch mehr Technologiezeug? Matti hat zwei große Brüder, die Fans von „Minecraft“ sind, und einen tech-fanatischen Vater. Ich nehme in unserer Familie fast schon zwangsläufig die Haltung der letzten Analogen ein. Rausgehen! Natur! Wasserfarben, Knete, Holzeisenbahn, Fußball! Aber Muse, so wurde mir bald klar, ist ganz auf meiner Seite: Es ist nicht so, dass ich als Mutter nicht genüge. Vivienne Ming hat vielmehr eine Software entwickelt, die mir hilft, zu verstehen, wer ich bin, wie ich erziehe, wer mein Kind sein will – und wer es einmal werden könnte.

Im Café Einstein in Berlin spricht Ralph Müller-Eiselt von der Revolution, die mit Entwicklerinnen wie Ming ihren Anfang nehme. „Wir müssen uns darauf einlassen“, sagt Müller-Eiselt. Wochenlang ist der Bildungsexperte von der Bertelsmann-Stiftung zuletzt durch die USA gereist, immer auf der Suche nach den neuesten Ansätzen. Er lernte Schulen kennen, die mit Hilfe von Hightech auf individualisiertes Lernen setzen. Dazu gehörte etwa die School of One, in der Stundenpläne sich jeden Tag neu per Algorithmus für jeden einzelnen Schüler zusammensetzen. Kein Lehrer gibt darin mehr das Tempo per Frontalunterricht vor. Der Fortschritt, den jeder Schüler macht, erzeugt selbst den Zeitplan. 

Viele Millionen Dollar fließen im Valley gerade in Startups und Projekte, die genau mit solcher Technologisierung von Bildung arbeiten. Wenige davon kommen von ausgebildeten Erziehern, viele von Gründern wie Ming. Der Trend geht hin zu sogenannten flipped classrooms, bei denen sich die Schüler zu Hause mit Videos beschäftigen und in der Schule nur noch offene Fragen klären müssen. „Die digitalen Innovationen werden vor keinem Klassenzimmer und auch keinem Kinderzimmer halt machen, uns stehen da radikale Veränderungen bevor“, sagt Müller-Eiselt.

Er beobachte aber auch, wie Eltern zunehmend Technologie zur Überwachung ihres Nachwuchses einsetzten. Big parenting heißt der Trend: Live-Bilder aus dem Kindergarten laufen per Stream im Büro, GeoTags auf Smartphones verraten jederzeit die Aufenthaltsorte der Kinder. Eltern schränken auch die Privatsphäre bei Social Media und Messengern für ihren Nachwuchs ein, verlangen deren Passwörter. „Dieser Trend ist Deutschland bislang Gott sei Dank noch erspart geblieben“, sagt Müller-Eiselt.

„Tech kann durchaus soziale Unterschiede verstärken“, sagt der Experte. Kinder aus bildungsnahen Familien hätten oft besseren Zugang zu digitaler Bildung und erhielten von ihren Eltern entsprechende Orientierungshilfe. Bildungsferne Familien dagegen parkten ihre Kinder allein vorm Computer; so blieben die Chancen digitalen Lernens ungenutzt. „Auch deshalb ist Mings Ansatz so interessant“, sagt Müller-Eiselt.

Für sein neues Buch Die Digitale Bildungsrevolution, das er zusammen mit Jörg Dräger geschrieben hat, traf er die Unternehmerin öfter. „Sie hat einen der mutigsten Ansätze in diesem Bereich“, sagt Müller-Eiselt. Viele Erzieher und Lehrer fürchteten neue Belastungen durch den Fortschritt, „nicht auch das noch, sagen die“. Apps wie die von Ming zeigten, dass Technik dabei helfen könne, bestehende pädagogische Herausforderungen zu lösen. „Es gibt ganz unterschiedliche Studien darüber, ob Technologie sich bei kleinen Kindern negativ auswirkt oder nicht.“ Nicht die Hard- und Software sei entscheidend, sondern die Betreuungssituation. Genau hier setzt Mings Ansatz an: Ihre KI ist nicht einfach nur ein neues Tool, sondern eine Idee, die einem ganzen Bildungssystem vorgreift.

Der Spaß an und mit Muse hat mich neugierig gemacht: Gibt es noch andere Möglichkeiten, durch digitale Technologie Augenhöhe mit unseren Kindern herzustellen – und auch unseren älteren Söhnen Metakompetenzen zu vermitteln? Mir fällt die Digitalwerkstatt in Berlin-Mitte ein. Hier sollen Kinder digitale Technologie kennenlernen, aber nicht nur sie, auch die Eltern. Die sollen vor allem Verständnis entwickeln dafür, wofür sich ihre Kinder interessieren. Ich melde uns an.

Quinten sitzt vor einem Laptop. Er ist elf Jahre alt, Mattis Bruder und lernt an diesem Tag in der Digitalwerkstatt mit mir und meinem Freund Programmieren. Wir spielen „Code your trainer“: Die Trainerin stülpt sich einen mit Alufolie verkleideten Karton über den Kopf – sie macht sich blind und damit zur unwissenden Maschine. „Ich will auf die Toilette, und ihr müsst mir sagen, wie ich dahin komme“, sagt sie. „20 Schritte nach vorn!“, ruft eines der Kinder. Sabine eilt nach vorn. Bäm, nach zehn Schritten knallt sie gegen den 3D-Drucker. Maschinen, haben wir nun gelernt, brauchen sehr detaillierte Befehle. Maschinen sind doof. Sie ahnen nicht. Und was sie wissen, müssen wir ihnen vorher beibringen.  

Wir lösen digitale Rätsel. Das Angry Bird soll zum Schwein laufen. In „Minecraft“ sollen wir drei Schafe scheren. Welche Befehle sollen wir der Maschine geben? Und in welcher Reihenfolge? Quinten, von Haus aus Perfektionist, hatte nur die ersten Minuten gezögert, sich an die neuen Aufgaben zu wagen. Dann hatte er kapiert: Nichts kann hier kaputtgehen. Falsch ist gut! Falsch ist wichtig. „Scheitern ist bei uns nicht nur erlaubt, sondern erwünscht“, sagt Julia Eckhoff, die Leiterin der Digitalwerkstatt.

Quinten bastelt an seinem Code, sein Vater schaut zu, rutscht auf seinem Stuhl herum. Quinten lässt ihn ran. Aber nur kurz. „Papa, darf ich was ausprobieren?“ – „Nee, lass mich erst mal machen!“ Der Kurs trifft ins Mark: Es gibt keinen Wissensvorsprung für Erwachsene. Außer einem Vater, der Informatik studiert hat, kann hier keiner Coden. Das schafft Augenhöhe.

Vielleicht muss nicht jedes Kind programmieren lernen. Denn wir wissen nicht, welche Informationen und Technik Kinder in 20 Jahren mal nutzen werden. Aber die Fähigkeiten, die sich aus dieser Erfahrung ableiten, können wir alle brauchen. Metakompetenzen, wie auch Muse sie vermittelt, werden Kinder definitiv brauchen: Selbstbewusstsein, Mut, Flexibilität, Leidenschaft. Die Fähigkeit, mit anderen Menschen in Verbindung zu sein. Digitale Bildung, das zeigt sich bei Muse und auch bei der Arbeit der Digitalwerkstatt, bedeutet in erster Linie, eine bestimmte Art des Denkens zu unterstützen.

Vivienne Ming selbst benutzt ihre Tools bei der Erziehung. Sie ist oft von ihren Kindern getrennt, weil sie so viel reist. Also spielt Ming mit ihnen am Telefon aus der Ferne eine Aufgabe aus Muse durch. Ihr Sohn leidet an Diabetes, deshalb hat Ming mit ihrer Ehefrau ein Programm geschrieben, das die Nahrungsaufnahme ihres Kindes überwacht. So funktioniert Vivienne Ming. Sie nimmt sich selbst und die Eltern in die Verantwortung. 

Damit wird sie zur Komplizin Hannah Arendts. Die Philosophin, die selbst keine Kinder hatte, sah die in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Reformpädagogik und deren Freiheitsideale kritisch. In ihrem 1958 erschienenen Aufsatz Die Krise in der Erziehung schreibt Arendt: „In der Erziehung entscheidet sich, ob wir unsere Kinder genug lieben, um sie weder aus unserer Welt auszustoßen und sich selbst zu überlassen, noch ihnen ihre Chance, etwas Neues, von uns nicht Erwartetes zu unternehmen, aus der Hand zu schlagen, sondern sie für ihre Aufgabe der Erneuerung einer gemeinsamen Welt vorzubereiten.“ Eltern, die einen Rahmen geben. Kinder, die selbstbewusst agieren.

Arendt betrachtete es auch als Aufgabe von Eltern und Erziehern, zwischen Altem und Neuem zu vermitteln – es brauche ein Gerüst, anhand dessen das Kind Freiheit erlangen kann und später Entscheidungen treffen kann, die der Welt dienen. „In der Erziehung entscheidet sich“, schreibt Arendt, „ob wir die Welt genug lieben, um die Verantwortung für sie zu übernehmen und sie gleichzeitig vor dem Ruin zu retten, der ohne Erneuerung, ohne die Ankunft von Neuen und Jungen, unaufhaltsam wäre.“ Ming folgt dieser Philosophie in extremer Weise. Sie sagt: „Es existieren keine sozialen Institutionen, um heute die Menschen zu erschaffen, die wir in 20 Jahren brauchen.“ Dafür ist ihre App auch nicht da. Sie gibt Eltern die Gelegenheit, ihre eigenen Werte und Glaubenssätze zu überprüfen – und sie dann bewusst an ihre Kinder weiterzugeben. 

Familie Ming in ihrem Haus. Norma (rechts) hat Vivienne im Jahr 2001 kennengelernt, als die noch ein junger Mann namens Evan war. Beide machten damals gerade ihren Doktor in Psychologie an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh

Ein Apriltag in Berlin, Ming ist nach Deutschland gereist, um auf einer Konferenz über die Einflüsse von Künstlicher Intelligenz auf die Gesellschaft zu sprechen. In einer Welt, in der Roboter und KI einen großen Teil der Arbeit der Bevölkerung übernähmen, sagt Ming auf der Bühne eines ausgedienten Heizkraftwerks, sei für Eltern eine Frage wichtig: „How can I make my kid robot-proof?“ Wie kann man sein Kind vorsorglich davor schützen, einmal überflüssig zu sein, ersetzbar in seiner Arbeitskraft durch Maschinen? Nach sechs Monaten mit Muse überrascht ihre Antwort kaum noch: „Mach sie menschlicher!“ Roboter seien kein Problem, auch keine Lösung. „Nur ein Werkzeug“, das richtig verstanden werden müsse, sagt Ming. 

Etwas später, die Abschlussrunde der Konferenz. Es geht wie so oft um das nächste große Ding in der Tech-Branche. Vivienne Ming hat das Schlusswort. Was sie den Menschen mitgeben wolle, fragt der Moderator. Ming dreht sich zum Publikum. „Drei Dinge“, sagt sie. „Erstens: Was auch immer du tust, häng dich rein. Werde Meister. Zweitens: Baue deine Bestimmung selbst. Warte nicht darauf, dass sie zu dir kommt. Und das Wichtigste: Lass los. Gib auf. Fang von vorn an.“ 

Sie sei so vieles in ihrem Leben gewesen, sagt Ming. Jede Transformation, habe sie zu einem besseren Menschen gemacht. „Wenn du das schaffst“, sagt sie, „ist KI egal. Dann bist du selbst die Person, von der du hoffst, dass deine Kinder sie mal werden.“ Stille. Der Moderator starrt Ming an. „Verdammt“, sagt er, „ich liebe dich.“ Großer Applaus. Es ist fast ein wenig unheimlich.

Muse hat mir über Nacht eine Botschaft geschickt: „Denk an die letzte wichtige Entscheidung, die Matti betroffen hat. Hast du ihn in diese Entscheidung einbezogen?“ Die Frage geht mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf. In gewisser Weise ist Muse so was wie mein persönlicher Sokrates geworden. Der griechische Philosoph hatte eine Kultur des Fragens als Mittel zur Erkenntnis etabliert, noch immer verwenden Coaches den Sokratischen Dialog als Tool. Diese spezielle Frage von Muse wird mich in Zukunft beeinflussen, wenn ich Entscheidungen treffe, die Matti berühren.

Am Nachmittag hole ich ihn von der Kita ab. Matti sitzt auf dem Fahrradsitz hinter mir. „Mama“, fragt er, „warum sind Kinder kleiner als Erwachsene?“ Ich halte kurz, steige ab, schaue ihn an. Now we’re talking! Ich frage zurück: „Bist du überhaupt kleiner als ich? Vielleicht ist das nur dein Körper. Aber: Du bist doch nicht nur dein Körper?“ Die Frage hätte auch von Muse kommen können. Matti überlegt. Wir fahren weiter. „Ich bin nicht nur mein Körper“, ruft er schließlich von hinten. Vielleicht benutzen wir Muse nie wieder, denke ich. Die besten Systeme sind ja die, die sich selbst abschaffen.

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