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Messenger, wo sind eure Innovationen?

Michel Penke, Gründerszene 16.02.2017

Echte Neuerungen im Messenger-Markt wagt nur der chinesische Wettbewerber WeChat. Mit Mini-Apps will er App-Stores ersetzen. Skype, WhatsApp und Co. üben sich in der Kunst des Kopierens.

Slack, Skype, Signal – Chat-Apps gibt es wie Sand am Strand. Nun hat auch Amazon einen Business-Messenger gestartet: Amazon Chime. Toller Name. Was er kann? So ziemlich genau das, was auch alle Anderen bieten. Gruppen-Chats, Video-Calls, das Übliche halt. Die Qualität der Video-Übertragung soll besser sein. Das wars. Neues Produkt, neues Branding – altes Konzept.

Amazon ist mit seinem bescheidenen Anspruch an Innovationen bei Messengern nicht alleine. Facebooks kreative Schaffenskraft konzentriert sich beim hauseigenen Messenger auf die Schaffung weiterer Anzeigenflächen. Whatsapp dürfte folgen. Der enorme Gewinn liegt auf der Hand: Welcher Nutzer wünscht sich nicht Werbebanner im Chatgespräch?

Auch das Thema Chatbots, das Facebook für 2016 groß angekündigt hatte, ist noch immer ein Ladenhüter. In der Facebook-App sind sie so gut versteckt, dass wohl nur Entwickler und Tech-Journalisten sie jemals gefunden haben. Auch die Algorithmen hinter den kleinen, künstlichen Intelligenzen sind noch sehr bescheiden. Die schriftliche Spracherkennung hat teils das Niveau eines Erstklässlers.

Googles nicht mehr ganz so neue Messenger-App Allo hat immerhin die anderen Dienste des Konzerns integriert, bringt ansonsten aber kaum Neuerungen mit. Emoji-artige, kitschige Sticker und die Veränderung der Schriftgröße sind alles, was dem zweitwertvollsten Konzern der Welt einfällt. Die Leidenschaft der Nutzer hält sich ebenso in Grenzen wie die Download-Zahl. Warum ist das so? Ist das Konzept Messenger schlicht ausgereizt? Ist jede neue Funktion nur ein neues Feature, das keiner braucht?

Nun – es gibt ja noch die Chinesen. Und die lassen es in Sachen Messenger-Entwicklung derzeit krachen. Das chinesische WeChat ersetzt – ähnlich wie Facebook bei uns – für viele Nutzer in Fernost das freie Internet. 800 Millionen Nutzer hat die App des Konzerns Tencent bereits, ein Drittel ihrer Online-Zeit verbringen User in WeChat. Erst Anfang des Jahres rollte der Dienst eine neue Funktion aus: Mini-Apps. Das sind abgespeckte Versionen von Apps, die nicht installiert werden müssen, sondern innerhalb des Messengers wie eine Webseite geladen werden. Sie können über Sucheingaben, Links oder Barcodes aufgerufen werden, sind nicht größer als ein Megabyte und verbrauchen damit weniger Bandbreite als die meisten Webseiten. Die Folge: schnelle Ladezeiten und damit geringe Abbruchraten. Der Nutzer bleibt im WeChat-Universum. Außerdem ist der technische Aufwand, eine solche Mini-App zu programmieren, gering. Denn Entwickler können zum Beispiel auf bereits in WeChat integrierte Bezahldienste zurückgreifen. Das spart Entwicklungszeit und damit Geld.

Startup Mobike bietet seinen Service via WeChat an. Die Mini-App von McDonalds lässt sich ebenfalls aufrufen und bietet seinen Followern auch einen News-Feed an.

Einmal aufgerufen bleiben die Mini-Apps in WeChat gelistet, können auf dem Homescreen abgelegt oder leicht gelöscht werden. Über 100 Anbieter von Mini-Apps gibt es bereits. Sollte sich der Trend fortsetzen, könnte es Smartphone-Nutzern bald egal sein, ob sie Android oder iOS in der Hand halten. WeChat-Apps laufen immer, sobald der Messenger installiert ist. WeChat würde – ganz nebenbei – zu einem neuen Quasi-Betriebssystem mit App-Store. Immer nah am chattenden Kunden, fern der Provisionsforderungen von Google und Apple. Neben großen Konzernen wie Starbucks und McDonalds sind auch viele Startups wie das Englisch-Lern-Programm Yoli oder die Fahrradleih-App Mobike mit dabei.

Doch Mini-Apps sind nicht der einzige technologische Unterschied zwischen WeChat und seinen westlichen Konkurrenten. Chinesen shoppen und überweisen schon seit langem und in großer Zahl über den Messenger. Sie buchen Flüge, Züge und Kinotickets. Das geht zwar auch schon über Facebook-Bots, wird aber kaum genutzt. Bei WeChat können Unternehmen zudem Firmen-Accounts erstellen und dort Kundenanfragen beantworten oder Waren verkaufen. Damit verschwimmt die Grenze zwischen App, Webseite und Social-Media-Account. WeChat wird zum WeWeb.

Ob man die Konzentration auf einem Messenger-Anbieter gut finden mag oder nicht: Unstrittig ist WeChats Experimentierfreude. Beim Thema Messenger scheinen die großen US-Konzerne einander derzeit nur zu kopieren. Auch kleinere Messenger-Anbieter wie Threema, Telegram und Signal zeigen keine wirklichen Innovationen. Es ist stets nur ein Mehr an Altbekanntem: mehr Verschlüsselung, mehr „lustige“ Sticker, mehr Datenschutz. Einzig Slack versprüht durch seine Öffnung für externe Entwickler etwas Innovation. Dank der Kreativität Anderer bietet es immer mehr kleine Anwendungen, die sich in die App des Business-Messengers installieren lassen.

Doch das ist kein Vergleich zum millionenschweren, chinesischen Experiment. Hierzulande übt man sich in der Kunst des Kopierens. Chinas WeChat-Universum expandiert derweil rasant. Beim Thema Messenger gilt: Der Osten gibt das Tempo vor. Im Westen nichts Neues.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Gründerszene.
Das Original lest ihr hier.

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