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Johnny Haeusler zu den 95 Thesen der „Kirche der Technologie“

Johnny Haeusler 01.11.2017

Sieht man mal über ein paar Binsenweisheiten hinweg, eignen sich die 95 Thesen zur vernetzten Welt des Iren John Naughton hervorragend zum konstruktiven Grübeln, findet unser Kolumnist. Aber was dann? Wo ist der Raum für die Debatte?

Der irische Akademiker, Journalist und Autor John Naughton hat am 31. Oktober 2017 ein spannendes Experiment gestartet. Er hat 95 Thesen als „Ausgangspunkt für eine Debatte über die vernetzte Welt“ an ein digitales Tor genagelt, genauer gesagt an eine Website namens 95theses.

In seinem Guardian-Artikel erläutert Naughton, wieso er diese Thesen in Anlehnung an jene Martin Luthers für wichtig hält. So, wie die katholische Kirche vor 500 Jahren als dominierende Macht bezeichnet werden konnte und durch Luthers Thesen herausgefordert und reformiert wurde, so könne man auch die „Kirche der Technologie“ als diejenige bezeichnen, der wir aktuell huldigen. Und die ebenso angezweifelt werden könne und reformbedürftig wäre.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es  an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

John Naughton sieht seine Thesen zur digitalen Vernetzung in der Tradition des akademischen Diskurses und somit als Ausgangspunkte für eine notwendige Diskussion. Dankenswerter Weise hinterlegt Naughton seine Thesen nach und nach mit Erläuterungen, und auch wenn schon der Vergleich mehrerer Technologien mit der katholischen Kirche mindestens sehr gewagt ist, passiert beim Lesen der Thesen genau das, was Naughton sich erhofft. Man kommt ins Grübeln und könnte in geeigneter Gruppe sicher jede einzelne These stundenlang diskutieren.

Binsenweisheiten der Digitalsphäre wie „Wenn der Service kostenfrei ist, bist du das Produkt“, „Das Smartphone ist das am meisten suchterzeugende Gerät aller Zeiten“ oder „Facebook ist nicht das Internet. Google auch nicht. Und auch das WWW nicht“ sind dabei vielleicht zu vernachlässigen. Denn echtes Futter fürs Hirn bieten Behauptungen wie „Überwachung ist das Geschäftsmodell des Internet“, „Das Internet könnte eine neue Art eines gescheiterten Staates werden“ (These 26) oder „Im Internet ist Angriff leichter als Verteidigung“ (These 62).

Trotz der beachtenswerten Mühe, die sich John Naughton mit seinen Thesen gemacht hat, und trotz der vielen tollen Anregungen, bleiben Leserinnen und Leser ein wenig ratlos zurück: Wie bitteschön soll das umgesetzt werden?! Denn Naughton kündigt einerseits die Debatte an, schafft aber keinen Raum dafür. Bisher gibt es keinen Hashtag nebst Aufforderung zum Diskurs, keine Kommentarfunktion unter den Thesen, kein Forum oder andere digitale Orte für Ergänzungen, Kritik, Applaus. So bleibt durch die Ankündigung eines Ebooks und möglicherweise eines gedruckten Buches zum Thema die Vermutung, dass sich John Naughton doch als zentrale Instanz sieht und die Debatte vorerst außen vor lassen möchte – aber was noch nicht ist, kann ja noch kommen.

Für den gemeinsamen Debattierabend mit Freunden und Bekannten bieten Naughtons Thesen auf jeden Fall genug Futter. Mein Startvorschlag wäre These Nummer 53: „The joke that ‚On the Internet, nobody knows you’re a dog‘ no longer works.“