Digital ist besser / Ihr wollt Snapchat doch gar nicht verstehen!

Johnny Haeusler 09.05.2016 Lesezeit 3 Min

Als Mitveranstalter einer großen Digitalkonferenz wundert sich unser Kolumnist über Menschen, die Snapchat nicht verstehen – und behauptet, dass sie auch gar nicht verstehen wollen.

Die re:publica ist immer gut für Überraschungen. Eine davon war für mich dieses Jahr das beeindruckende Interesse an Snapchat. Da standen erwachsene Menschen trommelnd an einer Workshop-Tür, um doch noch Einlass zum völlig überfüllten Talk eines Jugendlichen zu bekommen, der via Skype zugeschaltet war und erklärte, „wie Snapchat funktioniert“.

Snapchat hat den Ruf, schwierig zu sein. Fragte man diese Menschen, warum das ihrer Meinung so ist, gestanden nicht wenige von ihnen, dass sie die App nicht einmal installiert hatten. Da fragt man sich dann schon das ein oder andere Mal: WTF?

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Offenbar brauchen Deutsche für alles einen Kurs. Statt die App einfach mal zu installieren, ein paar Tage lang Quatsch damit zu machen, bei Fragen Google zu konsultieren und mit der Zeit ein Gefühl dafür zu bekommen, was mit Snapchat möglich ist, drängen sie in einen vollen Saal, in dem ihnen jemand etwas erklärt.

Es kann natürlich auch sein, dass die in den Workshop strömenden Menschen in erster Linie Marketing-People waren. In diesem Fall wollte niemand wirklich wissen, „wie Snapchat funktioniert“. Sondern wie Snapchat wirkt. Und wie man es für Werbung nutzen kann. Und wie man es den Kunden als weitere „Social-Media-Expertise“ verkaufen kann.

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Und das lässt mich dann doch ein wenig schmunzeln. Da predigen Erwachsene den Jugendlichen seit Jahren: „Pass gut auf, was du online machst! Pack nicht alles auf Facebook! Poste deine Bilder nicht so, dass sie jeder sehen kann!“

Und dann tun Jugendliche genau das. Sie setzen ihre Instagram-Konten auf privat, sie plaudern in Gruppen nur über WhatsApp und sie tauschen Selfies und Partyfotos auf Snapchat aus, wo sie nach wenigen Sekunden verschwinden sollen. Und dann kommen die gleichen Erwachsenen an und beschweren sich, dass sie ja nun gar nicht mehr mitbekommen, was die Teenager da machen, und wie man denn dort werben soll. Das ist schon ein bisschen lustig.

Für Snapchat, liebe Marketing-Menschen, braucht man mehr als potenzielle Kunden. Man braucht Freundinnen, Freunde oder wenigstens Bekannte. Es sei denn, man hat ein paar hunderttausend Euro übrig, um sich in die kommerziellen Snapchat-Kanäle einzukaufen, die sich dann auch nur vielleicht jemand ansieht.

Die für euch bittere, aber für viele andere tolle Wahrheit über Snapchat ist: Es ist ein Kommunikationskanal, der nicht so einfach von purer Werbung gekapert werden kann. Und die Möglichkeiten, die sich dennoch ergeben, findet ihr schon noch raus. Wenn ihr den Kurs Storytelling mit Urkunde abgeschlossen habt.

Es kann natürlich sein, dass es dann schon wieder eine neue App gibt, von der nur junge Menschen wissen, wie sie funktioniert. Aber die beraten euch dann sicher wieder gern in Workshops.