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Holt euch das InterNETZ zurück!

Johnny Haeusler 22.03.2017

Es wird zunehmend schwerer, über Plattformgrenzen hinweg zu kopieren, zu teilen, auch nur zu speichern. Aus Sicht der Plattformen und App-Betreiber ist das alles logisch, sagt unser Kolumnist: Wir sollen schön bei ihnen bleiben, uns im „Walled Garden“ einrichten. Aber wie faul wäre das denn? Johnny Haeusler fordert: Holt euch das InterNETZ zurück!

Im Interweb war das ja mal so: Wenn man auf einer Website war und einen sogenannten „Link” klickte, landete man auf einer anderen Website oder bei der Quelle eines Fotos oder Sounds oder Videos. Wer eine interessante Textstelle fand, markierte diese mit dem Mauszeiger, packte sie per „Copy” in die Zwischenablage und setzte sie danach mit „Paste” irgendwo wieder ein. Ähnlich einfach war das mit Bildern: Rechtsklick aufs Bild (später Drag&Drop), auf der eigenen Festplatte speichern, fertig. Für: Wenn mal was ist. Ach ja: Wer sich dafür interessierte, wie eine Website eigentlich programmiert wird, konnte sich den Quellcode jeder Seite ansehen und daraus lernen (oder auch kopieren). Alle Websites funktionierten so. Die private Homepage genauso wie die Mega-Firmensite. Und die Basis-Funktionen waren auf allen Betriebssystem gleich oder sehr ähnlich.

Mit der größeren Verbreitung von Videos wurde das alles ein wenig komplizierter. FLASH (Ahaaaaa!) eroberte als Erweiterung die Browser, machte die Integration von Animationen und Videos fast so leicht wie das Platzieren von Schadsoftware und sorgte dafür, dass das Speichern von Bewegtbild auf dem eigenen Rechner nur umständlich vonstatten ging. Und Einsicht in den Quellcode gab es nur begrenzt.

Generell aber galt: Eine gewisse Offenheit und Gleichstellung aller Inhalte (Netzneutralität, anyone?) sorgt für Verbreitung und vor allem für einfache: Vernetzung. Deshalb heißt es ja auch InterNETZ.

Im mobilen Netz sieht die Sache inzwischen aber etwas anders aus. Heute, wo wir unsere Online-Zeit mindestens so oft auf dem Smartphone wie an einem Desktop- oder Laptop-Rechner verbringen und daher nicht mehr am häufigsten im Browser, sondern in Apps, lässt die einfach Vernetzung mehr und mehr nach.

Das Kopieren eines Textes oder Speichern eines Bildes funktioniert zwar auch in der mobilen Version eines Browsers immer noch. Gerade die Apps der „sozialen” Netzwerke sind jedoch sehr darauf bedacht, die Nutzerin oder den Nutzer nicht aus ihrem Ökosystem heraus zu lassen, der Begriff „Walled Garden” ist heute gültiger denn je.

Einzelne Funktionen und Möglichkeiten unterscheiden sich je nach mobilem Betriebssystem, das Ziel ist aber überall das gleiche: Links sollen sich möglichst innerhalb der App öffnen (oder im in der App integrierten, manchmal funktionell etwas eingeschränkten Browser), das Kopieren des Links ist oft nur über mindestens einen Zwischenschritt möglich und das Teilen von Inhalten über das jeweilige Netzwerk hinaus wird so weit wie möglich unterbunden.

Das Kopieren von Fließtext innerhalb einer App? Ab und zu geht das noch. Die Quelle eines integrierten Fotos oder Videos finden oder ein Foto aus einer App im Browser öffnen? Geradezu unmöglich. Übergreifend Beiträge von Twitter zu Facebook, von Instagram zu Tumblr oder zurück teilen? Geht irgendwie, aber auf von App zu App unterschiedliche Arten. Ein Foto von Instagram speichern? Ein GIF, das man bei Twitter gefunden hat? Keine Chance. Oder nur über Umwege.

Manche dieser aus meiner Sicht fehlenden Funktionen vermissen wir vielleicht gar nicht oft. Vielleicht, weil wir schon umerzogen wurden. Dieses ganze Teilen und Weiterleiten und Verlinken und Speichern: Je umständlicher es auf dem Smartphone wird, desto eher bleiben wir halt innerhalb der Dienste, die wir dann als unser Netz betrachten.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED Germany geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen noch mehr Software in unserem Leben brauchen.

Der „Teilen”-Button in der iOS-Facebook-App bietet für Posts und Websites die Möglichkeiten, den jeweiligen Beitrag im eigenen Facebook-Stream, auf einer Facebook-Seite oder im Facebook-Messenger zu teilen. Oder den Link zu kopieren. Ob die letzte, für manche Nutzerinnen und Nutzer etwas obskur klingende Option viel genutzt wird? Freunde, die das Internet beinahe ausschließlich mittels Facebook nutzen, schicken mir jedenfalls jetzt schon Screenshots von Facebook-Einträgen via Whatsapp, wenn sie mich auf etwas hinweisen wollen.

In wenigen Jahren wissen wir nicht mehr, was ein Link ist. Und wozu man den kopieren soll. Und was zum Teufel war nochmal ein „Quelltext”?

Das Netz, das wir nutzen, ändert sich dauernd. Das ist normal, richtig und oft auch unserer Bequemlichkeit geschuldet. Und letzten Endes müsste man sich bei aller Nostalgie auch fragen, ob ein Internet allein mit TELNET, Gopher, RSS und FTP so erfolgreich geworden wäre, wie es heute ist. Sicher nicht.

Eine schleichende Abschirmung einzelner Dienste aber widerspricht dem wichtigen Grundgedanken einer tatsächlichen Vernetzung einzelner Akteure, Menschen, Dienste. Deshalb bleibt es bei aller Faulheit weiterhin wichtig, über den Plattform-Tellerrand zu schauen, Inhalte auf mehreren Kanälen zu teilen und nicht zu vergessen, dass Facebook nicht das Internet ist. Sondern nur ein Teil davon.

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