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Wie Ikea Smart Home den Weg ebnen könnte

Brian Barrett 15.08.2017

Lampen, die mit Sprachassistenten kommunizieren: Was banal klingt, ist Ikeas erfolgversprechender Einstieg in den Smart-Home-Markt. Denn die LEDs sind kompatibel mit allen bestehenden Systemen. Ein simpler, kleiner Anfang – mit möglicherweise großen Folgen.

Smart-Home-Technologie hat sich trotz gegenteiliger Voraussagen noch nicht wirklich etabliert. Klar kann man seine Lampen mit einer App dimmen oder sogar mit einigen Haushaltsgeräten kommunizieren. Aber die jahrelang versprochene Allgegenwart der vernetzten Wohnung hat noch keinen Platz im Mainstream gefunden. Das Internet of Things ist zu teuer, zu fehleranfällig und hat immer noch zu viele Fallstricke beim Zusammenspiel der einzelnen Geräte. Und wer kann das Problem lösen? Ein Unternehmen versucht es: Ikea. 

Das Smart-Home-Angebot des schwedischen Möbelherstellers beschränkt sich aktuell noch auf wenige Leuchtmittel. Eigentlich nicht besonders aufregend. Aber die Art, wie Ikea seine TRÅDFRI LEDs eingeführt hat, zeigt, wie es gelingen könnte, das Potenzial von Smart Home endlich freizusetzen: Es geht dabei um einen günstigen Preis, eine einfache Bedienung – und die entscheidende Weiterentwicklung, dass die Ikea-Lampen mit HomeKit, Alexa und Google Assistant kommunizieren können sollen. So eine neutrale Position ist natürlich einerseits typisch schwedisch. Aber: Der Rest des Marktes täte gut daran, dem Beispiel schnell zu folgen.

Das Smart Home von Ikea – das sich „Home Smart“ nennt – besinnt sich auf die Stärken des Möbelhauses. Der Funktionsumfang von TRÅDFRI-Lampen ist auf ein Minimum reduziert. Sie wechseln die Farbe nicht und lassen sich auch nicht von der anderen Seite der Welt steuern. Wer das sofort als Nachteil wahrnimmt, ist wohl auch nicht die Zielgruppe.

„Smart Home ist schon seit einiger Zeit möglich, es gibt aber zwei große Hürden“, sagt Björn Block, der Ikeas Smart-Home-Abteilung leitet. „Es ist zu kompliziert und zu teuer. Die Lösung ist, dass sie einfach einzurichten und zu verstehen sind, zu einem Preis, den es noch nicht gab.“

Ikea bietet die Möglichkeit, die smarten Lampen absichtlich ein bisschen dümmer zu machen

Deswegen sind die TRÅDFRI-Lampen sofort nach dem Auspacken startklar. Einfach reindrehen, Batterie in die Fernbedienung einsetzen und es kann losgehen. Smart und simpel. Natürlich kann man auch das gesamte Set kaufen, um die Geräte mit der App zu steuern, wie es sicherlich die meisten Käufer tun werden. Aber wenigstens gibt es die Möglichkeit, die smarten Lampen absichtlich ein bisschen dümmer zu machen.  

Mit Lampen einzusteigen ist auch für Ikea die simpelste Lösung. Bevor es irgendwelche Mikrochips an den FROSTIG Kühlschrank heftet, spielt Ikea bei Markteintritt erst einmal seine Stärken aus. „Sie verkaufen schon lange Beleuchtungszubehör“, sagt Brad Russell, IoT-Marktforscher bei Parks Associates. „Es passt einfach zu ihnen. Ein wichtiger Aspekt bei Leuchtmitteln ist auch Design, was dem Design-Bewusstsein von Ikea in die Hände spielt. Und auch allgemein ist eine Lampe ein günstiger Eintrittspunkt für Smart Home.“

Klein anzufangen, ist ein klarer Vorteil, weil Ikea-Kunden sich dann leichter an die Technik gewöhnen. So kann Ikea behutsam in den Smart-Home-Markt einsteigen und seine Kunden ebenso behutsam mit auf den Weg nehmen. Denn sie lernen: Das muss nicht komplex und kompliziert sein. Und es muss auch kein Schnittstellen-Durcheinander entstehen. Dass sich Ikea-Produkte gut in die bereits bestehende Ausstattung zuhause einfügen, hat Tradition.

Nach dem Software-Update wird man Trådfri auch mit der App von Philips Hue steuern können

Die TRÅDFRI-Lampen nutzen den Zigbee Light Link Standard, der mit einer großen Auswahl von unterschiedlichen Geräten kommunizieren kann. Das schließt auch konkurrierende smarte Glühlampen mit ein. Nach dem geplanten Software-Update wird man TRÅDFRI etwa auch mit der App von Philips Hue steuern können.

Die Kommunikation aller Geräte untereinander zu ermöglichen und zu fördern, macht Ikea derzeit noch zu einer Ausnahmeerscheinung in der Welt von Smart Home. Schließlich ist es nach wie vor ein Kampf um die begrenzte Anzahl von Steckdosen in einem Hause oder in einer Wohnung. Ikea hat sich dennoch für Offenheit entschieden, ein Modell, dass in einer idealen Welt von jedem Hersteller unterstützt werden würde.

„Uns war von Anfang an klar, dass wir alleine nicht erfolgreich sein würden“, sagt Block. „Wir hatten nie vor, ein abgeriegeltes System zu erschaffen, das andere Benutzer ausschließen würde.“ Block vergleicht Ikeas Herangehensweise an Smart-Home-Technik mit den konventionelleren Angeboten. „Wenn man die Ikea-Möbel betrachtet, lassen diese sich ja auch mit Möbelstücken anderer Hersteller kombinieren. Wir wollten dieses Prinzip beibehalten“, sagt Block. „Kunden sollen die gleiche Wahlfreiheit haben.“

Noch bedeutender ist es vielleicht, dass Ikea in diesem Sommer angekündigt hat, dass sich diese Wahlfreiheit auch auf Sprachassistenten erstreckt. Nach einem Software-Update wird es egal sein, ob man ein Google Home oder Amazon Echo oder beides besitzt: Alle Lampen werden gleichermaßen ansprechbar sein.

Denn Sprachbefehle sind ein wichtiger Faktor für den Erfolg von Smart-Home-Technik. Erst das Smartphone hervorzuholen, eine App zu öffnen und die Befehle einzutippen, wäre am Ende viel unpraktischer, als einfach einen Lichtschalter zu betätigen oder den Dimmer manuell anzupassen. Ein Haus, das seinen Bewohnern zuhört? Das ist Sci-Fi-Material.

„Ikeas Schachzug, alle intelligenten Assistenten zu unterstützen, wird eine viel größere Käuferschicht ansprechen als es je mit nur einem Assistenten möglich wäre“, sagt Adam Wright, IoT-Analytiker für Verbraucherelektronik beim Marktforschungsunternehmen IDC.

Die Alternative sieht nämlich so aus: Eine Welt, in der die Anschaffung eines Google Home oder Echo Dot auch gleichzeitig mitentscheidet, welche Haushaltsgeräte man sich zulegen kann. So weit hergeholt ist diese Vorstellung nämlich gar nicht. Hersteller schließen Verträge mit Amazon, um ihre Haushaltsgeräte mit Alexa zu vernetzen. Siemens und Bosch lassen sich über die Home Connect-Technologie zur Zeit nur mit Alexa steuern. Und in den USA wird es Kenmore Geschirrspüler bei Amazon nie mit Siri-Freigabe geben, da Amazon ohnehin keine Apple TVs verkauft. Wenn Smart Home massentauglich werden soll, müssen Geräte ohne Beschränkungen untereinander kommunizieren können. Genau das ist es, was Ikea verkauft.

Ikea kann seine Kunden auch in Sachen Smart Home schulen

Ikeas größter Vorteil – und die beste Chance, Smart Home im Allgemeinen voranzutreiben – ist die schiere Größe des Möbelhauses. Mehr als 900 Millionen Besucher spazieren jährlich durch die 340 Einrichtungshäuser auf der ganzen Welt. Ikea ist der weltweit größte Einzelhändler. Das bedeutet, dass das Unternehmen nicht nur verkaufen, sondern seine Kunden auch in Sachen Smart Home schulen kann.

„Die überwiegende Mehrheit der Verbraucher versteht den eigentlichen Nutzen dieser Produkte nicht wirklich“, sagt Russell. Aber was im Online-Shop vielleicht zu kompliziert oder nicht nützlich genug erscheint, kann vor Ort im Laden einen ganz anderen Eindruck hinterlassen.“ Ikea ist vielleicht der erste Hersteller, bei dem Kunden in Kontakt mit Smart-Home-Technik kommen. Das ist ein Vorteil, wenn der Möbelhersteller sein Smart-Home-Portfolio irgendwann ausbauen will.

„Wir können eine Menge Erkenntnisse sammeln, weil Kunden die Kaufentscheidung fällen, wenn sie das Produkt anfassen und ausprobieren können“, sagt Block. Ikea hat noch nicht entschieden, was das nächste Smart-Produkt werden wird. Block bestätigt aber, dass sein Team mit den meisten Abteilungen im Unternehmen zusammenarbeitet. Das bedeutet aber nicht, dass Ikea planlos an die Sache herangeht.

„Wir sind ziemlich interessiert an verschiedenen Produktbereichen, aber der gemeinsame Nenner ist, dass wir da nicht zum Selbstzweck hineinspringen werden“, sagt Block, „sondern nur, wenn es Sinn ergibt.“

In einer Welt, in der smarte Duschköpfe, smarte Haarbürsten und sogar smarte Mülleimer existieren, ist es erst einmal verwunderlich, dass ein Unternehmen sich auf nur wenige vernetzte Gegenstände konzentriert. Es ist eine ungewöhnliche Herangehensweise, nicht schnell, sondern mit Bedacht zu handeln und es am Ende gleich richtig zu machen. Das bewusst bescheidene Geschäftsmodell besiegelt es: Niemand profitiert mehr von Ikeas Einstieg in den Smart-Home-Markt als das Smart Home selbst.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com
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