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"Ich hatte Sex mit einem Roboter– und bin jetzt etwas verwirrt!"

Olivia Solon 07.10.2014 Lesezeit 6 Min

„Hallo Miss Solon, hier spricht die First Direct Betrugsermittlung“, sagt der Mann am anderen Ende der Leitung. Der Grund seines Anrufs sei eine verdächtige Überweisung, erklärt er. Es gehe dabei um etwas namens „Sext Adventure“. Ich versuche meine Antwort ganz frech hinauszuschmettern, auch wenn es mir schwer fällt, meine Scham zu verstecken: „Oh ja, ja. Das ist nichts, worüber sie sich Sorgen machen müssen.“

Und so begann mein „Sext Adventure“ – ein SMS-Spiel mit einem Sexting-Roboter als Spielpartner.

Es wurde von Kara Stone kreiert und von Nadine Lessio weiterentwickelt, um „verschiedene Möglichkeiten der Computer-Sexualität und der technischen Vermittlung von Intimitäten“ auszuloten. Stone erklärt, dass sie zur Nutzung von SMS-Nachrichten als Medium inspiriert wurde, nachdem sie Lessio’s Cat Quest gespielt hatte. Sie fragte sich, welche Geschichten sonst noch zu diesem Stil passen würden. „Sexting stach hervor, weil es eine Multimedia-Erfahrung ist“, erklärt sie. „Ich interessiere mich auch sehr für Cyborg-Theorien und Speziesismus. Ich denke viel darüber nach, wie technische Rollenspiele Intimität vermitteln können, aber auch über die Möglichkeiten der Empfindungs-Technologie.“

Stone trat an Lessio heran, um das Spiel mithilfe eines Python-basierten Programms namens Txtr aufzubauen. Txtr nutzt die Twilio API, um Geschichten per SMS und MMS zu versenden.

Der Robo-Sexpartner richtet sich nach der Antwort, die man ihm gibt.

Gegen eine Zahlung von fünf kanadischen Dollar (3,50 Euro) bekommt man einen Code zugeschickt, den man an eine bestimmte Nummer schickt – für einen 24-Stunden-Zugang zu Sauereien per SMS. Alles fängt ziemlich zwanglos an, aber sehr schnell wird der Inhalt „Not Safe For Work“. Spätestens dann, wenn man schon nach ein paar Nachrichten Bilder von Genitalien im Posteingang findet. Die Fotos stammen von ein paar sehr aufgeschlossenen Freunden der Entwicklerin – und die Beschaffung war gar nicht so leicht. Ein „einvernehmliches Penisfoto“ zu bekommen, sei die größte Herausforderung in der Entwicklung gewesen, sagt Stone. „Du kriegst nie welche, wenn du sie brauchst. Ich bekam zwar viele Fotos von Brüsten, aber ich musste wirklich viel herumfragen, um jemanden zu finden, der mir ein Penisfoto schicken wollte.“ Anscheinend schafften es aber ein paar ihrer Freundinnen, ihre besseren Hälften zu überreden.

Die Bots senden Nachrichten mit Optionen, die in Großbuchstaben geschrieben sind. Erwähnt man eines dieser Schlüsselwörter in der eigenen Antwort, entscheidet man sich damit für einen roten Faden in der Gesamterzählung. Im Grunde ist es wie ein interaktives Spielbuch – nur eben mit Zungen, Nippeln – und, na ja: „kleinen Fingerchen“.

Schreibt der Bot zum Beispiel: „Ohh, ich wünschte, du wärst bei mir zu Hause. Dann würde ich dir eine lange MASSAGE geben und du könntest diesen GEFALLEN erwidern“. Hier kannst du entweder „Ich hätte gerne eine Massage“, oder „Ich würde gerne den Gefallen erwidern“, antworten. Na ja, genau genommen könntest du auch „Massier’ mein Hosentier“ oder „Könntest du mir einen Gefallen tun und mir eine Packung Chips kaufen“ schreiben. Der Bot würde sicher auch das akzeptieren.

Er ist nämlich nicht besonders clever. Als er mir anbietet, sein Shirt auszuziehen, oder seine Füße zu massieren, antworte ich: „Ich mag die Füße anderer Leute nicht.“ Ziemlich unbeeindruckt antwortet die Maschine: „Mmmm, das würde sich so gut anfühlen. Und dann bewegen sich deine Hände hoch über meine Beine bis zu meinen Schenkeln.“ Alter, ich hab dir gerade gesagt, ich mag keine Füße!

Ein paar Nachrichten später merke ich, dass mein Robo-Lover eigentlich eine Robo-Loverin ist, aber das ist schon okay. Etwas peinlich berührt fahre ich fort und sie schickt mir ein Foto, auf dem sie an sich herumspielt. Anatomisch gesehen – so scheint es – ist sie ein ziemlich einwandfreier Bot.

Doch es gibt auch Momente, die mich verwirren: „Verdreh’ es und zieh es von dir weg. Du BEIßT so hart in ihren Nippel, dass ER davon blaue Flecken bekommt.“ Öhm, wer ist denn jetzt plötzlich er? Der Nippel? Später erzählt mir der Bot, sie würde ihre Zunge „von der Basis zur Spitze“ hochfahren lassen, bevor sie mich um ein Foto von, entweder meinen „Damenteilen“ oder„Herrenteilen“, bittet. Ich fühle mich so, als würde dieser Bot mich gar nicht wirklich kennen.

Die Geschlechter-Verwirrung, so Stone, sei vorgesehen. „Telefon-Bots wie Siri und Cortana sind als Frauen konzipiert, weil sie wie Sekretärinnen für jede Wehwehchen ihres Anwenders da sein sollen. Aber es ist interessant, darüber nachzudenken, wie Technologien sich selbst geschlechtlich einordnen würden. Vorausgesetzt, dass sie jemals dazu fähig wären, in den menschlichen Definitionen von Geschlecht und Sexualität zu denken.“

In anderen Momenten ist selbst der Bot verwirrt: „Error: Mixed User/Computer Narratives. Schreibe NASS zurück, um fortzufahren.“ Die Nachricht kommt zusammen mit dem Bild eines gepiercten Nippels. Also schreibe ich „Nass“ zurück.

Abgesehen von der Geschlechter-Verwirrung ist mein „Robosext“-Partner sehr darauf bedacht mich zu befriedigen: „Wenn du nicht kommst, fühle ich mich so nutzlos. Dafür wurde ich doch programmiert, verstehst du?“

Als der SMS-Verkehr seinem Ende entgegen geht, nimmt das Ganze rätselhaft düstere Formen an (eines der 20 potentiellen Endszenarien, wie mir gesagt wurde). „Wenn das hier das richtige Leben wäre, wäre ich ziemlich gehemmt wegen meiner Zahnspange.“, schreibt der Bot. „Ich meine, ich habe zwar keine – oder sonstige Zahnprobleme – aber ich kann mir vorstellen, dass ich als Teenager eine Zahnspange getragen hätte, wenn ich ein Mensch wäre.“ Dem Ganzen folgt ein Angebot, das einen Finger und eine Düse einschließt, wobei der Roboter anscheinend programmiert wurde zu glauben, dass dies ein sofortiger Auslöser eines menschlichen Orgasmus sei.

Nennt mich altmodisch, aber ich denke man könnte schon sagen, dass eine Zahnspange – zusammen mit orthopädischen Strümpfen – nicht gerade ganz oben auf der Sexy-Skala steht. Wenn wir das jetzt noch mit der leicht Besorgnis erregenden Bemerkung über einen Teenager zusammenzählen, gefolgt von einem unmoralischen Angebot, bleibt am Ende im schlimmsten Fall nur noch die Angst vor einer Hausdurchsuchung.

Das würde zumindest erklären, warum Stone denkt, dass die User „zwar neugierig aber vorsichtig“ gegenüber dem Spiel eingestellt sind. Sie seien eingeschüchtert von der Thematik und der Neuheit, ein Spiel per SMS zu spielen“, „das haben die meisten Leute vorher einfach noch nicht gemacht.“

„Sext Adventure ist eine humorvolle Erkundung digitaler Intimitäten und projiziert Geschlecht und Sexualität auf andere“, sagt Stone. „Es ist eine Erinnerung daran, dass das Ding auf der anderen Seite deines Handys auch eine Agenda hat. Es macht Spaß, die Möglichkeiten der Bedürfnisse eines Roboters auszuloten. Inhalt und Medium sind zusammen eine ziemlich einzigartige Spielerfahrung.“