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Skills-Kolumne / Kathrin Passig und Anne Schüßler über die Tücken des Programmierens

Kathrin Passig, Anne Schüßler 21.10.2014

Wer Programmieren lernt, muss auf eines unbedingt verzichten: auf die Gesellschaft von Menschen, die schon programmieren können.

KATHRIN PASSIG und ANNE SCHÜSSLER schreiben leidenschaftlich Blogs, Tweets und Code. In WIRED geben sie regelmäßig Überlebenstipps für Nachwuchsprogrammierer.

Wenn man viele Programmierer im Freundeskreis hat, liegt der Gedanke nahe, selbst Programmieren zu lernen. Also noch näher, als er sowieso liegt, seit auch in der Apotheken Umschau steht, Programmieren sei eventuell das neue Lesen und Schreiben. Schließlich ist man ja von Experten umgeben, die einem alles beibringen können. 

Das stimmt allerdings so nicht. Wer ständig kompetente Programmierer um sich hat, dem wird es nicht leichter, sondern eher schwerer fallen, selbst in die Softwareentwicklung einzusteigen. Fragt man die besagten Experten, wie ihre eigenen ersten Schritte aussahen – dann wird man hören, dass sie das Handwerk als Kind allein gelernt haben oder zusammen mit zwei Freunden, die selbst kaum mehr davon verstanden. Vielleicht im Laufe ihrer Ausbildung. Aber sicher nicht als einziger Anfänger unter lauter Fachleuten. 

Weil sich Programmierer meist nur mit anderen Programmierern unterhalten, ist ihre Fähigkeit, sich auf Novizen einzulassen, oft unterentwickelt.

Anderen dabei zuzuschauen, ein tolles Programm nach dem anderen zu bauen, ist nicht sonderlich ermutigend, wenn gleichzeitig im eigenen Code der einzige Button immer noch nicht das tut, was er sollte. Auch Reden hilft entgegen der landläufigen Meinung nur bedingt. Weil sich Programmierer meist nur mit anderen Programmierern über Programmierung unterhalten, ist ihre Fähigkeit, sich auf die Probleme von Novizen einzulassen, oft unterentwickelt. Wesentlich mehr Erfolgserlebnisse hat man als Einäugiger unter den Blinden. Oder wenigstens anderen Einäugigen. Und selbst wenn der Freundeskreis nur aus anderen Programmierern bestehen sollte: Mit ein paar einfachen Vorkehrungen kann man ein ungestörtes Anfängerleben führen.

Als Erstes braucht man ein etwas aus der Mode gekommenes Einsatzgebiet für den Code, den man schreiben will. Es sollte nicht ganz so veraltet sein wie – sagen wir mal – eine Adressdatenbank (obwohl es auch dafür gute Gründe geben kann). Idealerweise sucht man etwas, für das sich erfahrenere Programmierer vor mindestens zehn Jahren interessiert haben, das heute aber immer noch halbwegs nützlich ist: ein Plug-in fürs eigene Blog vielleicht oder ein wechselndes Element in einer ansonsten statischen Website.

Neue und coole Einsatzgebiete hingegen bringen nur Unheil, denn man wird der Versuchung kaum widerstehen können, mit Profis über sie zu reden. Und die Profis werden ihrerseits verlockt sein, sich einzumischen. Finger weg also von Smartphone-Apps, dem Internet of Things und Datenvisualisierung. Falls es unbedingt etwas Aktuelles sein muss, empfiehlt sich ein möglichst spezielles Einsatzgebiet, zum Beispiel das Kartografieren des Fledermausvorkommens in der Eifel.

Wer seine Ruhe haben will, macht besser einen großen Bogen um alle Programmiersprachen, die in den letzten 15 Jahren erfunden wurden.

Dasselbe Prinzip gilt übrigens für die Wahl der Programmiersprache oder des Frameworks. Wenn man möglichst seine Ruhe haben will, macht man besser einen großen Bogen um alles, was in den letzten 15 Jahren erfunden wurde: Ruby on Rails, Processing, Clojure, Go und Swift sind tabu, C# (Jahrgang 2000!) kommt gerade ins brauchbare Alter. Bei Programmiersprachen, die älter als 30 Jahre sind, wird es auch wieder heikel: Sie könnten inzwischen schon wieder einen Coolness-Bonus genießen, und dann muss man die einmischungswilligen Experten mit der Schrotflinte vertreiben. Selbst wenn die informierten Freunde gar nichts von Algol, Fortran, Smalltalk oder Lisp verstehen, werden sie eine persönliche Herausforderung fühlen und den Anfänger in anstrengende Gespräche verwickeln.

Der größte Vorteil: Wenn einem niemand beim Programmieren hilft oder über die Schulter guckt, kann man die bequemsten Jogginghosen dazu anziehen, ohne Unterhose oder gleich ganz nackt programmieren. Zuschauer, die noch weniger davon verstehen als man selbst, sind dabei natürlich zugelassen. Man kann ihnen dann ja erklären: „Das ist eine neue Methode, sie heißt Comfort Driven Programming, und, schau hier: Der Button macht schon beinahe, was er soll!“ Die Antwort wird nur stille Bewunderung sein. 

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